Ukraine
Schweiz will Friedensgespräche zwischen Russland und der Ukraine wieder auf Kurs bringen
Die Schweiz erklärt, sie arbeite daran, die diplomatischen Kontakte zwischen Russland und der Ukraine wiederzubeleben, und könnte erneut als Verhandlungsort dienen. Aussenminister Ignazio Cassis beschreibt die Bemühungen nach den jüngsten Schweizer Kontakten mit Kyjiw und Moskau als geduldige, vertrauliche Diplomatie.

Die Schweiz öffnet zu einem Zeitpunkt, da der Krieg in sein fünftes Jahr geht, einen diplomatischen Kanal wieder. Aussenminister Ignazio Cassis sagt, Bern wolle helfen, die Gespräche zwischen Russland und der Ukraine wieder in Gang zu bringen, nachdem der Schweizer Sicherheitsberater Gabriel Lüchinger im August nach Kyjiw und Moskau gereist war. Die Mission führte zu keiner öffentlich bekannt gegebenen Einigung, und Cassis hat keine Einzelheiten zu den Gesprächen veröffentlicht. Er sagte, die Schweiz setze auf geduldige, vertrauliche Diplomatie, während beide Seiten mögliche Wege nach vorn zu unterschiedlichen Bedingungen prüften.
Die Initiative stellt die Schweizer Neutralität auf eine praktische Probe. Bern ist seit Jahrzehnten Gastgeber internationaler Diplomatie, doch der Handlungsspielraum hängt davon ab, ob Moskau und Kyjiw Genf als akzeptablen Boden betrachten. Cassis sagte, die Schweiz habe die amerikanische Vermittlung zwischen den beiden Ländern in Genf unterstützt, nach seinen eigenen Besuchen in Kyjiw und Moskau im Februar, als er den Vorsitz der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa innehatte.
Der Zeitpunkt ist für die Schweizer Aussenpolitik bedeutsam. Die Regierung bemüht sich um einen diplomatischen Durchbruch, während die OSZE Mühe hat, Einfluss auf den Krieg auszuüben. Cassis sagte, die jüngsten Kontakte seien Teil einer anhaltenden Anstrengung, konkrete Ergebnisse würden jedoch weiterhin hinter verschlossenen Türen behandelt.
Genf wartet auf grünes Licht
Genf könnte erneut als vorgeschlagener Verhandlungsort infrage kommen, doch Bern hat keine Konferenz angekündigt. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat die Schweiz als möglichen Verhandlungsort für Gespräche mit Beteiligung der Ukraine, Russlands und der Vereinigten Staaten vorgeschlagen. Cassis sagte, die Schweiz hoffe, dass Gespräche in Genf stattfinden könnten, der Stadt, in der sich der europäische Hauptsitz der Vereinten Nationen und zahlreiche internationale Organisationen befinden.
Der Aussenminister betonte auch, dass der Bundesrat noch keinen Entscheid getroffen habe. Für eine Konferenz bräuchte es die Zustimmung der Parteien sowie Klarheit über ihren Zweck, die Teilnehmenden und die Traktanden. Diese Voraussetzungen sind noch nicht erfüllt. Cassis sagte, die Lage könne sich ändern, während die diplomatischen Bemühungen weitergingen.
Genf bietet eine etablierte Infrastruktur, erfahrene Vermittlerinnen und Vermittler sowie eine Tradition, schwierige Verhandlungen auszurichten. Damit verbunden sind auch politische Erwartungen. Ein Schweizer Veranstaltungsort würde Bern unter Druck setzen, zu zeigen, dass die Neutralität Kontakte ermöglichen kann, ohne den Ausgang vorzugeben. In der Stadt fanden bereits Demonstrationen im Zusammenhang mit früheren Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine statt. Das unterstreicht die öffentliche Aufmerksamkeit, die eine weitere Gesprächsrunde begleiten würde.
Für die Schweiz würde die Wahl Genfs eine vertraute Rolle als Gastgeberin fortführen. Sie würde jedoch keinen Fortschritt garantieren. Die Regierung hält den Vorschlag offen, während ihre Diplomatinnen und Diplomaten prüfen, ob die Parteien bereit sind, an den Verhandlungstisch zurückzukehren.
