Zum Inhalt springen
Swiss Observer

Ein Drittel der Schweizer Unternehmen meldet Ethikverstösse

Neuer Whistleblowing-Bericht deckt weitverbreitetes Fehlverhalten in Unternehmen auf, mit durchschnittlich 95'000 CHF Schaden pro Vorfall

Ein Drittel der Schweizer Unternehmen meldet Ethikverstösse
AISWI swissinfo.ch

Ein Drittel der Schweizer Unternehmen kämpft derzeit mit illegalem oder unethischem Verhalten in den eigenen Reihen oder in ihren Lieferketten. Die Illusion absoluter Schweizer Korrektheit in Unternehmen wird durch den jüngsten Bericht Whistleblowing 2025 erschüttert, der von der EQS Group und der Fachhochschule Graubünden veröffentlicht wurde. Dabei geht es nicht bloss um interne Angelegenheiten, sondern um einen erheblichen finanziellen Aderlass. Bei 20 % der betroffenen Unternehmen belaufen sich die Kosten dieser Verstösse auf mehr als 95'000 CHF pro Vorfall. Das ist ein erheblicher Schlag für das operative Ergebnis.

Die Daten zeichnen das Bild einer Unternehmenslandschaft, in der Schweigen teuer ist. Auch wenn viele Firmen glauben mögen, dass sie nicht betroffen sind, sieht die Realität anders aus: Hinter verschlossenen Türen schwelt Fehlverhalten, das im internationalen Vergleich zu «überdurchschnittlichen» materiellen Schäden führt. Für jene, die mutig genug sind, eine strenge Aufsicht einzuführen, gibt es jedoch auch einen Lichtblick. Dem Bericht zufolge konnten 40 % der Unternehmen mit robusten Melde- und Beschwerdestellen mehr als zwei Drittel des gesamten finanziellen Schadens aufdecken. Transparenz ist damit nicht nur eine ethische Verpflichtung, sondern eine finanzielle Notwendigkeit.

Die Schweiz im Vergleich zur Weltwirtschaft

Während die Zahlen im Inland alarmierend sind, bietet der globale Kontext einen deutlichen, wenn auch komplexen Kontrast. Die Schweiz steht an einem Scheideweg zwischen den weitverbreiteten Unregelmässigkeiten in den Vereinigten Staaten und der strengeren Führung in einigen europäischen Nachbarländern. In den USA gaben erschreckende 50 % der untersuchten Unternehmen an, von Unregelmässigkeiten betroffen zu sein. Damit liegen sie deutlich über den Schweizer Zahlen. Die Schweiz kann sich jedoch nicht auf ihren Lorbeeren ausruhen. Christian Hauser von der FH Graubünden hält fest, dass Italien und Frankreich die einzigen Länder in der Studie sind, die bessere Ergebnisse als die Schweiz vorweisen.

Die Studie untersuchte 2'200 Unternehmen in Deutschland, Frankreich, Grossbritannien, Italien, Spanien und den USA und zeigt ein besonderes Schweizer Paradox: Es gibt hierzulande weniger Vorfälle als in den USA, doch wenn sie auftreten, sind die finanziellen Folgen schwerwiegender. Das Ausmass der Schäden in der Schweiz deutet darauf hin, dass Fehlverhalten zwar seltener vorkommt, einzelne Fälle aber gravierende Folgen haben. Schweizer Unternehmen befinden sich dadurch in einer heiklen Lage: Ein einziger Ethikverstoss kann im Vergleich zu ihren europäischen Konkurrenten unverhältnismässige Reputations- und finanzielle Schäden verursachen.

Was die Meldungen offenbaren

Worüber sprechen Schweizer Mitarbeitende hinter vorgehaltener Hand in den Führungsetagen? Die Art der Meldungen zeigt einen deutlichen Unterschied zwischen internen und externen Perspektiven. Intern fordert die Belegschaft einen kulturellen Wandel. Die Meldungen von Mitarbeitenden betreffen vor allem sogenannte weiche Faktoren: Diversität, Respekt am Arbeitsplatz, Menschenrechtsverletzungen und Arbeitssicherheit. Das zeigt, dass die Belegschaft toxische Arbeitsumfelder zunehmend nicht mehr toleriert und bereit ist, über offizielle Kanäle Veränderungen einzufordern.

Meldungen von ausserhalb des Unternehmens, etwa von Lieferanten, Kundinnen und Kunden oder Prüfenden, richten sich dagegen auf harte Zahlen. Diese externen Hinweisgebenden decken Buchhaltungsbetrug, Versäumnisse bei Prüfungen und irreführende Finanzberichterstattung auf. Dieser Druck von zwei Seiten zwingt Schweizer Führungskräfte, an zwei Fronten zu kämpfen: Sie müssen eine gesunde Unternehmenskultur gewährleisten, um die Mitarbeitenden zufriedenzustellen, und zugleich die strikte Einhaltung der Finanzvorschriften sicherstellen, um externen Kontrollinstanzen gerecht zu werden. Da die Hälfte aller eingegangenen Meldungen als «relevant und substanziell» eingestuft wird, handelt es sich nicht um belanglose Beschwerden, sondern um verwertbare Hinweise auf systemische Versäumnisse.

Der Mythos der böswilligen Hinweisgebenden

Die Angst von Unternehmen vor Whistleblowing-Systemen dreht sich oft um den möglichen Missbrauch, etwa durch frustrierte Mitarbeitende, die sich rächen wollen. Die Daten widerlegen diesen Mythos jedoch deutlich. Nur in einem von zehn Fällen handelte es sich um eine missbräuchliche Meldung, die ein Unternehmen oder eine Person in Verruf bringen sollte. Bei der grossen Mehrheit der Meldungen geht es darum, Missstände zu beheben. Dahinter steht der Wunsch, die Organisation zu schützen, nicht sie zu zerstören.

Anonymität ist entscheidend, um eine Kultur der Offenheit zu fördern und wirksame Compliance zu gewährleisten. Zwei Drittel der internen Whistleblowing-Stellen in Schweizer Unternehmen garantieren inzwischen Anonymität. Bei externen Beschwerdestellen sind es 42 %. Von den 320 befragten Schweizer Unternehmen haben derzeit 57 % interne Whistleblowing-Stellen eingerichtet, während 64 % externe Meldekanäle unterhalten. Angesichts strengerer Vorschriften und der steigenden finanziellen Folgen mangelnder Compliance riskieren Unternehmen, die die Identität ihrer Hinweisgebenden nicht schützen, ihre wertvollste Quelle für Informationen zum Risikomanagement zu verlieren.