Klimawandel
Wärmerer Winter lässt Skigebiete in der Südschweiz ergrünen und bringt finanzielle Belastungen
Skigebiete im Tessin, darunter Carì und Airolo, kämpfen mit einem fast vollständigen Schneemangel und müssen deshalb in Betracht ziehen, für ihre Angestellten Kurzarbeit zu beantragen. Die Situation zeigt, wie stark wärmere Winter die Überlebensfähigkeit des Skitourismus in tieferen Lagen der südlichen Schweizer Alpen bedrohen.

Die Südschweiz steht einer erschütternden Realität gegenüber: Der Winter ist praktisch verschwunden. Skigebiete, die einst als Trainingsgelände für Ski-Legenden wie Lara Gut-Behrami dienten, kämpfen nun angesichts eines beispiellosen Schneemangels ums Überleben. Im Leventinatal ist die Lage kritisch. Das Skigebiet Carì, das auf einer Höhe zwischen 1650 und 2300 Metern liegt, wo historisch gesehen eine dicke Pulverschneedecke garantiert war, war Anfang Januar schockierend grün.
Das ist keine geringfügige Wetterschwankung, sondern eine akute Krise für die Identität und Wirtschaft der Region. Weiter oben im Tal, in Airolo, zeigt sich ein ähnlich tristes Bild. Da es nicht genügend Niederschlag gab, um eine ausreichende Schneedecke zu bilden, wurde nur ein Bruchteil der Pisten präpariert, sodass grosse Teile des Berges nicht befahrbar sind. Der visuelle Kontrast ist frappant und ein unbestreitbarer Beweis dafür, dass der Klimawandel die Südseite des Gotthardpasses deutlich stärker trifft als die Nordseite.
Beschäftigte in der Schwebe, während die Einnahmen ausbleiben
Die ökologische Krise hat sich rasch zu einem wirtschaftlichen Notstand entwickelt. Angesichts stillstehender Lifte und leerer Pisten sehen sich die Betreiber der Skigebiete gezwungen, drastische Massnahmen zu ergreifen, um ihre finanzielle Lage zu schützen. Als Zeichen für die Schwere der Situation hat das Skigebiet Airolo beim Kanton offiziell ein Gesuch um Kurzarbeitsentschädigung eingereicht. Dieser verzweifelte Schritt betrifft 40 Angestellte, deren Lebensunterhalt nun von staatlicher Unterstützung statt von Einnahmen aus dem Tourismus abhängt.
Die Verantwortlichen in Carì prüfen derzeit ähnliche Massnahmen. Das deutet auf einen möglichen Dominoeffekt in der ganzen Region hin. Kurzarbeit ist ein Instrument, das für konjunkturelle Einbrüche in der Industrie gedacht ist, wird aber im Zeitalter des Klimawandels nun auch für den Tourismus zu einer notwendigen Überlebenshilfe. Ohne Schnee kommt der Wirtschaftsmotor dieser Alpengemeinden vollständig zum Stillstand. Die finanzielle Belastung ist unmittelbar und bedroht nicht nur den Gewinn dieser Saison, sondern auch die langfristige Beschäftigung in diesen Bergtälern.
Besucherzahlen brechen im «bizarren Klima» ein
Die Zahlen zeichnen ein düsteres Bild der laufenden Saison. Während der entscheidenden Weihnachtsferien, normalerweise die lukrativste Zeit des Jahres, gingen die Besucherzahlen stark zurück. In Bosco/Gurin sank die durchschnittliche Zahl der Gäste pro Tag auf gerade einmal 250, deutlich weniger als die früheren Höchstwerte von 320. Giovanni Frapolli, Eigentümer der Wintersportanlagen in Bosco/Gurin, nahm gegenüber dem öffentlich-rechtlichen Sender RSI kein Blatt vor den Mund: «Das ist sehr wenig. Aber das ist die Realität, mit der wir es in diesem bizarren Klima zu tun haben.»
Dieses «bizarre Klima» verändert das Verhalten der Touristen und die Erwartungen der Einheimischen. Während das Bleniotal und Bosco/Gurin einen katastrophalen Saisonstart erlebten, zeigen sich Skigebietsleiter wie Denis Vanbianchi weiterhin demonstrativ optimistisch und sind zufrieden, überhaupt irgendeine Möglichkeit zum Skifahren anbieten zu können. Die Abhängigkeit von grenzwertigen Bedingungen schafft jedoch ein fragiles Geschäftsmodell. Wenn der Schnee verschwindet, bleiben auch die Skifahrer aus. Den Skigebieten bleibt dann, hohe Fixkosten mit einem Bruchteil der nötigen Einnahmen zu stemmen.
Kunstschnee und Subventionen: der Preis des Überlebens
Das Überleben in den südlichen Schweizer Alpen hat inzwischen seinen Preis. Die meisten Tessiner Skigebiete haben eingeräumt, dass sie ohne erhebliche öffentliche Subventionen nicht überleben können. Angesichts dieser existenziellen Bedrohung hat das Kantonsparlament kürzlich eine wichtige Überlebenshilfe bewilligt: ein neues Darlehen von knapp 6 Millionen CHF, das den Betrieb während der nächsten vier Winter sichern soll. Diese Finanzierung dient nicht dem Ausbau, sondern dem Erhalt.
Gleichzeitig setzen die Skigebiete verstärkt auf Technologie, um dem Temperaturanstieg entgegenzuwirken. Im Bleniotal wurden neue Beschneiungsanlagen installiert, und Bosco/Gurin plant ein Solarkraftwerk und einen Speichersee, um günstiger künstlichen Schnee zu produzieren. Diese technischen Lösungen bieten zwar einen Puffer, sind aber teuer und energieintensiv. Während sich das Klima weiter erwärmt, wird der Wettlauf zwischen steigenden Temperaturen und der Fähigkeit, Winter künstlich herzustellen, zum entscheidenden Kampf um die Zukunft des Schweizer Tourismus.