Wirtschaft
US-Handelskonflikte erzwingen eine Neuausrichtung der Schweizer Wirtschaftsstrategie
Die Schweiz steht unter beispiellosem Handelsdruck: US-Zölle veranlassen sie zu einer strategischen Neuausrichtung ihrer internationalen Handelsbeziehungen.

Der US-Zollhammer ist gefallen, und die Schockwellen erschüttern die Wirtschaftsaussichten der Schweiz. In einer drastischen Korrektur, die auf grosse Schwierigkeiten hindeutet, hat die KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich ihre Wachstumsprognose für das Bruttoinlandprodukt (BIP) 2026 auf lediglich 0,9 Prozent gesenkt. Noch in diesem Sommer hatte sie 1,5 Prozent vorausgesagt. Das ist keine geringfügige Korrektur, sondern ein Warnsignal.
Der Grund ist eindeutig: der erdrückende Zoll von 39 Prozent, den Washington Anfang August verhängt hat. Während die Schweizer Wirtschaft 2025 voraussichtlich mit einem Wachstum von 1,4 Prozent über die Runden kommt, nehmen die langfristigen Schäden zu. Schweizer Exporteure sehen sich nun mit einem feindseligen Handelsumfeld konfrontiert, in dem ihre Waren deutlich höher verzollt werden als jene ihrer EU-Konkurrenten. Die Unsicherheit ist greifbar, und die Daten senden eine klare Botschaft: Die Zeiten des einfachen Zugangs zum amerikanischen Markt sind vorbei, und die Schweizer Wirtschaft bezahlt dafür den Preis.
Der Arbeitsmarkt kommt zum Stillstand
Mit dem Anstieg der Handelsbarrieren kommt der Schweizer Jobmotor beinahe zum Erliegen. Für 2025 wird ein Beschäftigungswachstum von gerade einmal 0,3 Prozent prognostiziert. Das ist der tiefste Stand seit den dunkelsten Tagen der Pandemie. Der Arbeitsmarkt kühlt sich deutlich ab, was die Lebensgrundlage von Arbeitnehmenden im ganzen Land gefährdet.
Auch die Aussichten für 2026 bieten kaum Entlastung: Das Beschäftigungswachstum dürfte mit 0,5 Prozent schwach bleiben. Folglich wird ein Anstieg der Arbeitslosenquote auf 3,2 Prozent erwartet. Zwar könnten die Reallöhne wegen der tiefen Inflation leicht steigen, doch insgesamt herrscht Stillstand. Unternehmen, die unter Exportzöllen und Unsicherheit leiden, treten bei Neueinstellungen auf die Bremse. Die Auswirkungen des US-Protektionismus sind längst keine abstrakten wirtschaftlichen Konzepte mehr. Sie zeigen sich hierzulande in eingefrorenen Einstellungsprozessen und steigenden Arbeitslosenzahlen.
Die bittere Pille der Pharmaindustrie
Die Pharmaindustrie, lange eine unerschütterliche Säule der Schweizer Wirtschaft, steht vor einer prekären Bewährungsprobe. Sie schützt die Wirtschaft derzeit zwar vor einer vollständigen Rezession, steht aber unter Druck. Fachleute warnen, dass Schweizer Pharmariesen gezwungen sein könnten, ihre Preise in den USA um 10 Prozent zu senken, um den Marktzugang zu erhalten. Das würde ihren Beitrag zur Wirtschaft stark schmälern.
Damit ist die Gefahr nicht gebannt. Forschende der KOF weisen auf eine drohende Gefahr hin: Die US-Zölle könnten auf Medikamente ausgeweitet werden, die derzeit zollfrei sind. Sollte Washington als Nächstes diesen Sektor ins Visier nehmen, wären die Folgen katastrophal. Die Branche bewegt sich auf einem schmalen Grat zwischen der Pflicht zu Preissenkungen und der Gefahr künftiger Handelsbarrieren. Was einst als verlässlicher Wachstumsmotor galt, ist nun ein Sektor, der mit hohen Risiken ringt.
Diversifizierung unter Druck
Da historisch 18 Prozent der Exporte in die USA gingen, versucht die Schweiz nun fieberhaft, ihre gefährliche Abhängigkeit von einem zunehmend unzuverlässigen Partner zu überwinden. Die Strategie ist klar: eine entschlossene Diversifizierung. Abkommen mit Indien, dem Mercosur und Thailand, die zuvor ins Stocken geraten waren, werden nun mit beispielloser Dringlichkeit vorangetrieben.
«Die Schweiz setzt tatsächlich stärker denn je auf eine Diversifizierung ihres Handels», sagt Guido Cozzi von der Universität St. Gallen. Diese geopolitische Neuausrichtung ist aus der Not geboren. Das Motto «Switzerland first» treibt einen Keil zwischen Bern und Washington und veranlasst die Schweizer Regierung, sich für die wirtschaftliche Sicherheit andernorts umzusehen. Selbst die EU erscheint trotz der Spannungen in der Vergangenheit angesichts der Unberechenbarkeit der USA als stabilere Verbündete. Die Schweiz verhandelt nicht nur Abkommen neu, sondern schreibt ihren gesamten globalen wirtschaftspolitischen Kurs um, um die Ära der Handelskriege zu überstehen.