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Swiss Observer

Die Zukunft der erneuerbaren Energien in der Schweiz auf dem Prüfstand

Trotz weltweiter Fortschritte beim Ausbau erneuerbarer Energien steht die Schweiz vor Herausforderungen, den Schwung bei der Entwicklung von Solar- und Windenergie angesichts veränderter wirtschaftlicher Bedingungen aufrechtzuerhalten.

Die Zukunft der erneuerbaren Energien in der Schweiz auf dem Prüfstand
AISWI swissinfo.ch

Die Energieproduktion war noch nie so sauber und markiert einen historischen Wendepunkt für unseren Planeten. In einer bemerkenswerten Leistung erzeugten erneuerbare Energien in der ersten Hälfte des Jahres 2025 erstmals in der Geschichte mehr Strom als Kohle. Das ist nicht bloss ein Trend, sondern ein grundlegender Wandel in der globalen Energiehierarchie. Heute stammt fast ein Drittel des weltweiten Stroms aus Sonne, Wind und Wasser. Das zeigt, dass grüne Energie aus einer Nische zum Fundament der modernen Infrastruktur geworden ist.

Die Investitionen erzählen eine noch überzeugendere Geschichte. Die Kapitalströme in grüne Energie übersteigen inzwischen deutlich jene in fossile Brennstoffe. Das signalisiert, dass der Markt seinen Gewinner gewählt hat. In vielen Regionen ist die wirtschaftliche Frage geklärt: Erneuerbare Energien sind schlicht günstiger als Gas. Den Vereinten Nationen zufolge hat der Ausbau der Solar- und Windenergie seit 2015 «selbst die optimistischsten Prognosen übertroffen» und schreitet exponentiell voran. Doch während diese Zahlen ein Bild uneingeschränkten Erfolgs zeichnen, verdecken sie eine zunehmende Anfälligkeit des Systems, die diesen Fortschritt zu gefährden droht, gerade als er eine kritische Masse erreicht.

Die Fata Morgana 2030: Ein globaler Realitätscheck

Trotz der Rekordzahlen kommt der Schwung, der nötig ist, um das Klima zu retten, gefährlich ins Stocken. Das ehrgeizige Ziel, die weltweite Kapazität erneuerbarer Energien bis 2030 zu verdreifachen, eine Vereinbarung, die erst vor zwei Jahren getroffen wurde, wird vom Energiedenkzentrum Ember inzwischen als «blosse Fata Morgana» abgetan. Diese Einschätzung ist ein schonungsloser Weckruf. Das derzeitige Wachstumstempo ist zwar historisch betrachtet beeindruckend, reicht aber bei Weitem nicht aus, um die für die Mitte des Jahrhunderts gesetzten Netto-Null-Ziele zu erreichen.

Die Vereinten Nationen warnen eindringlich, dass beim Übergang weg von fossilen Brennstoffen «erhebliche politische und wirtschaftliche Hindernisse bestehen bleiben». Wir erleben einen Zusammenprall idealistischer Klimaziele mit harten wirtschaftlichen Realitäten. Politische Unsicherheit lähmt die Entscheidungsfindung, während internationale Spannungen die Energiestrategien über Nacht neu gestalten. Das exponentielle Wachstum des vergangenen Jahrzehnts stösst auf eine Wand logistischer und geopolitischer Hindernisse. Damit droht aus dem Sprint in Richtung 2030 ein zäher Marsch zu werden. Ohne eine sofortige und deutliche Beschleunigung drohen die in Paris gesetzten Ziele zu diplomatischen Randnotizen zu werden, statt Wirklichkeit zu werden.

Sicherheit vor Nachhaltigkeit: Der Rückfall zu fossilen Brennstoffen

In einer dramatischen Kehrtwende erhält die nationale Energiesicherheit weltweit zunehmend Vorrang vor Nachhaltigkeitsanliegen. Wir beobachten einen alarmierenden Rückschritt, während Grossmächte fieberhaft versuchen, ihre Stromnetze gegen geopolitische Unwägbarkeiten abzusichern. Deutschland, einst ein Vorbild für die grüne Transformation, erlebt eine Rückkehr der Kohle. Auf der anderen Seite des Atlantiks erlebt die USA einen neuen Goldrausch nach fossilen Brennstoffen, während andere Länder zuvor aufgegebene Atomenergieprogramme wiederbeleben.

Das Wiederaufleben traditioneller Energiequellen ist eine direkte Reaktion auf eine angespannte Weltlage. Kriege und diplomatische Brüche haben die Schwächen einer ausschliesslichen Abstützung auf einen noch nicht abgeschlossenen Übergang offengelegt. Regierungen entscheiden sich für die vermeintliche Sicherheit schmutziger Energie statt für die mögliche Unbeständigkeit erneuerbarer Energien. Diese reaktionäre Wende bedroht die Ziele des Pariser Abkommens erheblich. Obwohl die langfristige wirtschaftliche Logik für erneuerbare Energien spricht, treibt die kurzfristige politische Panik eine Renaissance CO₂-intensiver Infrastruktur voran, die Emissionen für Jahrzehnte festschreiben könnte.

Das Versprechen der Schweiz von Paris: Ein Jahrzehnt der Bewährungsprobe

Zehn Jahre nach dem wegweisenden Pariser Abkommen steht die Schweiz an einem entscheidenden Wendepunkt. Die 2017 erfolgte Ratifizierung des Abkommens verpflichtet die Schweizerische Eidgenossenschaft rechtlich zum Ziel, die globale Erwärmung auf deutlich unter 2 °C zu begrenzen, und setzt als verbindliches Ziel Netto-Null-Emissionen bis 2050. Doch während der weltweite Schwung bröckelt, gerät auch die Schweiz unter Beobachtung. Solaranlagen werden zwar auf Schweizer Dächern und Fassaden immer häufiger, doch bleibt die Frage: Reicht das?

Das Pariser Abkommen gab dem Ausbau erneuerbarer Energien in der Schweiz entscheidenden Auftrieb, doch die «einfache» Phase des Ausbaus ist vorbei. Nun kommt der schwierige Teil: die Beschleunigung trotz wirtschaftlichen Gegenwinds aufrechtzuerhalten. Das Schweizer Bekenntnis zur Klimaneutralität ist nicht bloss ein politisches Versprechen, sondern ein Gebot des Überlebens in einem Alpenland, das besonders stark vom Klimawandel betroffen ist. Mit Blick auf das nächste Jahrzehnt muss sich die Schweizer Strategie von einem stetigen Ausbau hin zu einer entschlossenen Umsetzung weiterentwickeln. Die Ära des schrittweisen Übergangs ist vorbei, der Wettlauf gegen die Zeit hat begonnen.