Medien
Die grösste Gratiszeitung der Schweiz wird rein digital
20 Minuten, die meistgelesene gedruckte Zeitung der Schweiz, kündigt das Ende der Printausgabe bis Ende 2025 an. Dies markiert trotz profitablen Betriebs einen bedeutenden Wandel in der Schweizer Medienlandschaft.

Das morgendliche Ritual in der Schweiz steht vor einer grundlegenden Veränderung. Ein Schritt, der Schockwellen durch die Schweizer Medienlandschaft schickt: Die ikonischen blauen Verteilboxen von 20 Minutes (20 Minuten) werden bis Ende 2025 von Bahnhöfen und Strassenecken verschwinden. Dabei handelt es sich nicht bloss um eine Änderung des Formats, sondern um das Ende der grössten gedruckten Zeitung der Schweiz, wie wir sie kennen. Jahrzehntelang war die Gratiszeitung für Pendlerinnen und Pendler ein allgegenwärtiger Begleiter. Doch die TX Group hat offiziell signalisiert, dass die Ära des physischen Nachrichtenkonsums rasch zu Ende geht.
Während traditionelle Tageszeitungen seit Jahren langsam an Auflage verloren, bildete 20 Minutes eine Ausnahme und dominierte den Markt mit seinem konsequenten Gratisvertriebsmodell. Nun läuft die gedruckte Zeitung jedoch endgültig ihrem Ende entgegen. Der Entscheid markiert einen entscheidenden Wendepunkt für die Schweizer Medien: Wenn die meistverbreitete Zeitung des Landes ihre Druckauflage nicht aufrechterhalten kann, steht das Medium selbst vor einer existenziellen Krise. Der vertraute Anblick von Pendlerinnen und Pendlern, die eine Zeitung aus der blauen Box nehmen, wird zur nostalgischen Erinnerung.
Profitparadox: Margen im Vergleich zur Realität
Dies ist keine Geschichte des Scheiterns, sondern ein kalkulierter Rückzug aus dem Printgeschäft. Paradoxerweise erzielt 20 Minutes derzeit die höchsten Margen aller Tageszeitungen im grossen Portfolio der TX Group. Doch selbst eine solide Rentabilität kann die Zeitung nicht vor der unerbittlichen wirtschaftlichen Realität der modernen Verteilung schützen. Die Zeitung ist heute profitabel, doch der Trend steigender Kosten ist unbestreitbar.
Die Druck- und Logistikkosten schnellen in die Höhe und setzen die Tragfähigkeit eines Modells unter Druck, das auf physischer Verteilung beruht. Gleichzeitig hat sich die Werbelandschaft dramatisch verändert. Werbetreibende wenden sich vom breit gestreuten Ansatz der Printwerbung ab und setzen auf die präzise, messbare Zielgruppenansprache digitaler Plattformen. Die TX Group ist zum Schluss gekommen, dass die wirtschaftliche Grundlage für Print «nicht mehr gegeben» ist, und stellt das langfristige Überleben über die aktuellen Margen. Das ist eine deutliche Lehre in Sachen Anpassung: Selbst erfolgreiche Unternehmen müssen ihre eigenen Produkte kannibalisieren, um den digitalen Wandel zu überstehen.
Arbeitsplätze im Visier
Der digitale Wandel fordert einen hohen menschlichen Preis. 80 Vollzeitstellen in den Verlags- und Redaktionsabteilungen sind von einem Stellenabbau betroffen, während sich das Unternehmen für eine Zukunft ohne Print neu aufstellt. Dieser erhebliche Personalabbau betrifft nicht nur den Hauptsitz: Auch Regionalbüros werden vollständig geschlossen. Damit werden Inhalte zentralisiert und die geografische Vielfalt verringert, die den lokalen Reiz der Zeitung ausmachte.
Die Mediengewerkschaft Syndicom hat umgehend ihr Bedauern geäussert und die aktuelle Rentabilität der Zeitung als Argument gegen solch drastische Kürzungen angeführt. Die unternehmerische Logik bleibt jedoch unerbittlich. Mit der Schliessung von Regionalbüros und dem Abbau von Stellen nimmt auch der Druck auf die verbleibende Schweizer Druckinfrastruktur zu. Da es weniger Kundschaft zu bedienen gibt, stehen Druckereien, von denen viele bereits geschlossen wurden, vor einer noch düstereren Zukunft. Die Folgen dieses Entscheids werden von der Redaktion bis in die Druckhallen spürbar sein und das Schweizer Medienökosystem weiter schrumpfen lassen.
Das digitale Wagnis
Das Ausmass der logistischen Abwicklung ist enorm. Jeden Morgen verteilt das Netzwerk derzeit fast 300'000 Gratisexemplare an Pendlerinnen und Pendler. Diese riesige physische Präsenz wird 2025 praktisch über Nacht verschwinden. Die Herausforderung besteht nun darin, diese grosse Leserschaft vollständig auf 20minutes.ch zu übertragen. Die digitale Plattform erreicht bereits ein beträchtliches Publikum, doch gelegentliche Printleserinnen und -leser in treue digitale Nutzerinnen und Nutzer zu verwandeln, ist ein riskantes Unterfangen.
Anders als die gedruckte Ausgabe, die an Pendler-Hotspots physisch verfügbar war, muss sich die digitale Ausgabe in einer überfüllten Welt der Benachrichtigungen Aufmerksamkeit verschaffen. Die TX Group setzt darauf, dass die Marke stark genug ist, um auch ohne ihren physischen Anker zu bestehen. Während sich die Schweiz von ihrer grössten Druckauflage verabschiedet, signalisiert dieser Schritt das definitive Ende der Massenmarktwerbung in Printmedien. Die Zukunft ist effizient, digital und an Bildschirme gebunden. Ob die Leserschaft mitzieht, bleibt die entscheidende Bewährungsprobe.