Demografie
Schweizer Bevölkerung dürfte bis 2055 auf 10,5 Millionen anwachsen
Neue demografische Prognosen zeigen, dass das Bevölkerungswachstum der Schweiz fast vollständig durch Migration angetrieben wird. Ab 2035 wird das natürliche Bevölkerungswachstum negativ sein.

Die Schweiz steuert darauf zu, die Marke von 10 Millionen zu überschreiten. Das Bundesamt für Statistik (BFS) bestätigt eine prognostizierte Zunahme auf 10,5 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner bis 2055. Das ist nicht bloss ein moderater Anstieg, sondern ein grundlegender demografischer Wandel, der von einem einzigen starken Motor angetrieben wird: der Migration. 2024 zählt die Schweiz 9 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner, doch die Zeit des natürlichen Wachstums geht zu Ende. Bis 2035 wird die Geburtenbilanz, also die Zahl der Geburten abzüglich der Todesfälle, negativ sein. Damit ist das Land vollständig auf Zuwanderung angewiesen, um seine Bevölkerungszahl zu halten.
Die Folgen sind deutlich. Ohne einen stetigen Zustrom internationaler Fachkräfte würde die Bevölkerung der Schweiz unmittelbar schrumpfen. Das Basisszenario des BFS zeichnet das Bild eines Landes, das demografisch nur überleben kann, wenn es ein attraktiver Wirtschaftsstandort bleibt. Während ein Szenario mit geringem Wachstum eine Stagnation bei 9,3 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern erwarten lässt, prognostiziert ein Szenario mit hohem Wachstum stattliche 11,7 Millionen. Die Realität ist klar: Die Zukunft der Schweiz ist untrennbar mit ihrer Fähigkeit verbunden, Menschen aus aller Welt zu integrieren und anzuziehen. So wird die Alpenrepublik dichter besiedelt und kosmopolitischer als je zuvor.
Die Silberflut: Eine alternde Gesellschaft
Ein tiefgreifender demografischer Wandel ist im Gang: Die «Silberflut» erfasst die Schweizer Gesellschaft. Die Zahlen sind alarmierend: Die Zahl der Einwohnerinnen und Einwohner ab 80 Jahren dürfte sich beinahe verdoppeln und von 540 000 im Jahr 2025 auf über 1 Million bis 2055 steigen. Das ist kein fernes Problem, sondern eine unmittelbare Herausforderung für das Renten- und Gesundheitssystem. Bis zur Mitte des Jahrhunderts wird jede vierte Person 65 Jahre oder älter sein, während die Zahl der älteren Menschen jene der Jugendlichen deutlich übertrifft.
Die Abhängigkeitsquote, also die Belastung der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter, steigt auf kritische Werte. Von 38 Rentnerinnen und Rentnern pro 100 Erwerbstätige im Jahr 2025 wird die Zahl bis 2055 auf 50 pro 100 ansteigen. Dieser tiefgreifende gesellschaftliche Wandel bedeutet, dass weniger Erwerbstätige eine grosse Zahl von Rentnerinnen und Rentnern unterstützen. Während die Babyboomer aus dem Erwerbsleben ausscheiden und die Lebenserwartung steigt, muss die Schweiz neu darüber nachdenken, was «Alter» und soziale Unterstützung künftig bedeuten.
Wandel der Arbeitskräfte: höher qualifiziert und stärker von Zuwanderung geprägt
Trotz der Herausforderungen einer alternden Gesellschaft kommt der Schweizer Wirtschaftsmotor nicht ins Stocken. Die Zahl der Erwerbstätigen dürfte um beachtliche 12,5 % steigen und damit dem Trend zu mehr Pensionierungen trotzen. Wie ist das möglich? Durch einen grossen Zustrom ausländischer Fachkräfte und das konsequente Streben nach höherer Bildung. Die Schweizer Arbeitskräfte des Jahres 2045 werden sich grundlegend von jenen von heute unterscheiden: Sie werden besser qualifiziert und zunehmend international sein.
Der Wandel hin zu einer hoch spezialisierten Wissensökonomie beschleunigt sich. Bis 2045 dürften über 60 % der Erwachsenen zwischen 25 und 64 Jahren einen Abschluss auf Tertiärstufe haben. Dieser «Brain Gain» ist entscheidend, um den Verlust von Arbeitskräften in manuellen und mittleren Berufsfeldern durch Pensionierungen auszugleichen. Die Abhängigkeit von der Zuwanderung hoch qualifizierter Arbeitskräfte setzt die Wirtschaft jedoch globalen Schwankungen aus. Wie das BFS festhält, hängen die Migrationsströme von den wirtschaftlichen Bedingungen ab. Ein Abschwung könnte der Schweiz den dringend benötigten Nachschub an Arbeitskräften entziehen, der für den Erhalt ihres Wohlstands nötig ist.
Die grosse Kluft: boomende Städte und schrumpfende Täler
Der Bevölkerungsboom wird sich nicht gleichmässig verteilen. Es entsteht eine deutliche Kluft zwischen florierenden Metropolregionen und stagnierenden ländlichen Gebieten. Die Metropolregion Zürich und der Genferseebogen dürften rasch dichter besiedelt werden und den Löwenanteil der Neuzuziehenden aufnehmen. Luzern entwickelt sich mit einem prognostizierten Wachstum von +32 % zur unangefochtenen Spitzenreiterin, dicht gefolgt von St. Gallen (+25 %) sowie den internationalen Zentren Waadt und Genf (+22 %).
Im deutlichen Gegensatz dazu droht anderen Regionen ein demografischer Stillstand. Für Neuenburg und Schaffhausen wird ein minimales Wachstum von lediglich 0,4 % vorausgesagt, womit die Bevölkerung über drei Jahrzehnte praktisch unverändert bleibt. Noch besorgniserregender ist der Kanton Jura, für den ein Rückgang von -0,1 % prognostiziert wird. Diese ungleiche Verteilung droht die wirtschaftliche und politische Kluft zwischen den boomenden Städten und den peripheren Kantonen zu vergrössern. Sie stellt den Zusammenhalt des Bundesstaates auf die Probe, während die Infrastruktur in den Städten stärker beansprucht wird und die ländlichen Gebiete um ihre Bedeutung ringen.