Diplomatie
Ukraine ersucht die Schweiz um Unterstützung bei der Rückführung entführter Kinder
Während eines hochrangigen diplomatischen Besuchs ersucht der ukrainische Präsident Selenskyj die Schweiz um Unterstützung bei den Bemühungen, nach Russland verschleppte Kinder zurückzubringen

In einer entscheidenden diplomatischen Auseinandersetzung in Kiew richtete der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj eine dringende Bitte direkt an die Schweiz: Helft uns, unsere entführten Kinder nach Hause zu bringen. Während eines hochrangigen Besuchs der Schweizer Nationalratspräsidentin Maja Riniker verlagerte sich das Gespräch rasch von allgemeiner Unterstützung auf die schmerzhafte Realität der Entführungen. Selenskyj bedankte sich für die finanzielle Unterstützung aus Bern, machte aber unmissverständlich klar, dass die renommierten «Guten Dienste» der Schweiz nun dringend benötigt werden, um einer humanitären Katastrophe zu begegnen.
Riniker reiste in Begleitung von Laurent Wehrli, dem Präsidenten der Aussenpolitischen Kommission, in eine Hauptstadt, die auch mehr als drei Jahre nach der russischen Invasion noch mit dem Krieg ringt. Ihr Treffen mit Selenskyj und Ruslan Stefantschuk, dem Präsidenten der Werchowna Rada, war nicht bloss ein zeremonieller Anlass. Es war ein strategisches Gespräch, bei dem Riniker bekräftigte, dass sich die Schweiz mit Nachdruck für einen «nachhaltigen und gerechten Frieden» auf der Grundlage der Charta der Vereinten Nationen einsetzt. Im Mittelpunkt steht jedoch weiterhin Selenskyjs konkreter Aufruf zum Handeln: Bern muss sich dem internationalen Einsatz anschliessen, um die Tausenden Minderjährigen zu befreien, die gewaltsam auf russisches Gebiet gebracht wurden.
Die gestohlene Generation: 20'000 vermisste Kinder
Die Zahlen sind schlicht erschütternd. Amnesty International berichtet von sage und schreibe 20'000 bekannten Fällen ukrainischer Kinder, die nach Russland deportiert wurden, namentlich identifiziert sind und weiterhin vermisst werden. Die Behörden befürchten jedoch, dass diese Zahl nur die Spitze des Eisbergs darstellt und die tatsächliche Zahl nicht gemeldeter Fälle noch weit höher liegt. Dabei geht es nicht nur um Vertreibung, sondern um die systematische Auslöschung der Identität, die bei den höchsten internationalen Gerichten Empörung ausgelöst hat.
Seit März 2023 wird der russische Präsident Wladimir Putin gesucht. Der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag erliess einen Haftbefehl aufgrund des begründeten Verdachts, dass er direkt für diese rechtswidrigen Deportationen verantwortlich ist. Die Schwere dieser Vorwürfe unterstreicht die Dringlichkeit von Selenskyjs Bitte an die Schweiz. Dieses Kriegsverbrechen ereignet sich in Echtzeit, und das Zeitfenster, um diese Kinder zurückzubringen, bevor ihre Identitäten dauerhaft verändert werden, schliesst sich rasch. Der Besuch der Schweizer Delegation macht deutlich, dass diplomatische Neutralität keine Blindheit gegenüber solch überwältigenden Belegen für Menschenrechtsverletzungen bedeutet.
Milliardenhilfe: Die Finanzkraft der Schweiz
Die Schweiz untermauert ihre diplomatischen Worte mit beträchtlichen finanziellen Mitteln. Bis Ende Mai 2025 hatte die Eidgenossenschaft bereits insgesamt 5,16 Milliarden CHF zur Unterstützung der Kriegsopfer eingesetzt, sowohl in der Ukraine als auch in der Schweiz. Dies ist kein passiver Beitrag, sondern eine bedeutende Mobilisierung nationaler Ressourcen, die darauf abzielt, die Zivilbevölkerung zu schützen, den Zugang zu Bildung sicherzustellen und die lokale Infrastruktur gegen die Folgen des Konflikts zu stärken.
Auch mit Blick auf die Zukunft bleibt Berns Engagement unerschütterlich. Die Regierung hat zusätzliche Unterstützung von 5 Milliarden CHF zugesagt, die zwischen 2025 und 2036 ausgerichtet werden soll. Das signalisiert eine langfristige Strategie statt einer vorübergehenden Lösung. Riniker besuchte das Land unter anderem, um die Wirksamkeit der von der Schweiz finanzierten Projekte vor Ort zu überprüfen. In einer von Artillerie und wirtschaftlichem Zusammenbruch verwüsteten Gegend sind Schweizer Franken derzeit für Millionen Menschen eine Lebensader. Dies zeigt, dass die Schweiz zwar militärisch neutral bleibt, sich finanziell aber mit Nachdruck humanitär engagiert.
Ein Kontinent im Wandel: Die Flüchtlingskrise
Die menschlichen Kosten dieses Krieges sind kaum zu begreifen, die Zahl der Vertriebenen hat biblische Ausmasse erreicht. Seit Beginn der Invasion im Februar 2022 sind unablässig Menschen geflohen. Im Juli 2025 waren fast vier Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer innerhalb der Grenzen ihres zerstörten Landes vertrieben, während sage und schreibe sechs Millionen gezwungen waren, das Land ganz zu verlassen. Diese demografische Schockwelle wirkt in ganz Europa nach und stellt sowohl die gesellschaftlichen Strukturen als auch die Wirtschaft vor Herausforderungen.
Die Schweiz steht im Zentrum dieses humanitären Sturms. Das Alpenland beherbergt derzeit fast 70'000 ukrainische Geflüchtete, ein Beleg für die anhaltende Schwere des Konflikts. Rinikers Gespräche in Kiew über «humanitäre Bedürfnisse» stehen in direktem Zusammenhang mit diesen Zahlen. Während sich der Krieg hinzieht, bleiben die Integration und Unterstützung dieser 70'000 Menschen für Bern ein dringendes innenpolitisches Thema. Die Schweizer Innenpolitik muss sich damit unweigerlich an der brutalen Realität an den ukrainischen Frontlinien messen lassen.