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Swiss Observer

Schweiz setzt sich an internationalem Gipfel für weltweiten Ausstieg aus fossilen Brennstoffen ein

Im Vorfeld einer neuartigen Konferenz in Kolumbien setzt sich die Schweiz für einen klaren globalen Fahrplan für den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen ein. Angesichts anhaltender geopolitischer Spannungen bezeichnet sie diesen Schritt als «Voraussetzung für den Weltfrieden».

Schweiz setzt sich an internationalem Gipfel für weltweiten Ausstieg aus fossilen Brennstoffen ein
AISWI swissinfo.ch

Erstaunliche 68 % der weltweiten Treibhausgasemissionen stammen aus einer einzigen Quelle: fossilen Brennstoffen. Während die Welt mit dieser existenziellen Realität ringt, stellt sich die Schweiz an die vorderste Front der Klimadiplomatie. Vom 24. bis 29. April wird der Schweizer Umweltbotschafter Felix Wertli in Santa Marta, Kolumbien, mit Vertreterinnen und Vertretern von 45 weiteren Nationen an einem historischen Anlass teilnehmen. Es handelt sich nicht um ein weiteres Klimagespräch, sondern um den ersten internationalen Gipfel, der sich ausschliesslich dem kontrollierten Ausstieg aus Kohle, Erdöl und Erdgas widmet. Frühere Verhandlungen der UNO wurden oft dafür kritisiert, im Schneckentempo voranzukommen. Die Konferenz von Santa Marta will die Blockade umgehen und einen verbindlichen globalen Fahrplan für eine Zukunft ohne fossile Brennstoffe festlegen. Die Präsenz der Schweiz signalisiert einen mutigen aussenpolitischen Kurswechsel: Statt sich auf Emissionsziele zu beschränken, richtet sie den Blick direkt auf die Förderung dieser Brennstoffe. Mehr steht kaum auf dem Spiel: Die Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 °C ist gefährdet. Gefordert ist ein sofortiger und geordneter Übergang, für den sich die Schweizer Regierung nun auf der Weltbühne einsetzen will.

Energiesouveränität als neuer Friedensvertrag

Der Ausstieg aus fossilen Brennstoffen ist nicht mehr nur ein Umweltziel, sondern eine «Voraussetzung für den Weltfrieden». Diese provokante Haltung, für die sich die Fossil Fuel Treaty Initiative einsetzt und die in den Kreisen der Schweizer Diplomatie aufgegriffen wird, gewinnt angesichts des Konflikts im Nahen Osten und seiner Schockwellen an den globalen Energiemärkten eine beunruhigende Aktualität. Jüngste Störungen, darunter die Blockade der Strasse von Hormus, haben gezeigt, wie anfällig eine Welt ist, die auf Förderung und Knappheit beruht. Alex Rafalowicz, Geschäftsführer der Fossil Fuel Treaty Initiative, argumentiert, ein Energiesystem, das auf geopolitischem Wettbewerb beruhe, führe unweigerlich zu Krieg. Die Schweiz, die stolz auf ihre Neutralität und Stabilität ist, sieht in diesem Gipfel eine Gelegenheit, den Begriff der Sicherheit neu zu bestimmen. Mit ihrem Einsatz für einen rechtlich verbindlichen Vertrag, der den Ausbau der Erdöl- und Erdgasförderung stoppen soll, setzt Bern darauf, dass dezentrale erneuerbare Energie der beste Schutz vor der Instabilität von Petrodiktaturen ist. Der Gipfel von Santa Marta eröffnet strategische Möglichkeiten, neue Kooperationen ausserhalb traditioneller Rahmen zu schmieden, die seit Langem von mächtigen Erdöllobbys ausgebremst werden.

Die 68-Prozent-Krise: Den Kreislauf der Förderung durchbrechen

Mehr als 80 Länder, darunter die Schweiz, fordern inzwischen einen klaren und umsetzbaren Fahrplan für den Abbau der auf fossilen Brennstoffen beruhenden Wirtschaft. Der Gipfel von Santa Marta will genau das ermöglichen und sich auf die rechtlichen Instrumente und wirtschaftlichen Massnahmen konzentrieren, die für einen «gerechten und geordneten» Übergang nötig sind. Dazu gehört die wirtschaftliche Diversifizierung von Ländern, die derzeit auf Erdölexporte angewiesen sind, darunter Gipfelteilnehmer wie Kanada und Norwegen. Die Konferenz will eine ergänzende zwischenstaatliche Plattform schaffen, die parallel zur UNO funktioniert und ambitionierten Ländern Raum bietet, Finanzmittel und Technologietransfers zu koordinieren. Während die Verhandlungen an der COP30 in Brasilien von vielen als festgefahren betrachtet wurden, steht der kolumbianische Gipfel für neuen Schwung für einen Vertrag über die Nichtverbreitung fossiler Brennstoffe. Dieser vorgeschlagene Rahmen soll den Rückgang der bestehenden Förderung steuern und gleichzeitig erneuerbare Alternativen ausbauen. Für die Schweiz ist die Unterstützung eines solchen Vertrags ein Schritt hin zu einem systemischen Wandel. Sie trägt der Erkenntnis Rechnung, dass einzelne nationale Anstrengungen nicht ausreichen, solange eine globale, verbindliche Verpflichtung fehlt, die verbleibenden Kohlenstoffreserven im Boden zu lassen.

Das Schweizer Paradox bewältigen: Ehrgeiz und Abhängigkeit

Trotz ihrer mutigen internationalen Haltung steht die Schweiz vor einer ernüchternden innenpolitischen Realität: Erdölprodukte decken nach wie vor fast 50 % des Energiebedarfs des Landes. Besonders ausgeprägt ist diese Abhängigkeit im Verkehr und bei der Gebäudeheizung, wo Erdöl und Erdgas weiterhin die dominierenden Energieträger sind. Während die Schweizer Regierung sich weltweit für einen schrittweisen Ausstieg einsetzt, muss sie zugleich ihre eigene Abhängigkeit von Importen bewältigen. Diese haben sich zuletzt zugunsten von Erdöl aus den USA verschoben, um den Markt angesichts der Instabilität im Nahen Osten zu stützen. Dieses «Schweizer Paradox», sich für das Ende einer Branche einzusetzen, von der man selbst stark abhängig ist, wird für die Schweizer Delegation in Kolumbien ein zentrales Thema sein. Der Weg nach vorn erfordert eine deutliche Beschleunigung der inländischen Projekte für erneuerbare Energien und eine umfassende Erneuerung der Heizungsinfrastruktur. Während Botschafter Wertli in Santa Marta verhandelt, wird der Druck im Inland zunehmen, die Schweizer Energiepolitik mit den ehrgeizigen globalen Ankündigungen in Einklang zu bringen. Das Ergebnis dieses Gipfels wird nicht nur das Völkerrecht beeinflussen, sondern auch das Tempo des Wandels in Schweizer Städten und Branchen für Jahrzehnte bestimmen.