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Swiss Observer

Schweiz erlebt «Batterieboom»: Speicherung von Solarstrom steigt in vier Jahren um 400 Prozent

Ein neuer Bericht von Swissolar zeigt einen massiven, weitgehend unbemerkten Wandel im Energiesektor: Haushalte und Unternehmen installieren rasch Batterien, um Solarstrom zu speichern. Dieser Anstieg der Speicherkapazität hinter dem Zähler um 400 Prozent beschleunigt die Energiewende des Landes.

Schweiz erlebt «Batterieboom»: Speicherung von Solarstrom steigt in vier Jahren um 400 Prozent
AISWI swissinfo.ch

Die Schweiz erlebt eine massive, unsichtbare Energierevolution. Während die Dächer des Landes schon lange mit Photovoltaikmodulen glänzen, vollzieht sich unter der Oberfläche ein verblüffender Wandel: Die Batteriespeicherung hinter dem Zähler ist innerhalb von nur vier Jahren um 400 Prozent in die Höhe geschnellt. Das ist kein allmählicher Anstieg, sondern ein explosionsartiger Zuwachs, der einen grundlegenden Wandel im Umgang der Schweizer Bevölkerung mit Energie signalisiert.

Laut dem wegweisenden Bericht Battery Monitor Switzerland 2026 von Swissolar installieren Haushalte und Unternehmen Speicheranlagen in Rekordtempo. Dieser Boom bedeutet, dass die Zeiten, in denen überschüssiger Strom einfach ins Netz eingespeist wurde, zu Ende gehen. Stattdessen speichern die Schweizerinnen und Schweizer ihre Solarenergie. Die im vergangenen Jahr installierte Kapazität reicht theoretisch aus, um 1,5 Millionen Haushalte zwei Stunden lang mit Strom zu versorgen. Im Laufe dieses Jahres dürfte diese Zahl auf 2,5 Millionen Haushalte steigen. Das ist längst kein Nischenhobby für Öko-Enthusiasten mehr, sondern ein Ausbau kritischer Infrastruktur, der sich in Kellern und Garagen von Genf bis St. Gallen vollzieht.

Sinkende Kosten führen zur breiten Nutzung

Der wichtigste Auslöser für diesen Boom ist unbestreitbar: Die Technologie ist massiv günstiger geworden, sodass sich Energieunabhängigkeit finanziell geradezu aufdrängt. Wir erleben eine dramatische Demokratisierung der Energiespeicherung. Allein 2024 sank der durchschnittliche Preis für Lithium-Ionen-Batteriepacks auf 115 US-Dollar pro Kilowattstunde, ein deutlicher Rückgang um 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr und eine massive Senkung um 84 Prozent im Vergleich zu vor zehn Jahren.

Dieser wirtschaftliche Wandel hat Batterien von Luxusartikeln zu unverzichtbaren Haushaltsgeräten gemacht. Hauseigentümerinnen und Hauseigentümer in der Schweiz fragen nicht mehr nur nach Solarpanels, sondern verlangen integrierte Systeme. Die Rechnung sieht heute anders aus. Bei derart tiefen Preisen lohnt es sich finanziell mehr, den eigenen Solarüberschuss zu speichern, als ihn ins Netz zurückzuspeisen. Die globalen Trends spiegeln diese Entwicklung in der Schweiz wider: 2024 wurden weltweit Batterien mit einer Kapazität von 69 GW installiert, womit sich die gesamte bestehende Kapazität beinahe verdoppelte. Die Schweiz reitet auf dieser globalen Welle und nutzt die günstige Technologie, um ihre Energieversorgung im Inland zu stärken.

Über die Haushalte hinaus: Die Industrie wacht auf

Während zahlenmässig vor allem Hauseigentümerinnen und Hauseigentümer den Ausbau vorantreiben, bereitet sich die Industrie auf eine gewaltige Ausweitung vor. Swissolar berichtet, dass grosse, ans Stromnetz angeschlossene Speicheranlagen, die Schwergewichte der Energiewelt, zunehmend an Bedeutung gewinnen. Die Elektrizitätsbranche hat angekündigt, bis 2030 zusätzliche Kapazitäten von mehr als 4 Gigawattstunden (GWh) aufzubauen. Zur Einordnung: Das entspricht einer 30-fachen Steigerung gegenüber der derzeit installierten Kapazität.

Grosse Unternehmen wie Migros zeigen bereits, dass das Konzept funktioniert. Die Migros-Filiale in Schlieren-Rietbach wird heute mit einer grossen Photovoltaikanlage auf dem Dach betrieben, die mit Batteriespeichern in Industriequalität kombiniert ist. Dabei handelt es sich nicht einfach um Notstromaggregate, sondern um aktive Netzstabilisatoren. Diese Grossbatterien erbringen wichtige Systemdienstleistungen, gleichen Schwankungen bei der Energieversorgung aus und sorgen dafür, dass bei Spitzenbedarf die Lichter nicht ausgehen. Während die Schweiz den Ausstieg aus der Kernenergie und fossilen Brennstoffen bewältigt, werden diese Industriebatterien als Rückgrat eines stabilen erneuerbaren Stromnetzes dienen.

Neuer Umgang mit Strom: Solar wird zum Standard

Die Ära der passiven Stromkonsumentinnen und -konsumenten ist vorbei. An ihre Stelle tritt der «Prosumer», der seinen Strom selbst produziert und nach eigenen Vorstellungen verbraucht. Matthias Egli, Geschäftsführer von Swissolar, sagt, dass es «praktisch Standard» geworden sei, Solaranlagen mit Batterien zu kombinieren. Die Logik ist einfach, aber revolutionär: Die Mittagssonne speichern, um abends das Essen zu kochen.

«Am Mittag wird mehr Strom produziert, als ich verbrauchen kann ... der Überschuss fliesst direkt in die Batterie», erklärt Egli. Nach Sonnenuntergang wird diese gespeicherte Energie zum Kochen, zum Laden von Elektrofahrzeugen oder für Unterhaltungselektronik genutzt. Dieser Wandel verändert das Lastprofil des Schweizer Stromnetzes grundlegend. Indem Schweizer Haushalte die Spitzen und Täler der Solarstromproduktion ausgleichen, lösen sie das Problem der schwankenden Verfügbarkeit erneuerbarer Energie eigenständig. Mit Blick auf 2030 dürfte dieses dezentrale Netz aus Tausenden Heimbatterien für die nationale Energiesicherheit ebenso wichtig sein wie jedes einzelne Kraftwerk.