Bankwesen
Vontobel warnt vor «Überregulierung» vor neuen Bankenregeln
Im Vorfeld der staatlichen Reformen nach dem Zusammenbruch der Credit Suisse warnt die Zürcher Bank Vontobel, die Schweiz müsse «Überregulierung» vermeiden, um die Wettbewerbsfähigkeit des Finanzplatzes zu sichern.

Die Schweiz steht an einem entscheidenden Scheideweg. Während der Bund umfassende Reformen des «Too Big To Fail»-Regimes vorbereitet, spricht Vontobel eine deutliche Warnung aus: Überregulierung gefährdet die Wettbewerbsfähigkeit des Finanzplatzes. Der Geist des spektakulären Zusammenbruchs der Credit Suisse im Jahr 2023 spukt am Paradeplatz noch immer umher und treibt Bern zu beispiellosen regulatorischen Verschärfungen. Branchenvertreter argumentieren jedoch, ein Vorgehen mit eiserner Faust könne mehr schaden als nützen.
Christel Rendu de Lint, Co-CEO von Vontobel, einem Schwergewicht mit verwalteten Vermögen von stolzen 241 Milliarden Franken, hat eine klare Grenze gezogen. Sie sagt, die Wahrung des Status der Schweiz als führender Finanzplatz sei «die Verantwortung aller» und verlange von Politik, Aufsichtsbehörden und Unternehmen gleichermassen eine sorgfältige Abwägung. «Überregulierung ist keine gute Sache», erklärte Rendu de Lint und mahnte die Gesetzgeber, vorsichtig vorzugehen, bevor die Tinte unter der neuen Gesetzgebung trocken ist.
Es steht enorm viel auf dem Spiel. Die Schweiz ringt derzeit mit der Frage, wie viel Risiko sie von einem verbliebenen Bankenschwergewicht dulden kann, dessen Bilanz die gesamte inländische Wirtschaft übertrifft. Korrigiert Bern zu stark, droht es genau jene Agilität zu ersticken, die das Schweizer Bankwesen weltweit zum Goldstandard gemacht hat. Die bevorstehende Gesetzesdebatte wird die Entwicklung des Schweizer Finanzsektors für eine Generation prägen.
Ein Preisschild von 26 Milliarden Dollar: Die Kosten globaler Dominanz
Die Zahlen sind gewaltig. Analysten schätzen, dass der Kapitalbedarf der UBS um enorme 26 Milliarden Dollar steigen könnte, wenn Bern die vollständige Kapitalisierung ausländischer Tochtergesellschaften vorschreibt. Dabei geht es nicht bloss um eine technische Anpassung, sondern um einen grundlegenden Wandel in der Art und Weise, wie die Schweiz ihre einzige verbliebene global systemrelevante Bank beaufsichtigt.
Der mit Spannung erwartete Bericht des Bundes dürfte im April oder Mai erscheinen und voraussichtlich eine heftige und langwierige parlamentarische Auseinandersetzung auslösen. Die vorgeschlagenen Reformen beschränken sich nicht auf Kapitalpuffer. Sie zielen darauf ab, das Instrumentarium der Schweizer Finanzmarktaufsicht FINMA deutlich auszubauen. Mit stärkeren Instrumenten für frühzeitige Interventionen und der beispiellosen Befugnis, Führungskräfte persönlich zur Verantwortung zu ziehen, dürfte die FINMA zu einer deutlich mächtigeren Aufsichtsbehörde werden.
Diese aggressive Haltung sorgt jedoch für erhebliche Spannungen. Die Schweiz muss die unbestreitbaren Vorteile abwägen, die ihr die UBS als internationale Grossbank bringt, und die existenzielle Gefahr eines weiteren Bankenkollapses. Eine Kapitalbindung von 26 Milliarden Dollar könnte den globalen Handlungsspielraum der Bank stark einschränken. Damit stellt sich dringlich die Frage, ob der Preis absoluter Sicherheit in einem wettbewerbsorientierten freien Markt schlicht zu hoch ist.
Gegen den Strom: Bern stellt sich gegen die globale Deregulierung
Bern zieht die Schrauben an, während der Rest der Welt sie lockert. In deutlichem Gegensatz zu den globalen Finanztrends treibt die Schweiz strenge Bankenregeln voran, während ihre internationalen Konkurrenten zurückrudern. Der Kontrast ist offensichtlich und hat weitreichende Folgen.
