Venezuela
Maduros Festnahme: Folgen für Schweizer Banken, Ölhändler und venezolanisches Gold
Nach der von den USA angeführten Festnahme von Nicolás Maduro beleuchtet dieser Artikel die vielfältige Rolle der Schweiz: vom Entscheid der Regierung, Vermögenswerte einzufrieren, über die Geschichte des Landes als Drehscheibe für venezolanisches Gold bis hin zur vorsichtigen Reaktion der Schweizer Ölhandelsunternehmen.

Bern hat keine Zeit verloren. Mit einem entschlossenen Schritt, der in den Finanzzentren Zürichs und Genfs nachhallte, zog die Schweizer Regierung diesen Montag der Kapitalflucht aus Venezuela den Riegel vor und fror sämtliche Vermögenswerte des abgesetzten Präsidenten Nicolás Maduro und seiner Vertrauten «mit sofortiger Wirkung» ein. Das ist nicht bloss eine bürokratische Massnahme, sondern eine vierjährige Sperre, die verhindern soll, dass ein Land im Chaos ausgeplündert wird.
Die Anordnung des Bundesrats ist unmissverständlich und kompromisslos. Die Mitglieder der aktuellen Übergangsregierung sind ausdrücklich von der Sperre ausgenommen, damit sie regieren können. Das gefallene Regime hingegen ist gezielt betroffen. Berns Botschaft ist klar: Die Gründe für Maduros Sturz sind für die finanzielle Realität unerheblich. Vorrang hat, zu verhindern, dass potenziell unrechtmässig erworbene Milliarden auf Nimmerwiedersehen in Offshore-Konten verschwinden. Sollten Gerichtsverfahren nachweisen, dass diese Gelder gestohlen wurden, hat die Schweiz zugesagt, sie ihren rechtmässigen Eigentümern zurückzugeben, dem venezolanischen Volk. Dieser vorsorgliche Schritt unterstreicht die zunehmend entschlossene Haltung der Schweiz, nicht als sicherer Hafen für Kleptokraten missbraucht zu werden.
Der Goldabfluss: Milliarden in Goldbarren
Die Zahlen sind enorm. Zwischen 2012 und 2016 liess ein verzweifeltes venezolanisches Regime gewaltige 127 Tonnen Gold in die Schweiz bringen, im Wert von fast 4,7 Milliarden Franken. Das war kein gewöhnlicher Handel, sondern der hektische Ausverkauf des nationalen Erbes, um einen Staatsbankrott abzuwenden. Zolldaten zeigen: Während die Zentralbank Venezuelas ihre Tresore leerte, verarbeiteten Schweizer Raffinerien das Gold und machten aus Caracas’ Panik zertifizierte Barren für den Weltmarkt.
Heute ist dieser Goldstrom versiegt. Der Gegensatz ist drastisch und alarmierend. Auf die hektischen Milliardengeschäfte des vergangenen Jahrzehnts folgte ein praktisch vollständiger Einbruch des Handels. 2024 beliefen sich die Schweizer Exporte nach Venezuela auf gerade noch 36 Millionen Franken, ein katastrophaler Rückgang um 90 Prozent gegenüber zehn Jahren zuvor. Schweizer Unternehmen, die das hohe Risiko von Zahlungsausfällen und US-Sanktionen scheuen, haben Venezuela praktisch den Rücken gekehrt. Das Gold, das einst durch Raffinerien im Tessin floss, hat ein kontroverses Erbe hinterlassen und wirft unbequeme Fragen zur Rolle der Schweiz als Verarbeitungsdrehscheibe für ein Regime auf, das gleichzeitig die eigene Wirtschaft zugrunde richtete.
Schlafender Riese: Das Dilemma der Ölhändler
Venezuela verfügt über die weltweit grössten nachgewiesenen Ölreserven, mehr als 300 Milliarden Barrel, produziert aber kümmerliche eine Million Barrel pro Tag. Nun, nach der Intervention der USA, erwacht der schlafende Riese, und die Händler in Genf und Zug beobachten die Lage mit Argusaugen. Die Schweiz ist das Nervenzentrum dieser Branche und wickelt schätzungsweise 35 Prozent des weltweiten Ölhandels ab. Sollte venezolanisches Rohöl wieder fliessen, dürften Schweizer Verträge dabei eine zentrale Rolle spielen.
In den Handelshäusern von Vitol, Trafigura und Gunvor herrscht jedoch kalkulierte Vorsicht. Die Infrastruktur ist nach Jahren der Korruption marode, und die politische Lage ist ein Minenfeld. «Wir haben keine Kristallkugel», sagt Florence Schurch von Suissenégoce. Die Branche verlangt Sicherheit, bevor sie die Milliarden investiert, die nötig wären, um die beschädigten Pumpen und Pipelines wieder instand zu setzen. Während Trump eine rasche Rückkehr zur Produktion verspricht, wissen Schweizer Händler, dass man nicht allein auf Worte setzen sollte. Sie sind bereit zuzupacken, aber erst, wenn sich die rechtliche und praktische Lage beruhigt hat.
Imperialismus oder Befreiung? Das Schweizer Urteil
Maduros Festnahme hat die Schweizer Meinungen entlang einer scharfen ethischen Grenze gespalten. Das Ergebnis, die Absetzung eines brutalen Diktators, wird begrüsst, doch die Methode hat grosse Unruhe ausgelöst. Le Temps findet deutliche Worte und bezeichnet den US-Angriff als «potenziell dramatischen Wendepunkt», der die Welt in eine neue neokoloniale Ära stürze. Die Angst ist spürbar: Wenn die Souveränität heute derart unverhohlen verletzt werden kann, wessen Grenzen sind morgen noch sicher?
Blick bringt die Ambivalenz im Land treffend auf den Punkt: Zwar sei «die Welt um einen Diktator ärmer», doch die Operation hinterlasse einen «bitteren Nachgeschmack». Sie markiere eine Rückkehr zum aggressiven US-Imperialismus, der das Völkerrecht missachte. Die NZZ vertritt derweil eine pragmatische, beinahe nüchterne Haltung und argumentiert, dass die Vorteile der Absetzung eines Narco-Terroristen die Kosten wahrscheinlich überwögen. Während die Schweiz sich in dieser neuen geopolitischen Realität zurechtfindet, bleibt die Frage: Können wir die Befreiung Venezuelas feiern und zugleich die Hand verurteilen, die sie herbeigeführt hat?