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Swiss Observer

Schweizer Regierung lehnt Vorgehen gegen Honorarkonsuln trotz Skandalen ab

Obwohl eine internationale journalistische Recherche Hunderte Fälle von Fehlverhalten durch Honorarkonsuln, auch in der Schweiz, aufgedeckt hat, hat die Schweizer Regierung beschlossen, die Aufsicht nicht zu verschärfen.

Schweizer Regierung lehnt Vorgehen gegen Honorarkonsuln trotz Skandalen ab
AISWI swissinfo.ch

Die Schweizer Regierung schaut bei diplomatischem Fehlverhalten weg. In einem umstrittenen und stark kritisierten Schritt hat der Bundesrat Forderungen nach einer verschärften Aufsicht über Honorarkonsuln in der Schweiz offiziell zurückgewiesen. Trotz einer aufsehenerregenden internationalen Recherche, die weit verbreiteten Missbrauch aufdeckte, begnügt sich Bern mit einer blossen «Überprüfung» der bestehenden Verfahren. Diese schwache Reaktion widerspricht direkt dem Kontrollausschuss des Ständerats, der dringend strengere und kompromisslose Massnahmen gefordert hatte.

Es steht ausserordentlich viel auf dem Spiel. Heute sind in der Schweiz 122 Honorarkonsuln für 65 Länder tätig. Diese Personen sind keine Berufsdiplomaten, sondern einflussreiche Unternehmer, Anwälte und Wirtschaftsgrössen, die ihre Ehrentitel neben ihren privaten Unternehmen nutzen. Indem die Regierung auf strenge Kontrollen verzichtet, überlässt sie den Fuchs gewissermassen den Hühnerstall. Während die Parlamentarier Rechenschaft fordern, sendet die Weigerung des Bundesrats zu handeln eine gefährliche Botschaft: In der Schweiz hat diplomatische Zweckmässigkeit weiterhin Vorrang vor einer strengen Rechtsaufsicht.

Schattendiplomaten: Ein aufsehenerregender globaler Skandal

Das Ausmass der Korruption ist beispiellos. 2022 enthüllte eine aufsehenerregende internationale journalistische Recherche die Welt der Schattendiplomatie und deckte weltweit mehr als 500 Fälle auf, in denen Honorarkonsuln in schwerwiegender Weise mit dem Gesetz in Konflikt gerieten. Das Sündenregister liest sich wie ein düsterer Thriller: Kunstschmuggel, grassierende Korruption, Betrug, Drogen- und Waffenhandel, Terrorismusfinanzierung, sexueller Missbrauch und sogar Mord.

Auch die Schweiz, ein globaler Knotenpunkt für Vermögen und Diplomatie, blieb von den verheerenden Folgen nicht verschont. Die Recherche zeigte, dass das System der Honorarkonsuln, das den internationalen Austausch fördern soll, durch Akteure, die ihren Status für persönliche und illegale Vorteile ausnutzen, stark beeinträchtigt wurde. Während andere Länder versuchen, diese diplomatischen Schlupflöcher zu schliessen, lässt die Zurückhaltung der Schweiz, ihre eigene Liste von 122 ausländischen Vertretern gründlich zu überprüfen, das Land Gefahr laufen, zu einem sicheren Hafen für Schattendiplomaten zu werden. Die Zahlen verlangen nach Massnahmen, doch die Regierung bleibt durch Protokollfragen gelähmt.

Milliardäre und Diktatoren: Die berüchtigten Konsuln der Schweiz

Auch in der Schweiz gibt es höchst umstrittene Honorarkonsuln. Ein besonders auffälliger Fall ist der Schweizer Milliardär Urs E. Schwarzenbach. Er war von 2010 bis 2022 Honorarkonsul der Mongolei und wurde verurteilt, weil er Hunderte eingeführte Kunstwerke nicht deklariert hatte. Viele davon waren über die Grenze geschmuggelt worden, während er sein diplomatisches Amt innehatte.

Demgegenüber steht Hermann Beyeler, seit 2019 Honorarkonsul von Belarus. 2024 forderte die NGO Libereco seine umgehende Abberufung und warf ihm vor, seinen diplomatischen Status eingesetzt zu haben, um lukrative Geschäfte mit dem autoritären Regime von Alexander Lukaschenko abzuschliessen. Berichten zufolge war sein Unternehmen zu einem wichtigen Lieferanten des belarussischen Staatsmonopols für Prothesen geworden. Trotz dieser alarmierenden Enthüllungen weigerte sich das Schweizer Aussendepartement einzugreifen und tat die Vorwürfe schockierenderweise als bloss «moralischer» Natur ab. Wenn Milliardäre den Zoll umgehen und Geschäftsleute unter dem Deckmantel der Diplomatie von Diktatoren profitieren, gerät die Integrität des gesamten Schweizer Systems ernsthaft in Gefahr.

Diplomatische Immunität oder Straflosigkeit? Das rechtliche Schlupfloch

Die Ursache der Krise liegt in einem gefährlichen rechtlichen Schlupfloch: der teilweisen diplomatischen Immunität. Honorarkonsuln geniessen aussergewöhnliche Privilegien, die sie der üblichen Strafverfolgung entziehen. Grenzwächter dürfen ihr Gepäck nicht durchsuchen. Behörden dürfen rechtlich keine Dokumente beschlagnahmen, die ein Konsul schlicht als «mit seinen amtlichen Aufgaben verbunden» bezeichnet.

Dadurch entsteht für die Schweizer Strafverfolgungsbehörden ein erhebliches Kontrollloch. Eine kürzlich erfolgte Evaluation der Parlamentarischen Verwaltungskontrolle legte ein stark mangelhaftes System offen. Das Aussendepartement betrachtet seine eigene Verantwortung als strikt begrenzt und argumentiert, ausländische Staaten müssten ihre eigenen Vertreter beaufsichtigen. Wenn Skandale ausbrechen, greift Bern nur mit äusserster Vorsicht ein, aus Angst, die bilateralen Beziehungen zu beschädigen. Dieser zurückhaltende Ansatz macht aus teilweiser Immunität faktisch völlige Straflosigkeit. Indem die Schweiz diplomatische Höflichkeit über die nationale Sicherheit und die Rechtsstaatlichkeit stellt, lässt sie direkt vor ihren Augen ein paralleles Justizsystem gedeihen.

Diplomatie statt Rechenschaft: Der gefährliche Weg nach vorn

Während Bern den Kopf in den Sand steckt, sind die Folgen für den weltweiten Ruf der Schweiz schwerwiegend. Während die Regierung ausländische Konsuln im Inland nicht konsequent zur Rechenschaft zieht, baut die Schweiz gleichzeitig ihr eigenes Schattendiplomatie-Netzwerk im Ausland aus: Ende 2025 zählte sie weltweit beachtliche 225 Schweizer Honorarkonsuln.

Diese Doppelmoral ist nicht tragbar. Indem der Bundesrat den internationalen Beziehungen und diplomatischen Höflichkeiten Vorrang vor strikter Rechenschaftspflicht einräumt, geht er ein gefährliches Risiko ein. Ohne robuste Überprüfungs- und Überwachungsmechanismen sind künftige Skandale nicht nur möglich, sondern unvermeidlich. Will die Schweiz ihren Ruf als transparentes und rechtsstaatliches Land bewahren, muss sie sich der dunklen Seite ihrer diplomatischen Netzwerke stellen. Solange die Regierung den Schutzschild der Straflosigkeit nicht beseitigt, bleibt der Titel «Honorarkonsul» ein begehrtes Gut für jene, die sich über das Gesetz stellen wollen.