Unfall
Ermittlungen zum tödlichen Seilbahnunfall am Titlis richten den Fokus auf starken Wind und Sicherheitsmassnahmen
Bei einem tödlichen Seilbahnunfall im Skigebiet Titlis ist eine Person ums Leben gekommen. Die Ermittlungen laufen. Der Hersteller gibt an, eine starke Windböe habe dazu geführt, dass die Gondel gegen einen Stützmast prallte. Berichte verweisen zudem auf eine zuvor abgelehnte, nicht obligatorische Sicherheitsverbesserung am Klemmsystem.

Eine heftige, beispiellose Windböe hat die malerischen Hänge von Engelberg in einen Schauplatz des Unglücks verwandelt. Am Mittwoch, 18. März, ereignete sich beim Titlis Xpress eine Tragödie, als eine einzelne Gondel mit voller Wucht gegen einen Stützmast geschleudert wurde, sich vom Seil löste und auf den Schnee darunter stürzte. Die einzige Insassin, eine 61-jährige Frau aus der Region, überlebte den Aufprall nicht. Es handelt sich nicht bloss um einen mechanischen Defekt, sondern um eine katastrophale Kollision zwischen Ingenieurskunst und der rohen Kraft der Natur.
Der Hersteller Garaventa erklärt zwar, die Anlage sei in «einwandfreiem technischem Zustand» gewesen, doch die schiere Wucht des Ereignisses löst umgehend grosse Besorgnis aus. Die Gondel befand sich auf halber Strecke zwischen der Station Trübsee auf 1'800 Metern und der Station Stand auf 2'430 Metern, als der Wind sie erfasste. Dieser Streckenabschnitt ist nun auf unbestimmte Zeit geschlossen. Während die Ermittler die Trümmer am verschneiten Hang untersuchen, lautet die Frage nicht nur, was geschehen ist, sondern auch, wie eine moderne Anlage bei bekannten Wetterbedingungen derart spektakulär versagen konnte.
Die abgelehnte Sicherheitsnachrüstung
Eine 2022 getroffene, entscheidende Entscheidung steht nun unter intensiver Beobachtung: Die Betreiber des Titlis lehnten ausdrücklich eine Sicherheitsnachrüstung ab, die diese Katastrophe möglicherweise hätte verhindern können. Nach einem auffallend ähnlichen Unfall im Jahr 2019 bei den Rotenfluebahnen in Schwyz, die denselben Klemmentyp verwendeten, empfahl der Hersteller, den Klemmmechanismus mit einer Endkappe zu versehen. Diese Nachrüstung sollte ausdrücklich genau jene Art von Ablösung verhindern, die sich diese Woche ereignete.
Bahnchef Norbert Patt bestätigte jedoch, dass der Betreiber das Angebot abgelehnt habe. Er sagte: «Dies war keine zwingende Sicherheitsanforderung, die eine Nachrüstung gerechtfertigt hätte.» Diese Enthüllung wirft einen zusätzlichen Schatten der Fahrlässigkeit auf die Tragödie. Die Nachrüstung war zwar nicht verbindlich, doch nach einem wegweisenden Unfall auf eine bekannte Sicherheitsverbesserung zu verzichten, war ein Wagnis, das nun offenbar ein Menschenleben gekostet hat. Die Entscheidung, den geltenden Betriebsstandards Vorrang vor vorausschauenden Sicherheitsmassnahmen zu geben, dürfte zum zentralen Punkt des juristischen Sturms werden, der sich nun über Engelberg zusammenbraut.
Ein Wettlauf gegen den Wind
Zum Zeitpunkt des Unfalls lief der Betrieb am Titlis in einem verzweifelten Wettlauf gegen die Zeit. Die Windmesssysteme, die bei 40 km/h eine Warnung auslösen und bei 60 km/h eine Betriebseinstellung verlangen, schlugen Alarm. Berichten zufolge hatten die Mitarbeitenden bereits damit begonnen, den Betrieb einzustellen. Sie waren gerade dabei, die Gondeln einzuziehen und so die Strecke freizumachen, ein Vorgang, der Zeit und Präzision erfordert, als die tödliche Windböe eintraf.
Der Spielraum für Fehler ist in diesen hochgelegenen Gebieten äusserst klein. Zwar können die Verantwortlichen die Bahn sofort anhalten, doch der Druck, den Betrieb aufrechtzuerhalten, während der Wind als «unsichtbarer Killer» wirkt, schafft für das Personal vor Ort eine Situation mit hohem Einsatz. Die Tragödie macht die gefährliche Lücke zwischen dem Entscheid zur Schliessung und der tatsächlichen Räumung der Strecke deutlich. Da sich das Opfer in einer der letzten noch fahrenden Kabinen befand, deutet der Zeitpunkt darauf hin, dass die Sicherheitsvorkehrungen nur wenige Augenblicke zu spät griffen und es beinahe zu einem glimpflichen Ausgang gekommen wäre.
Ein seltenes, aber tödliches Unglück
Trotz des Schreckens dieses Ereignisses sprechen die Zahlen dafür, dass Seilbahnen weiterhin zu den sichersten Verkehrsmitteln gehören. Zwischen 2015 und 2020 gab es in der Schweiz, Frankreich, Deutschland und Österreich keinen einzigen tödlichen Unfall. Im deutlichen Gegensatz dazu verzeichnen Busse und Trams fast 0,18 Todesfälle pro 100 Millionen Fahrgäste. Den trauernden Angehörigen und der erschütterten Öffentlichkeit bieten Statistiken jedoch nur wenig Trost. Wenn Seilbahnunfälle geschehen, sind sie spektakulär und erschreckend und zerstören die Illusion der Unverwundbarkeit, die Schweizer Ingenieurskunst normalerweise vermittelt.
Dieser Vorfall am Titlis ist ein brutaler Weckruf für die gesamte Branche. Er stellt die Selbstzufriedenheit infrage, die sich nach Jahren einwandfreier Sicherheitsbilanzen einstellen kann. Während die Schweiz mit diesem Verlust ringt, muss sich der Fokus von reaktiven Massnahmen auf vorausschauende Redundanz verlagern. Die Zeit, in der Sicherheitsnachrüstungen als «optional» betrachtet werden, muss vorbei sein. Für die Schweizer Tourismusbranche ist der Ruf des alpinen Verkehrs von zentraler Bedeutung. Das Vertrauen wiederherzustellen, erfordert mehr als blosse Reparaturen: Es braucht einen grundlegenden Wandel darin, wie Risiken berechnet werden.