Umwelt
In der Schweiz werden drei Wochen früher als üblich 20 °C erreicht
In Cevio im Tessin wurde die 20-°C-Marke überschritten, zum ersten Mal in diesem Jahr und rund drei Wochen früher als im langjährigen Durchschnitt. Diese für die Jahreszeit ungewöhnliche Wärmeperiode wirft weitere Fragen zu den sich verändernden Wettermustern und zum frühen Frühlingsbeginn im Alpenland auf.

Der Winter hat in der Südschweiz praktisch kapituliert. Am Dienstagnachmittag wurde in Cevio im Tessin die 20-°C-Marke in einem eindrücklichen Beispiel meteorologischer Beschleunigung deutlich überschritten. Damit kletterte das Thermometer 2026 zum ersten Mal so hoch und entfernte sich dramatisch von den saisonalen Normwerten. Während der Rest Europas noch mit den letzten Februartagen zu tun hat, geniesst das Tessin bereits Bedingungen, wie sie sonst für den späten Frühling typisch sind.
Die Bedeutung dieses Messwerts kann kaum überschätzt werden. Wir erleben nicht einfach einen sonnigen Nachmittag, sondern beobachten eine statistische Anomalie. Laut dem Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie (MeteoSchweiz) wurde dieser Wert rund drei Wochen früher als im langjährigen Durchschnitt erreicht. Üblicherweise muss die Alpensüdseite bis zum 15. März warten, bis Temperaturen von 20 °C erreicht werden. Mit dem frühen Eintreffen der Wärme am 24. Februar wurde der saisonale Kalender praktisch beschleunigt. Einheimische und Klimatologinnen und Klimatologen müssen sich damit der Realität eines zunehmend unbeständigen Klimas stellen.
Wetter trotzt den Erwartungen: Das Hochdruckgebiet
Bis zur Frühlings-Tagundnachtgleiche dauert es noch Wochen, doch die Atmosphäre scheint den Kalender ganz zu ignorieren. Ein kräftiges Hochdruckgebiet, das sich derzeit vom westlichen Mittelmeer bis zu den Alpen erstreckt, ist der Motor dieser verfrühten Wärme. MeteoSchweiz meldet, dass dieser Hochdruckrücken sehr milde Luft aus Südwesten direkt ins Schweizer Mittelland führt und eine Wärmeglocke entstehen lässt, die sich kaum bewegt.
Das ist kein kurzfristiger Temperaturanstieg. Die Prognose zeigt, dass die Hochdrucklage anhält und die Schweiz für den Rest der Woche in einem Muster mit zweistelligen Temperaturen festhält. Der Süden gibt zwar den Ton an, doch auch der Norden bleibt nicht verschont. Den Prognosen zufolge könnten auch im nördlichen Jura, im Wallis und in der Region Basel Höchstwerte nahe der 20-°C-Marke erreicht werden. Die Botschaft des Himmels ist klar: Der traditionelle Übergang vom Winter zum Frühling verschwindet und wird durch plötzliche, starke Temperaturschwankungen ersetzt, die historischen Mustern zuwiderlaufen.
Die Alpen unter Druck: Die Schneefallgrenze steigt
Die alarmierendste Zahl dieser Wärmeperiode findet sich nicht in den Städten, sondern auf den Gipfeln. Während die Temperaturen in den Tälern steigen, schiesst die Nullgradgrenze in die Höhe. MeteoSchweiz geht davon aus, dass die Schneefallgrenze auf unglaubliche 3200 Meter steigt. Zur Einordnung: Diese Höhe liegt über vielen der bekanntesten Schweizer Skigebiete und gefährdet zu einem kritischen Zeitpunkt die Stabilität der Schneedecke und die Infrastruktur des Wintertourismus.
Diese dramatische Veränderung stellt die alpine Umwelt unmittelbar vor eine Herausforderung. Während sich Wanderinnen und Wanderer über das frühe Tauwetter freuen könnten, sind die Folgen für die Wasserwirtschaft und die Skigebietsbetreiber gravierend. Eine Schneefallgrenze von 3200 Metern im Februar ist eine grosse Anomalie. Sie bedeutet, dass der Winter nicht einfach an Kraft verliert, sondern ihm gewaltsam die Tür geöffnet wird. Dringt die milde Luft tief in die Bergtäler vor, lässt sich der Widerspruch zwischen dem Kalenderdatum und der tatsächlichen Landschaft kaum mehr ignorieren.
Eine Verschiebung im Zeitverlauf: die neue Normalität?
Die Geschichte liefert den Kontext, und die Daten verlangen dringend Aufmerksamkeit. Der Referenzzeitraum 1991 bis 2020 weist den 15. März als übliches Datum für das erste Erreichen von 20 °C südlich der Alpen aus. Da dieser Wert am 24. Februar 2026 überschritten wurde, erleben wir eine deutliche Abweichung von drei Wochen. Zwar gibt es Schwankungen, der Rekord bleibt der aussergewöhnliche 4. Januar 2013, doch der Trend zu früheren Frühlingsanfängen wird immer deutlicher.
Ein Vergleich mit der Mitte des 20. Jahrhunderts: 1941 wurden an der Messstation Locarno-Monti erst am 21. Mai 20 °C gemessen. Der Unterschied zwischen einem Frühlingsbeginn im Mai und einem im Februar steht für einen grundlegenden Wandel der Schweizer Klimaerfahrung. Wir sprechen nicht mehr von Wetterschwankungen, sondern dokumentieren eine Verschiebung im Zeitverlauf. Da die Schweiz immer häufiger mit für die Jahreszeit ungewöhnlich warmen Perioden konfrontiert ist, lautet die Frage nicht mehr, ob sich das Klima verändert, sondern wie schnell sich das Alpenland an einen Frühling anpassen kann, der nicht bis März warten will.