Wohnen
Die Wohnungskrise in der Schweiz: Parallelen zu Englands Fehlern
Ein Schweizer Immobilienökonom warnt, dass die Schweiz Gefahr läuft, die Fehler des englischen Wohnungsmarkts zu wiederholen. Beide Länder kämpfen mit strengen Nutzungsbeschränkungen für Land und einer wachsenden Nachfrage.

Die Schweiz befindet sich an einem kritischen Wendepunkt auf ihrem Wohnungsmarkt und steht vor Herausforderungen, die jenen in England ähneln. Die jüngsten Daten zeigen eine ernüchternde Realität: Vier Fünftel der Schweizer Bevölkerung können sich die aktuellen Hauspreise nicht mehr leisten, während leer stehende Wohnungen immer seltener werden. Besonders deutlich zeigt sich die Situation in den Städten. Die überwältigende Resonanz auf Neubauprojekte veranschaulicht dies: Für ein kürzlich geplantes Wohnbauprojekt in der Zürcher Siedlung Tramdepot Hard gingen erstaunliche 15'000 Bewerbungen ein. Das verdeutlicht das starke Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage.
Englands Pläne für eine Wohnungsreform
Englands Ansatz zur Bewältigung der Wohnungskrise bietet der Schweiz wertvolle Erkenntnisse. Die britische Regierung hat einen ehrgeizigen Plan vorgestellt, der jährlich 370'000 neue Baubewilligungen für Wohnraum vorsieht, davon allein 87'000 für London. Solche Zahlen gab es zuletzt in den 1970er-Jahren. Der britische Premierminister Keir Starmer betont, dass der Wohnraumbedarf Vorrang haben soll, ohne dabei die Umwelt aus den Augen zu verlieren: «Wir wollen das richtige Gleichgewicht mit der Natur und der Umwelt finden. Wenn aber ein Mensch ein Haus für sich und seine Familie haben möchte, muss das oberste Priorität haben.»
Nutzungsbeschränkungen für Land in der Schweiz
Die strengen Nutzungsbeschränkungen für Land in der Schweiz, insbesondere seit der umfassenden Revision des Raumplanungsgesetzes vor elf Jahren, haben die Wohnraumentwicklung erheblich beeinflusst. Das Gesetz stoppte faktisch die Ausscheidung neuer Bauzonen, um natürliche Gebiete zu erhalten und die Zersiedelung zu verhindern. Wie LSE-Professor Christian Hilber feststellt, haben diese Beschränkungen jedoch seit Mitte der 2010er-Jahre zu einem zunehmend unflexiblen Wohnungsangebot beigetragen, obwohl die Nachfrage aufgrund der Arbeitsmigration und des Bevölkerungswachstums weiter zunimmt.
Die Rolle des Föderalismus
Der Föderalismus spielt bei den Herausforderungen auf dem Schweizer Wohnungsmarkt eine zentrale Rolle. Die Kombination aus Steuerautonomie und Raumplanung auf Gemeindeebene hat die Entwicklungsmuster seit jeher beeinflusst. Wie Professor Hilber erklärt, konkurrierten die Gemeinden früher darum, wohlhabende Steuerzahlende anzuziehen, was zur Zersiedelung beitrug. Dieser dezentralisierte Ansatz in der Wohnungs- und Entwicklungspolitik prägt weiterhin die Reaktion des Landes auf die Wohnungskrise und schafft ein komplexes Geflecht aus lokalen Vorschriften und Interessen.
Folgen für die Zukunft
Während die Schweiz mit ihrer Wohnungskrise ringt, bieten die Parallelen zu Englands Erfahrungen sowohl Warnungen als auch mögliche Lösungen. Die Herausforderung besteht darin, ein Gleichgewicht zwischen dem Schutz der Umwelt und der Deckung des Wohnraumbedarfs zu finden. Während England auf ehrgeizige Entwicklungsziele zusteuert, muss die Schweiz prüfen, ob ihr derzeitiger restriktiver Ansatz nachhaltig ist. Die kommenden Jahre werden entscheidend dafür sein, ob die Schweiz die Fehler Englands vermeiden und zugleich an ihrem Engagement für eine nachhaltige Entwicklung und soziale Gleichheit beim Wohnen festhalten kann.