Credit Suisse
US-Senat untersucht 890 mutmasslich mit Nazis verbundene Konten der Credit Suisse
Eine Untersuchung eines Ausschusses des US-Senats hat ergeben, dass die Credit Suisse rund 890 Konten mit mutmasslichen Verbindungen zum Nazi-Regime führte. Einige davon waren noch bis 2020 offen. Die Untersuchung wirft der Bank umfangreichere Verbindungen zur SS vor als bisher bekannt und wirft erneut Fragen zum historischen Umgang der Schweiz mit Finanzgeschäften auf.

Erstaunliche 890 Konten. Das ist die Zahl der finanziellen Lebensadern zum Nazi-Regime, die Credit Suisse laut dem US-Senat unterhielt. Einige davon waren noch bis zum erschreckenden Jahr 2020 aktiv. Dabei handelt es sich nicht bloss um eine historische Randnotiz, sondern um einen modernen Bankenskandal, der in den Hallen Washingtons ausgebrochen ist und den Ruf des Schweizer Finanzplatzes erneut ins Rampenlicht rückt. Der Justizausschuss des Senats gab am Dienstag in einer Anhörung, die Beobachterinnen und Beobachter verblüffte, bekannt, dass die Zahl dieser Konten frühere Schätzungen bei Weitem übertrifft. Damit wird die Darstellung erschüttert, diese Fragen seien um die Jahrtausendwende vollständig geklärt worden.
Die Enthüllung, dass Konten mit Verbindungen zum Dritten Reich noch vor sechs Jahren aktiv waren, lange nach den wegweisenden Vergleichen der 1990er-Jahre, wirft alarmierende Fragen zur Einhaltung von Vorschriften und zur Aufsicht auf. Während die Welt glaubte, dieses dunkle Kapitel sei abgeschlossen, deutet die Untersuchung des Senats auf ein systemisches Versagen bei der Bereinigung dieser toxischen Vermögenswerte hin. Die grosse Zahl der von den Ermittlerinnen und Ermittlern identifizierten Konten lässt darauf schliessen, dass die vor Jahrzehnten versprochene Aufarbeitung möglicherweise deutlich weniger gründlich war, als der Schweizer Bankensektor behauptet hatte.
Die Rattenlinien aufgedeckt: Die Verbindung zur SS
Die Untersuchung hat den Schleier der Anonymität gelüftet und konkrete, hochrangige Einrichtungen der Kriegsmaschinerie der Nazis benannt. Senator Chuck Grassley, der die Untersuchung leitet, liess eine Bombe platzen: Credit Suisse verwaltete während des Holocausts Gelder für das deutsche Aussenministerium, Rüstungshersteller und das Deutsche Rote Kreuz. Der schwerwiegendste Vorwurf betrifft jedoch die Schutzstaffel (SS). Die Ermittlerinnen und Ermittler behaupten, die Verbindungen der Bank zur SS seien weitaus umfangreicher gewesen als bisher eingeräumt. Sie identifizierten insbesondere ein Konto des Wirtschafts- und Verwaltungshauptamts der SS.
Dieses Konto diente nicht bloss als Aufbewahrungsort für gestohlenes Vermögen, sondern auch als operatives Instrument. Laut der Untersuchung ermöglichte dieser konkrete Finanzkanal die berüchtigten «Rattenlinien»: Fluchtrouten, über die hochrangige Nazis nach dem Krieg der Justiz entkommen und nach Argentinien verschwinden konnten. Die direkte Beihilfe dazu, Kriegsverbrechern bei der Flucht vor der Festnahme zu helfen, verändert die Darstellung: Es geht nicht mehr um die passive Verwahrung von Vermögenswerten, sondern um aktive Unterstützung. Die Schlussfolgerung liegt auf der Hand: Das Schweizer Bankwesen könnte eine entscheidende Rolle dabei gespielt haben, den Opfern des Holocaust die Gerechtigkeit zu verwehren, lange nachdem die Waffen verstummt waren.
