Genf
US-Botschafter stellt die «teure» Präsenz der UNO in Genf infrage
Der US-Botschafter bei der UNO, Mike Waltz, deutete an, dass die Präsenz der Vereinten Nationen in teuren Städten wie Genf «überprüft» werden müsse. Damit knüpfte er an die jüngste Kritik von Präsident Trump am Schweizer Handelsüberschuss an.

Washington hat eine direkte Warnung an das Internationale Genf gerichtet. Mit einem Schritt, der in der diplomatischen Gemeinschaft für Unruhe sorgt, hat der US-Botschafter bei der UNO, Mike Waltz, ausdrücklich eine «Überprüfung» der Präsenz der Vereinten Nationen in den teuersten Städten der Welt gefordert. Sein Besuch in Genf war nicht bloss ein Höflichkeitsbesuch, sondern eine Prüfung der Relevanz in einer Zeit amerikanischer Sparpolitik.
Waltz' Äusserungen treffen den Kern der schweizerischen Gaststaatpolitik. Mit dem Hinweis, dass die «physische Präsenz der Mitarbeitenden» dank moderner Technologie weniger relevant sei, signalisiert der Botschafter eine mögliche Verkleinerung, die der lokalen Wirtschaft schwer schaden könnte. Es geht nicht nur um Effizienz, sondern um eine gezielte Drucktaktik. Da die USA einen erheblichen Anteil am UNO-Budget tragen, bestimmt Washington nun, was als «teuer» gilt. Genf muss sich deshalb bemühen, seine hohen Kosten zu rechtfertigen.
Der Kampf um den Sicherheitsrat
New York hat die Oberhand, und Washington will, dass das so bleibt. Obwohl immer mehr Stimmen aus dem Ausland fordern, den UNO-Sicherheitsrat wegen der verweigerten Visa für führende Persönlichkeiten aus aller Welt an einen neutralen Ort zu verlegen, hat Botschafter Waltz den Genfer Ambitionen eine Absage erteilt. «Offensichtlich wird dieser Ort immer New York sein», erklärte er und wies den Schweizer Vorschlag mit endgültiger Klarheit zurück.
Diese Absage ist ein Rückschlag für Schweizer Diplomatinnen und Diplomaten, die von der wachsenden Unzufriedenheit mit dem Hauptsitz in Manhattan profitieren möchten. Eingeweihte im Internationalen Genf argumentieren, die derzeitige Lösung sei nicht mehr repräsentativ. Doch die USA weigern sich, ihren Heimvorteil aufzugeben. Waltz machte bei der Visapolitik keine Zugeständnisse und signalisierte damit: Die USA wollen zwar ihre Kosten im Ausland senken, den Machtmittelpunkt aber im eigenen Land behalten. Die Botschaft ist klar: Genf kann die UNO-Organisationen beherbergen, doch in New York wird der Vorsitz geführt.
Trumps «Abzocke»-Rhetorik verschärft sich
«Sie sind nur so, weil wir zulassen, dass sie uns abzocken.» Mit diesen scharfen Worten hat Präsident Donald Trump das Bild von Schweizer Neutralität und Wohlstand erschüttert. In einem aufgebrachten Interview mit Fox Business griff Trump die Vorstellung von einer «ultra-schicken, ultra-perfekten» Schweiz an und behauptete, ihr Wohlstand beruhe darauf, die Grosszügigkeit der USA auszunutzen. Das ist nicht bloss Rhetorik, sondern Wirtschaftskrieg.
Die Feindseligkeit des Präsidenten hat bereits konkrete Folgen. Unter Berufung auf ein Telefongespräch mit der ehemaligen Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter, die er als «sehr aggressiv» bezeichnete, erhöhte Trump die Zölle auf Schweizer Waren zunächst auf erdrückende 39 Prozent. Er machte sich offen über die Schweizer Führung lustig und erzählte, er habe «sie nicht vom Telefon bekommen». Diese persönliche Feindseligkeit hat aus einem Handelsstreit eine diplomatische Krise gemacht und gezeigt, dass traditionelle Bündnisse für die derzeitige US-Regierung angesichts eines Handelsdefizits keine Bedeutung haben.
Der Defizit-Mythos und die Realität
Die Zahlen lügen nicht, können aber durchaus in die Irre führen. Präsident Trump konzentriert sich auf ein «verheerendes» Handelsdefizit von 41 Milliarden US-Dollar bei Waren, eine Zahl, mit der er seine aggressive Zollpolitik rechtfertigt. Dabei lässt diese Darstellung bequem die andere Hälfte der Rechnung ausser Acht. Werden Dienstleistungen miteinbezogen, verändert sich das Bild deutlich.
Tatsächlich dominieren die USA den Dienstleistungssektor und exportierten 2024 Dienstleistungen im Wert von 65 Milliarden US-Dollar in die Schweiz. Dieser Überschuss senkt das gesamte Handelsdefizit auf gerade einmal 8 Milliarden US-Dollar, einen Bruchteil der Schlagzeilenzahl, die Trump den Medien präsentiert. Indem Washington ausschliesslich auf physische Güter blickt, zeichnet es ein verzerrtes Bild wirtschaftlicher Benachteiligung. Doch in der öffentlichen Meinung und der populistischen Politik geht die differenzierte Betrachtung der Makroökonomie im Lärm von «America First» unter.
Der Waffenstillstand für 200 Milliarden US-Dollar
Die Schweiz hat sich eine Atempause erkauft, doch der Preis ist astronomisch. Nach intensiven Verhandlungen wurden die Zölle auf 15 Prozent gesenkt, allerdings erst, nachdem sich die Schweizer Industrie zu gewaltigen Investitionen von 200 Milliarden US-Dollar in den USA verpflichtet hatte. Pharmakonzerne wie Roche und Novartis verlagern nun Milliarden in amerikanische Anlagen und zahlen damit faktisch Lösegeld, um Zugang zum US-Markt zu erhalten.
Trump stellt dies als Erfolg seiner «Investitionsdiplomatie» dar und behauptet, Unternehmen zögen in die USA, um Zölle zu vermeiden. Für die Schweiz bedeutet dies einen fragilen, transaktionalen Waffenstillstand. Die Frage bleibt: Ist dies eine nachhaltige Partnerschaft oder lediglich eine Pause in der Feindseligkeit? Da die US-Regierung jede Beziehung durch die Linse einer Bilanz betrachtet, ist der Schweizer Wohlstand nicht länger durch Neutralität gesichert, sondern davon abhängig, wie viel die Schweiz zu zahlen bereit ist, um mitspielen zu dürfen.