Klima
UNO-Berichte warnen vor irreversiblen Schäden an Gletschern
Zwei Berichte der UNO warnen, dass eine Erwärmung von mehr als 1,5 °C irreversible Schäden an Gletschern, Meereis und anderen gefrorenen Gebieten verursachen könnte. Den Berichten zufolge sind einige Auswirkungen in der Schweiz bereits sichtbar.

Zwei am 2. November veröffentlichte UNO-Berichte warnen, dass eine Überschreitung der Erwärmungsschwelle von 1,5 °C Schäden an den gefrorenen Regionen der Erde festschreiben könnte. Die Warnung betrifft nicht nur das Polareis: Gletscher, Meereis und gefrorene Böden sind allesamt von Folgen bedroht, die sich nur schwer oder gar nicht rückgängig machen lassen.
Die Kryosphäre, also die von Schnee, Eis und gefrorenem Boden geprägten Regionen, steht bereits unter Druck. Die globale Erwärmung hat gegenüber dem vorindustriellen Niveau 1,37 °C erreicht. Das europäische Copernicus-Netzwerk schätzt, dass der Schwellenwert von 1,5 °C etwa 2030 überschritten werden könnte.
Die Berichte bringen die weitere Erwärmung mit dem Schmelzen von Gletschern und Meereis, dem Auftauen von Permafrost und einem schnelleren Anstieg des Meeresspiegels in Verbindung. Diese Veränderungen können das Hochwasserrisiko erhöhen und wirtschaftliche sowie ökologische Schäden, Wasserknappheit und Gefahren in Bergregionen mit sich bringen. Die Grenze von 1,5 °C ist das ehrgeizigste Temperaturziel des Pariser Abkommens von 2015. Den Berichten zufolge ist auch das Tempo der weiteren Erwärmung entscheidend: Jeder zusätzliche Bruchteil eines Grades erhöht die Risiken.
Den Eisverlust in den Alpen verfolgen
Die Schweiz hat bereits 20 % ihrer Gletschermasse verloren, heisst es in den Berichten. Damit wird die globale Warnung in den Alpen greifbar. Dieser Verlust zählt zu den bereits sichtbaren Auswirkungen des Temperaturanstiegs und geht mit wachsenden Risiken in Berggebieten einher.
Die Berichte beschreiben, wie anhaltendes Abschmelzen von Eis zu Überschwemmungen, ökologischen und wirtschaftlichen Schäden, Wasserknappheit und weiteren Gefahren in den Bergen beitragen kann. Diese Risiken sind für die Bevölkerung und die Infrastruktur in den Alpenregionen von Bedeutung. Gletscher sind dort Teil einer umfassenderen gefrorenen Landschaft, zu der auch Schnee und gefrorene Böden gehören.
Die Berichte kommen zudem zum Schluss, dass die 1,5-°C-Grenze des Pariser Abkommens zu hoch ist, um die Kryosphäre in einem sicheren Bereich zu halten. Eine sicherere Temperatur liege näher bei 1 °C oder darunter. Das ändert nichts an der Bedeutung des Abkommens, unterstreicht aber, wie viel laut den Berichten sowohl für die Schweiz als auch für die Polarregionen auf dem Spiel steht. Der dokumentierte Eisverlust des Landes zeigt deutlich, dass die Auswirkungen nicht auf eine ferne Zukunft beschränkt sind.
Auf eine langsame Erholung einstellen
Selbst wenn die Temperaturen später wieder unter den Schwellenwert sinken, würde sich die Natur nur langsam erholen. Wissenschaftler warnen, dass das Überschreiten klimatischer Kipppunkte Veränderungen in Gang setzen könnte, die sich nicht rasch rückgängig machen lassen. Den Berichten zufolge könnten sich einige Gletscher teilweise erholen, wenn die Erwärmung rasch unter einen Durchschnittswert von 1,5 °C oder sogar 1 °C sinkt. Auch das arktische Meereis könnte davon profitieren.
Rückgang und Erholung folgen jedoch nicht demselben Zeitplan. Matthew England, Ozeanograf und Klimatologe an der University of New South Wales, sagt, die Erholung könnte mehrere Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte dauern. Chen Zhao, ein auf die Antarktis spezialisierter Glaziologe, warnt, dass eine Rückkehr der Erwärmung unter 1,5 °C die Folgen des Zeitraums, in dem sie darüber lag, nicht rückgängig machen würde.
Ein zweiter Bericht untersucht ein Szenario mit stärkerer Erwärmung: Hält eine Erwärmung von über 2,8 °C bis ins nächste Jahrhundert an, könnte der Meeresspiegel bis 2150 um bis zu 5 cm pro Jahr steigen, verglichen mit heute 0,45 cm pro Jahr. Durch das Auftauen von Permafrost könnten zudem jährlich CO₂-Emissionen in einer Grössenordnung freigesetzt werden, die den Emissionen der Vereinigten Staaten entspricht.
Emissionen senken, um Schäden einzudämmen
Entscheidungen der kommenden Jahre werden bestimmen, wie gross die Schäden an der Kryosphäre ausfallen. Die Berichte fordern, die Temperaturen so schnell wie möglich deutlich unter 1,5 °C zu senken. James Kirkham, Hauptautor eines der Berichte, sagt, dass mehr politischer Ehrgeiz, insbesondere bei der Verringerung des Verbrauchs fossiler Brennstoffe, die Schäden und ihre Folgen für Mensch und Umwelt weiterhin begrenzen kann.
Die Herausforderung wird durch den prognostizierten Verlauf der aktuellen Zusagen verschärft. Ein kürzlich veröffentlichter UNO-Bericht hält fest, dass die Erwärmung selbst dann, wenn die Länder ihre Zusagen einhalten, bis 2100 etwa 2,6 °C erreichen könnte. Die beiden Berichte wurden eine Woche vor der COP31 veröffentlicht, an der die Länder Massnahmen zur Bekämpfung der globalen Erwärmung erörtern sollten.
Für die Schweiz verleiht der bereits dokumentierte Verlust an Gletschermasse der Debatte eine unmittelbare alpine Dimension. Gunjan Silwal, ein nepalesischer Gletscherforscher, bezeichnete die Tragödie in Nepal als «nur einen Vorgeschmack» auf die Gefahren, die mit dem Zusammenbruch von Gletschern und Bergregionen verbunden sind. Die Botschaft der Berichte lautet, dass eine Begrenzung der weiteren Erwärmung das Ausmass dieser Risiken noch verringern kann, auch wenn sich der frühere Eisverlust nicht rasch rückgängig machen lässt.