Jahrzehnte der Verschleierung: Der Vorwurf der Vertuschung
Washington ist nicht nur wegen des Geldes erzürnt, sondern vor allem wegen des Schweigens. Senator Grassley erhob einen schweren Vorwurf gegen die inzwischen aufgelöste Credit Suisse: Sie habe seit den 1990er-Jahren Informationen bewusst zurückgehalten. Die Untersuchung deutet darauf hin, dass die Bank während der ersten Wellen von Untersuchungen zu Holocaust-Vermögenswerten möglicherweise systematisch die Existenz dieser 890 Konten verheimlichte. Dieser mutmassliche Versuch, die Justiz zu behindern, zeichnet das Bild eines Finanzinstituts, dem der Schutz seiner Geheimnisse wichtiger war als die Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit.
Der Vorwurf der Verschleierung reisst alte Wunden wieder auf. Er legt nahe, dass die in den Vergleichen der 1990er-Jahre angepriesene Transparenz zumindest teilweise nur ein Trugbild war. Sollte sich der Vorwurf bestätigen, hätte die Bank 30 Jahre lang Belege für ihre tiefere Verstrickung mit der SS zurückgehalten, während sie gleichzeitig behauptete, Wiedergutmachung geleistet zu haben. Die entschlossene Haltung des Senats zeigt, dass er Schweizer Zusicherungen nicht länger einfach für bare Münze nehmen will. Er verlangt Rohdaten und die ungeschwärzte Wahrheit.
Die Altlasten geerbt: Die UBS muss Stellung beziehen
Der Geist der Credit Suisse verfolgt nun die Gänge der UBS. Nachdem die UBS ihre Rivalin 2023 übernommen hat, muss sie sich für eine Geschichte verantworten, die sie nicht selbst geschrieben hat, nun aber verteidigen muss. Robert Karofsky, US-Chef der UBS, musste sich am Dienstag in Washington den kritischen Fragen stellen und versuchte, den fusionierten Konzern mit Verweis auf die früheren Vergleiche abzuschirmen. Karofsky betonte, die finanziellen Angelegenheiten seien 1999 rechtlich geregelt worden. Dabei verwies er auf die «beispiellose» Zahlung von 1,25 Milliarden Dollar, die Holocaust-Opfern und ihren Erbinnen und Erben zugutekam.
«Wir wollen, dass die ganze Wahrheit ans Licht kommt», betonte Karofsky. Dabei bewegte er sich auf einem schmalen Grat zwischen Kooperation und Verteidigung. Die UBS befindet sich in einer heiklen Lage: Sie muss den US-Aufsichtsbehörden vollständige Transparenz nachweisen, um ihre derzeitige Lizenz zu schützen, und gleichzeitig die Reputationsschäden einer Marke bewältigen, die sie bereits übernommen hat. Die Verteidigung stützt sich auf das Argument, dass der Preis bezahlt worden sei. Doch die Entdeckung von Konten, die bis 2020 aktiv waren, untergräbt die Behauptung, der Vergleich von 1999 habe alle Fragen umfassend geklärt. Die UBS ist nun Verwalterin eines toxischen Erbes und muss sich durch ein Minenfeld bewegen, das ihre Vorgängerin hinterlassen hat.
Das abschliessende Urteil: Ein Sommer der Abrechnung
Die Zeit bis zu einer abschliessenden Entscheidung wird knapp. Die vom ehemaligen Staatsanwalt Neil Barofsky geleitete Untersuchung des Senats läuft auf eine Frist im Sommer zu. Bis Ende dieses Jahres soll ein abschliessender, umfassender Bericht vorliegen. Es handelt sich nicht um eine Untersuchung ohne zeitliche Begrenzung, sondern um eine gezielte Prüfung, die genau aufzeigen soll, wer bei der Credit Suisse Konten hatte und wie lange diese im System verblieben.
Für die Schweiz steht sehr viel auf dem Spiel. Ein Bericht, der bestätigt, dass eine grosse Schweizer Bank bis in die 2020er-Jahre aktive Finanzbeziehungen zu Einrichtungen mit Verbindungen zu den Nazis unterhielt, wäre eine diplomatische und rufschädigende Katastrophe. Er stellt die Darstellung einer Reform des Schweizer Bankwesens infrage und könnte neue Klagewellen oder aufsichtsrechtliche Sanktionen der Vereinigten Staaten nach sich ziehen. Während der Sommer näher rückt, bereiten sich Zürich und Bern auf die Folgen vor und warten darauf, ob der Schlussbericht das Kapitel des Zweiten Weltkriegs abschliesst oder ein neues, schädliches Kapitel aufschlägt.