In den Vereinigten Staaten hat Präsident Donald Trump eine entschlossene Deregulierungsphase angekündigt, um die Wall Street von belastender Aufsicht zu befreien. Unterdessen haben die Europäische Union und das Vereinigte Königreich wichtige Bestandteile von Basel III aktiv abgeschwächt oder deren Umsetzung verzögert, also genau jene Kapitalstandards, die in der Schweiz entwickelt wurden. Indem Bern auf strikte Einhaltung setzt, riskiert es, den Finanzsektor des Landes auf einer Insel voller Bürokratie zu isolieren.
Diese unterschiedliche Regulierung bringt Schweizer Banken auf der Weltbühne deutlich ins Hintertreffen. Während internationale Konkurrenten mit lockereren Regeln ihre Verschuldung und ihr aggressives Wachstum maximieren, müssen sich Schweizer Institute durch ein Labyrinth von Kapitalvorschriften bewegen. Rendu de Lint hält zu Recht fest, dass regulatorische Veränderungen «im globalen Kontext» beurteilt werden müssen. Wird die Schweiz zum am stärksten regulierten Land der Welt, könnte sie lukratives Kapital und Spitzenkräfte unbeabsichtigt direkt in die Arme ihrer weniger strengen Konkurrenten treiben.
Kollateralschäden: Die Auswirkungen auf Schweizer Vermögensverwalter
Die Folgen reichen weit über die hoch aufragende UBS-Zentrale hinaus. Vontobel und andere mittelgrosse Anbieter sind zwar nicht die Hauptziele der Kapitalanforderungen im Rahmen von «Too Big To Fail», geraten aber unweigerlich ins Kreuzfeuer. Das bevorstehende Reformpaket droht eine Welle unbeabsichtigter Folgen auszulösen, die sich durch das gesamte Finanzökosystem fortpflanzen wird.
Schweizer Gesetzgeber schlagen bereits Alarm. Kleinere Vermögensverwalter und traditionelle Privatbanken geraten derzeit unter der erdrückenden Last steigender Compliance-Kosten ins Wanken. Eine weitere umfassende Ebene von Bundesvorschriften könnte erzwungene Zusammenschlüsse beschleunigen und Boutique-Firmen verdrängen, denen die nötige umfangreiche Infrastruktur fehlt, um sich im Regulierungsdschungel zurechtzufinden.
«Das muss im globalen Kontext betrachtet werden», betonte Rendu de Lint und räumte ein, dass ein überreguliertes Umfeld die Innovation auf breiter Front hemmt. Wenn die Kosten für die Geschäftstätigkeit stark steigen, bezahlen letztlich die Kundinnen und Kunden den Preis. Passt die Schweizer Regierung ihre Reformen nicht gezielt auf Grossbanken an, riskiert sie, die vielfältige, mehrstufige Bankenlandschaft auszuhöhlen, die seit Jahrhunderten das Fundament der Schweizer Finanzstabilität bildet.
Der sichere Hafen schlechthin: Warum der Schweizer Franken die Nase vorn hat
Mitten in diesem Regulierungssturm behauptet sich der Schweizer Franken. Während geopolitische Spannungen eskalieren und sich die US-Aktienmärkte gefährlich stark auf einige wenige mit künstlicher Intelligenz verbundene Tech-Giganten konzentrieren, suchen globale Anlegerinnen und Anleger verstärkt Schutz. Vontobel berichtet, dass Kundinnen und Kunden die Währungs- und geografische Diversifikation wieder «auf die Titelseite» setzen, was massive Kapitalzuflüsse in die Schweiz antreibt.
Rendu de Lint verteidigt den Schweizer Franken vehement als «zuverlässigen sicheren Hafen» und stellt die Unbesiegbarkeit des US-Dollars offen infrage. «Wenn es eine Krise wie 2008 gäbe, würde der Dollar dann aufwerten oder abverkauft werden?», fragte sie. «Wäre er ein Schutz oder würde man noch stärker ins Risiko gehen?» Ihre Warnung wird durch jüngste Phasen von Marktstress gestützt, in denen der Dollar deutlich schwächelte.
Diese Entwicklung bietet der Schweiz eine grosse Chance, sofern die Regierung die Attraktivität des eigenen Marktes nicht wegreguliert. Der Kapitalzufluss von Anlegerinnen und Anlegern, die Sicherheit durch den Standort suchen, zeigt, dass die Marke Schweiz nach wie vor ausserordentlich stark ist. Um diesen Vorsprung zu bewahren, muss Bern mit den bevorstehenden Reformen Stärke und Stabilität vermitteln, statt die Wirtschaft in Bürokratie zu ersticken. Die Welt schaut zu, und die Zukunft des Schweizer Bankwesens steht auf dem Spiel.