Umwelt
Die CO2-Herausforderung der Schweiz: Studie prognostiziert bis 2050 jährliche Emissionen von 5 Mt
Forschungsarbeiten des Paul-Scherrer-Instituts zeigen, dass die Schweiz trotz ihrer Netto-Null-Ziele bis 2050 jährlich noch 2 bis 5 Megatonnen CO2 produzieren könnte.

Bis 2050 werden jährlich immer noch erstaunliche 2 bis 5 Megatonnen CO2-Äquivalente die Atmosphäre belasten und die vereinfachende Illusion einer vollkommen klimaneutralen Schweiz zerstören. Zu diesem klaren, unverblümten Schluss kommt eine bahnbrechende Studie des Paul-Scherrer-Instituts (PSI), die kürzlich in der renommierten Fachzeitschrift Nature Communications Earth & Environment veröffentlicht wurde. Während Politikerinnen, Politiker und Unternehmen Netto-Null-Ziele propagieren, offenbaren die Daten eine hartnäckige, unbequeme Wahrheit: «Null» ist eine irreführende Bezeichnung.
Die Forschung konfrontiert das Land mit einem wichtigen Realitätscheck. Selbst wenn die Schweiz jede geplante Reduktionsstrategie sorgfältig umsetzt, um ihre nationalen Ziele zu erreichen, geht die Rechnung schlicht nicht auf. Wir stehen vor einer anhaltenden Emissionslücke, die sich nicht schliessen lässt. Das ist kein Rundungsfehler, sondern eine erhebliche ökologische Belastung, die noch Jahrzehnte in die Zukunft hinein fortbesteht. Die Ergebnisse des PSI erschüttern die Selbstzufriedenheit, die langfristige Klimaversprechen oft begleitet, und zwingen dazu, neu zu bewerten, wie echte Nachhaltigkeit für eine wohlhabende Industrienation aussieht.
Ausgelagerte Umweltverschmutzung: Die unsichtbare Belastung
Die Ursache für diesen anhaltenden CO2-Überhang liegt ausserhalb unserer Grenzen. Die PSI-Studie legt einen entscheidenden blinden Fleck in der nationalen Rechnungslegung offen: Die Schweiz verursacht weiterhin weltweit erhebliche Emissionen, auch wenn sie im Inland ihre Emissionen senkt. Derzeit entstehen 25 % der Gesamtemissionen der Schweiz indirekt, in anderen Ländern, um die Konsumnachfrage in der Schweiz zu decken. Im Grunde lagern wir unsere Umweltverschmutzung aus und beanspruchen gleichzeitig für uns, im Inland umweltbewusst zu handeln.
Dieser «globale ökologische Fussabdruck» ist der stille Zerstörer der Netto-Null-Ambitionen. Wenn Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten importierte Waren kaufen, werden die CO2-Kosten von Herstellung und Transport oft nicht in der inländischen Bilanz erfasst. Für die Atmosphäre macht das jedoch keinen Unterschied. Der ganzheitliche Ansatz der Studie deckt diesen Bilanzierungstrick auf. Sie zeigt, dass eine «saubere» Schweiz nur eine lokale Ausnahme in einem verschmutzten globalen System bleibt, solange unsere Lieferketten CO2-intensiv sind. Um die Klimakrise wirklich anzugehen, muss die Definition der nationalen Verantwortung deutlich erweitert werden, sodass auch die Schornsteine in fernen Ländern berücksichtigt werden, die wir mit unseren Käufen befeuern.
Das Paradox grüner Technologien
Auch unsere Lösungen haben einen versteckten Preis. Der Übergang zu einer grünen Wirtschaft ist kein Zauberstab, der CO2 verschwinden lässt, sondern verlagert lediglich den Ort, an dem es ausgestossen wird. Die Forschenden des PSI weisen auf die unbequemen Tatsachen rund um den Lebenszyklus moderner Technologien hin: Wer in Zürich ein Elektroauto fährt, verursacht zwar keine Abgase am Auspuff, doch die Batterieherstellung und der Bau des Stromnetzes, das das Auto antreibt, sind CO2-intensive Prozesse.
Das ist das Technologieparadox. Wir ersetzen die direkte Verbrennung fossiler Brennstoffe durch eine elektrifizierte Infrastruktur, die ihrerseits erhebliche CO2-Altlasten mit sich bringt. Die Studie betont, dass nur eine ganzheitliche Betrachtung, die die gesamte Lebensdauer eines Produkts von der Rohstoffgewinnung bis zur Entsorgung berücksichtigt, eine ehrliche Messung der Fortschritte ermöglicht. Die in den Beton unserer Wasserkraftwerke eingebetteten Emissionen oder den CO2-Ausstoss durch den Lithiumabbau für unsere Batterien zu ignorieren, können wir uns nicht länger leisten. Echte Nachhaltigkeit verlangt, dass wir uns mit der schmutzigen Kehrseite unserer sauberen Technologie auseinandersetzen.
Dringlichkeit in den Alpen: Die Erwärmung nimmt rasant zu
Beim Schliessen dieser Emissionslücke steht sehr viel auf dem Spiel, denn die Schweiz befindet sich an vorderster Front der Klimakrise. Wir gehören inzwischen zu den zehn Ländern mit der weltweit stärksten Erwärmung. Die Temperaturen steigen bei uns schneller als im globalen Durchschnitt. Das ist kein theoretisches Modell für das nächste Jahrhundert, sondern eine ökologische Krise, die sich in Echtzeit in unseren Alpen abspielt.
Während sich die Gletscher zurückziehen und der Permafrost taut, wird die Prognose von 2 bis 5 Megatonnen zu einem beängstigenden Massstab für ein mögliches Scheitern. Jede ausgestossene Tonne CO2, ob direkt in Bern oder indirekt durch eine Fabrik in Asien, beschleunigt die Destabilisierung unseres empfindlichen alpinen Ökosystems. Die PSI-Studie ist eine letzte Warnung: Netto-Null-Ziele, die das gesamte Ausmass unseres globalen Fussabdrucks ausser Acht lassen, reichen nicht aus. Um die Schweizer Landschaft vor unumkehrbaren Veränderungen zu schützen, müssen wir über Bilanzierungstricks hinausgehen und uns der gesamten Realität unseres Konsums stellen.