Bern eröffnet mehrere Wege zum Dialog
Cassis setzt auf mehrere diplomatische Wege statt auf die Ankündigung einer einzelnen Konferenz. Er sagte, die Schweiz habe die amerikanische Vermittlung in Genf unterstützt und die Kontakte mit Kyjiw und Moskau fortgesetzt. Seine Reisen im Februar in die beiden Hauptstädte fanden während seines OSZE-Vorsitzes statt. Damit verfügte Bern neben den bilateralen Kontakten über eine formelle multilaterale Plattform.
Eine mögliche nächste Gelegenheit könnte sich in New York bieten. Cassis sagte, er habe während seiner bevorstehenden Reise dorthin um ein Treffen mit dem russischen Aussenminister Sergei Lawrow ersucht. Zudem verwies er auf das für Ende 2026 in Lugano geplante Treffen des OSZE-Ministerrats. Die Aussenminister Russlands und der USA werden voraussichtlich teilnehmen. Dadurch ergibt sich die Möglichkeit zu direkten Gesprächen am Rande der offiziellen Traktanden.
Jeder dieser Kanäle hat andere Grenzen. Bilaterale Kontakte können diskret bleiben, während die OSZE einen institutionellen Rahmen bietet, auch wenn ihr Einfluss auf den Krieg infrage gestellt wurde. Ein Treffen in Lugano würde der Schweiz eine weitere Gelegenheit geben, hochrangige Vertreterinnen und Vertreter auf ihrem eigenen Territorium zusammenzubringen. Cassis stellte diese Anlässe als mögliche Gelegenheiten für einen Dialog dar, nicht als bestätigte Schritte hin zu einer Einigung.
Das Vorgehen entspricht der Schweizer Vorliebe für schrittweise Diplomatie. Bern baut Kontakte auf, prüft die Bereitschaft und hält Einzelheiten zurück, bis die Parteien bereit sind, sie öffentlich zu machen.
Die nächste Bewährungsprobe findet hinter verschlossenen Türen statt
Der nächste Schritt der Schweiz hängt davon ab, ob vertrauliche Kontakte genügend Gemeinsamkeiten für formelle Gespräche hervorbringen. Cassis hat nach Lüchingers Besuchen im August keinen Durchbruch verkündet und erklärt, konkrete Ergebnisse blieben vertraulich. Diese Zurückhaltung spiegelt den fragilen Stand der Initiative wider. Weder Kyjiw noch Moskau hat sich gemäss den Angaben aus Bern öffentlich für eine neue, von der Schweiz ausgerichtete Konferenz ausgesprochen.
Für die Schweizer Bevölkerung rücken die Bemühungen Neutralität und internationale Verantwortung in denselben Zusammenhang. Die Schweiz will der Diplomatie weiterhin nützlich sein und zugleich ihre Beziehungen zur Ukraine, zu Russland, zu den Vereinigten Staaten und zu den europäischen Partnern pflegen. Die Ausrichtung von Gesprächen könnte Genfs Stellung als Zentrum für Konfliktvermittlung stärken. Zugleich könnte die Regierung Kritik ausgesetzt sein, wenn ein Treffen keine Fortschritte bringt oder eine Seite den Veranstaltungsort für politische Botschaften nutzt.
Die unmittelbaren Prüfsteine sind klar: ob Cassis Lawrow in New York treffen kann, ob hochrangige Vertreterinnen und Vertreter Russlands und der USA am OSZE-Treffen in Lugano teilnehmen und ob Kyjiw und Moskau einem substanziellen Format zustimmen. Die Schweizer Regierung hält alle drei Möglichkeiten offen.
Vorerst setzt Bern auf Beharrlichkeit statt auf öffentliche Versprechen. Genf bleibt ein möglicher Verhandlungsort, Lugano ein geplantes diplomatisches Treffen, und der nächste konkrete Schritt hängt von Gesprächen ab, die ausserhalb der Öffentlichkeit stattfinden.