Politik
Schweizer Regierung überweist wegweisendes EU-Vertragspaket ans Parlament
Der Bundesrat hat dem Parlament offiziell ein neues Vertragspaket überwiesen. Dies ist ein entscheidender Schritt, um die langfristigen Beziehungen der Schweiz zur Europäischen Union zu stabilisieren und weiterzuentwickeln.

Das Warten hat ein Ende. Mit einem entscheidenden Schritt zur Sicherung der Zukunft der Schweiz hat der Bundesrat das wegweisende Paket von Abkommen mit der EU offiziell dem Parlament übergeben. Dabei geht es nicht bloss um administrative Routine, sondern um eine entscheidende Rettungsmission für den bilateralen Weg. Bundespräsident Guy Parmelin erklärte unmissverständlich, dieses Paket sei der «einzige Weg», um die politische Autonomie der Schweiz zu bewahren und gleichzeitig eine schleichende Aushöhlung ihrer wichtigen Beziehungen zur EU zu verhindern.
Die Botschaft der Regierung ist deutlich und dringlich: Ohne einen stabilen Rechtsrahmen droht die bilaterale Beziehung an Substanz zu verlieren. Das Paket soll als Schutzwall die Schweizer Interessen in allen Bereichen wahren, von der Elektrizität bis zur Lebensmittelsicherheit. Indem der Vorschlag in zwei Teile gegliedert wird, die Stabilisierung bestehender Verträge und die Ausweitung der Zusammenarbeit auf neue Bereiche wie Gesundheit, versucht Bern einen anspruchsvollen Spagat. Das Ziel ist klar: die Erosion stoppen, die Zukunft sichern und die Schweiz im Herzen Europas halten, ohne ihre Eigenständigkeit aufzugeben.
Die Exportwirtschaft schützen
Erstaunliche 73% der Schweizer Exporte in die EU hängen direkt vom Abkommen über die gegenseitige Anerkennung von Konformitätsbewertungen ab. Diese Zahl muss man sich erst einmal vor Augen führen. Guy Parmelin sprach die wirtschaftlichen Folgen bei der Präsentation unmissverständlich an: Würden diese Abkommen nicht aktualisiert, entstünden technische Handelshemmnisse, die die exportorientierte Schweizer Wirtschaft ersticken könnten. Das neue Paket ist nicht bloss eine diplomatische Höflichkeit, sondern eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Es soll den bürokratischen Aufwand deutlich verringern und dafür sorgen, dass Schweizer Waren weiterhin ungehindert über die Grenzen gelangen.
Neben dem Warenverkehr steht auch für die Innovation viel auf dem Spiel. Das Abkommen sichert die provisorische Teilnahme der Schweiz an Horizon Europe, dem zentralen Forschungsprogramm der EU. Parmelin bezeichnete diese Regelung als «unverzichtbar», um den Status der Schweiz als globaler Innovationsstandort zu erhalten. Ohne dieses Abkommen droht Schweizer Forschenden der Ausschluss von den renommiertesten wissenschaftlichen Initiativen des Kontinents. Eine wissensbasierte Wirtschaft kann sich einen solchen Rückschlag schlicht nicht leisten.
Grenzen und Löhne kontrollieren
Die Zuwanderung ist ein politischer Dauerbrenner in der Schweiz. Der Bundesrat geht das Thema mit einer neuen, griffigen Schutzklausel direkt an. Gemäss dem vorgeschlagenen Abkommen behält die Schweiz die Möglichkeit, einseitig eine «Notbremse» zu ziehen, wenn die Zuwanderung übermässig stark zunimmt. Das ist ein wichtiger Erfolg für die innenpolitische Souveränität. So wird sichergestellt, dass die Personenfreizügigkeit an den tatsächlichen Bedürfnissen des Arbeitsmarkts ausgerichtet bleibt und nicht zu einer offenen Tür wird.
Justizminister Beat Jans räumte Befürchtungen hinsichtlich einer «Sozialzuwanderung» rasch aus. Seine Haltung ist kompromisslos: Wer ohne gültigen Arbeitsvertrag in die Schweiz einreist, muss nachweisen, dass er oder sie über ausreichende finanzielle Mittel zur Sicherung des eigenen Lebensunterhalts verfügt. Es gibt keine kostenlose Mitnahme. Zudem enthält das Paket umfassende Anpassungen beim Lohnschutz, der historisch ein wichtiger Streitpunkt war. Damit soll verhindert werden, dass Schweizer Löhne unter Druck geraten. Mit der Kombination aus Schutzklausel und strengen finanziellen Anforderungen sollen Kritikerinnen und Kritiker beruhigt werden, die einen Kontrollverlust an den Schweizer Grenzen befürchten.
Souveränität auf schwierigem Terrain
Am meisten Zündstoff birgt im Paket die «dynamische» Übernahme von EU-Recht, ein Konzept, das die Verhandlungen seit Langem belastet. Aussenminister Ignazio Cassis verteidigte es mit Nachdruck: «Dynamisch bedeutet nicht automatisch.» Die Schweiz werde jeden neuen EU-Rechtsakt einzeln prüfen, bevor sie über dessen Übernahme entscheide, und so die Integrität ihres Gesetzgebungsprozesses bewahren. Die Regierung betont, dass die direkte Demokratie unantastbar bleibt. Die Stimmberechtigten können auch künftig gegen neue Entwicklungen im EU-bezogenen Recht Referenden ergreifen.
Zur Beilegung von Streitigkeiten ist ein neuer Mechanismus vorgesehen. Findet der Gemischte Ausschuss keine Lösung, wird die Angelegenheit einem Schiedsgericht vorgelegt. Dessen Entscheide sind zwar verbindlich, der Gerichtshof der Europäischen Union (EuGH) wird jedoch nur zur konkreten Auslegung von EU-Recht konsultiert. Diese Struktur soll Rechtssicherheit schaffen, ohne die Kontrolle über das Land ausländischen Richterinnen und Richtern zu überlassen. In den kommenden Monaten wird genau geprüft werden, ob dieser heikle Ausgleich gelingt.
Die parlamentarische Auseinandersetzung beginnt
Die bevorstehende Gesetzgebungsarbeit ist gewaltig. Für die Umsetzung des Pakets müssen drei neue Bundesgesetze verabschiedet und bestehende Gesetze in 36 Punkten geändert werden. Die Gesetze betreffen Bereiche von der Aufsicht über staatliche Beihilfen bis zu den finanziellen Beiträgen der Schweiz an den europäischen Zusammenhalt. Der Bundesrat nimmt die Aufgabe äusserst ernst: Sechs der sieben Mitglieder des Bundesrats werden voraussichtlich persönlich in die parlamentarische Arena treten, um das Abkommen zu verteidigen.
Nun liegen Feder und Macht beim Parlament. Die Mitglieder des Parlaments können die mit dem Paket verbundenen Gesetzesänderungen anpassen. Das garantiert eine intensive und langwierige Debatte. Damit beginnt ein anstrengender politischer Marathon, der den Platz der Schweiz in Europa für Jahrzehnte prägen wird. Während das Dossier von der Exekutive an die Legislative übergeht, läuft die Zeit, und der Druck wächst, ein erneuertes Abkommen vorzulegen, das sowohl Brüssel als auch die Schweizer Bevölkerung überzeugt.