Wirtschaft
US-Handelsspannungen zwingen zur Senkung der Schweizer Wachstumsprognose
BAK Economics senkt die Prognose für das Schweizer BIP-Wachstum 2025 angesichts eskalierender US-Handelskonflikte und globaler Marktunsicherheiten auf 1,2 Prozent.

Das Urteil steht fest, und die Zahlen sind ernüchternd: Der Schweizer Wirtschaftsmotor stottert unter dem Gewicht des amerikanischen Protektionismus. BAK Economics hat seine Prognose für das BIP-Wachstum 2025 offiziell deutlich gesenkt, auf bescheidene 1,2 Prozent statt der zuvor erwarteten 1,4 Prozent. Das ist kein vorübergehender Rückschlag: Die Analysten rechnen damit, dass die Stagnation bis 2026 anhält und das Wachstum auf demselben Niveau von 1,2 Prozent bleibt.
Der Grund ist unbestreitbar. Die von der US-Regierung ausgelösten, eskalierenden Handelskonflikte erschüttern die Schweizer Wirtschaft. Die aus Washington ausgehende Unsicherheit ist Gift für Investitionen und zwingt Unternehmen in eine lähmende Wartestellung. Bereinigt um grosse Sportereignisse, die die Zahlen oft nach oben treiben, ist das Bild noch düsterer: Das zugrunde liegende Wachstum dürfte 2025 auf magere 0,8 Prozent einbrechen. Während die US-Regierung weitreichende Zölle einsetzt, um Verbündete wie Rivalen unter Druck zu setzen, trifft der Kollateralschaden die Schweiz mit voller Wucht.
Exportnotstand: Handelsströme geraten ins Stocken
Der Welthandel blutet aus, und die Schweizer Exporteure stehen an vorderster Front. BAK-Expertinnen und -Experten schätzen, dass das Wachstum im Handelssektor um mehr als ein Drittel niedriger ausfallen wird als zuvor prognostiziert. Der drastische Rückgang ist eine Folge des Chaos, das durch verhängte und angedrohte Zölle entsteht. Die Gefahr ist unmittelbar: Am 12. März sollen Zölle von 25 Prozent auf Aluminium- und Stahlimporte in Kraft treten, während die drohende Einführung pauschaler Zölle von 25 Prozent auf europäische Waren wie ein Damoklesschwert über dem Markt hängt.
Die Weltordnung wird grundlegend erschüttert. Während Kanada und Mexiko fieberhaft versuchen, Verhandlungspausen zu erreichen, und China mit Abgaben auf Agrarprodukte zurückschlägt, wägt Europa seine Reaktion ab. Die Unsicherheit ist womöglich noch schlimmer als die Zölle selbst. In einem Umfeld, in dem sich die Regeln mit jedem Tweet ändern, zögern Schweizer Unternehmen, die entscheidenden Weichen für künftiges Wachstum zu stellen. Die Exportwirtschaft, traditionell das Aushängeschild der Schweizer Wirtschaft, wird durch einen transatlantischen Handelskrieg ausgebremst, der keine Anzeichen einer Entspannung zeigt.
Widerstandskraft im Inland: Der Binnenboom
Im deutlichen Gegensatz zur düsteren Lage im Exportbereich bleibt die Schweizer Binnenwirtschaft ein Hort der Stabilität. Während der internationale Handel schwächelt, läuft der Binnenmotor auf Hochtouren, getragen von einem robusten privaten Konsum und einem widerstandsfähigen Bausektor. Diese Stärke wird durch den deutlichen Bevölkerungszuwachs infolge der hohen Zuwanderung gestützt. Dadurch bleibt die Nachfrage nach Wohnraum und Dienstleistungen auf hohem Niveau.
Die wirtschaftlichen Grundlagen im Inland sind solide. Die Inflation ist praktisch unter Kontrolle und dürfte 2025 bei vernachlässigbaren 0,4 Prozent und 2026 bei 0,5 Prozent liegen. Diese Preisstabilität verschafft der Schweizerischen Nationalbank den nötigen Spielraum, ihren aktuellen geldpolitischen Kurs beizubehalten und die Konsumentinnen und Konsumenten im Inland vor den Schwankungen an den globalen Märkten zu schützen. Während die Welt mit Handelskriegen ringt, erweist sich der Schweizer Binnenmarkt als widerständige Ausnahme, die vorerst vom Schlimmsten des äusseren Sturms abgeschirmt bleibt.
Globale Unordnung: Das Ende der Regeln
Die in Genf ansässige Welthandelsorganisation (WTO) steht vor einer existenziellen Krise, während die USA die Spielregeln des internationalen Handels neu schreiben. «Trump schert sich keinen Deut um irgendwelche WTO-Regeln», sagt Cédric Dupont vom Graduate Institute Geneva. Das Vorgehen ist rein transaktional und bilateral und umgeht damit genau jene Institution, die dieses Chaos verhindern soll. Der ehemalige Schweizer Botschafter Didier Chambovey bringt es auf den Punkt: «Bei den Zöllen verhält sich die USA, als wäre sie kein WTO-Mitglied.»
Der Zusammenbruch des multilateralen Systems bringt die Schweiz, die auf offene Märkte und klare Regeln angewiesen ist, in eine prekäre Lage. WTO-Generaldirektorin Ngozi Okonjo-Iweala appelliert zwar daran, die Organisation als «Raum für Dialog» zu nutzen, doch die Realität vor Ort gleicht einem rechtsfreien Raum. Da die USA Verbündete und Rivalen ungestraft mit Zöllen belegen, ist die Ära des berechenbaren Handels vorbei. Die Schweiz muss sich nun in einer Welt zurechtfinden, in der wirtschaftliche Macht das Recht bestimmt und die Schiedsrichterin an den Rand gedrängt wurde.