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Swiss Observer

Die Schweiz richtet ihre Beschaffungsstrategie für Rüstungsgüter neu aus

Die Regierung kündigt eine neue Politik an, die einen Anteil von 60 Prozent bei der Beschaffung von Rüstungsgütern im Inland und höhere Investitionen in die Forschung vorschreibt. Damit soll die nationale Sicherheitsinfrastruktur gestärkt werden.

Die Schweiz richtet ihre Beschaffungsstrategie für Rüstungsgüter neu aus
AISWI swissinfo.ch

Die Schweiz sitzt nicht länger tatenlos daneben, während ihre Rüstungsindustrie zerfällt. In einem am Freitag angekündigten entschlossenen Schritt stellte der Bundesrat eine umfassende «Neuausrichtung der Verteidigungspolitik» vor. Sie soll den angeschlagenen Rüstungssektor des Landes vor einem möglichen Zusammenbruch bewahren. Dabei handelt es sich nicht um eine geringfügige Anpassung, sondern um eine grundlegende Neustrukturierung der Art und Weise, wie die Schweiz ihre Armee angesichts einer sich verschlechternden globalen Sicherheitslage ausrüstet.

Die Botschaft der Regierung ist klar und unmissverständlich: Die Abhängigkeit von ausländischen Mächten ist als primäre Strategie nicht länger tragfähig. Indem Bern der inländischen Produktion Vorrang einräumt, will es kritische Lieferketten sichern und die Autonomie gewährleisten. Die Regierung hat einen umfassenden Aktionsplan mit 23 konkreten Massnahmen vorgelegt, um diese Vision umzusetzen. Das Ziel ist klar: die industrielle Basis stärken, die Beschaffung von Technologien beschleunigen und die Beschaffungszeiten deutlich verkürzen. Dieses entschlossene Vorgehen signalisiert, dass die Schweiz bereit ist, ihre Verteidigungsinfrastruktur als unverzichtbare Säule der nationalen Souveränität zu behandeln.

Die 60-30-Regel: Beschaffung neu ausrichten

Die Zahlen liegen auf dem Tisch und verlangen eine grundlegende Umgestaltung der Lieferkette. Gemäss dem neuen Auftrag müssen künftig beeindruckende 60 Prozent aller Rüstungsgüter direkt in der Schweiz beschafft werden. Dieses ehrgeizige Ziel soll eine massive Rückverlagerung der Verteidigungsausgaben erzwingen und Kapital direkt in lokale Fabriken und Ingenieurbüros lenken.

Doch die Strategie macht nicht an der Grenze halt. Der Bundesrat anerkennt die Notwendigkeit kontinentaler Bündnisse und hat weitere 30 Prozent der Beschaffungen für europäische Partner vorgesehen. Damit bleiben lediglich 10 Prozent für den Rest der Welt. Dies markiert eine deutliche Neuausrichtung hin zu einer stärkeren europäischen Integration in Verteidigungsfragen. Die Aufteilung im Verhältnis «60 zu 30» ist eine deutliche Absichtserklärung: Die Schweiz baut ihren eigenen Schutzschild, und was sie nicht selbst bauen kann, beschafft sie bei ihren Nachbarn. Die Zeiten einer undifferenzierten Beschaffung auf dem Weltmarkt sind vorbei. Das Zeitalter des strategischen Regionalismus hat begonnen.

Innovationsschub: Mehr Investitionen in Forschung und Entwicklung

Geld spricht, und die Schweizer Regierung erhebt endlich laut ihre Stimme. Der Bundesrat anerkennt, dass moderne Kriege ebenso sehr in Forschungslabors wie auf dem Schlachtfeld gewonnen werden, und will das Budget für Verteidigungsforschung verdoppeln. Derzeit liegt der Anteil für Forschung und Entwicklung im Armeebudget bei weniger als 1 Prozent. Bis 2030 soll er auf 2 Prozent steigen.

Diese Finanzspritze ist nicht nur für etablierte Grossunternehmen bestimmt. Die Strategie richtet sich ausdrücklich an ein dynamisches Ökosystem aus Schweizer Hochschulen, agilen Start-ups und kleinen und mittleren Unternehmen (KMU). Ziel ist es, bürokratische Trägheit zu überwinden und neue Technologien schneller, flexibler und kostengünstiger zu beschaffen. Indem die Lücke zwischen akademischer Exzellenz und militärischer Anwendung geschlossen wird, will die Schweiz ihren renommierten Innovationssektor zu einer führenden Kraft im Verteidigungsbereich machen. Die Botschaft an die Technologiebranche ist unmissverständlich: Das Land braucht eure Innovationskraft und ist bereit, dafür zu bezahlen.

Globale Realitäten: Anpassung an eine instabile Welt

Die geopolitische Lage spitzt sich zu, und die Schweiz rüstet sich dagegen. Der Bundesrat nennt ausdrücklich die «verschlechternde globale Lage» als Auslöser für diese strategische Neuausrichtung. In einer Zeit unberechenbarer Bündnisse und sich verändernder Machtverhältnisse ist Selbstzufriedenheit keine Option mehr. Die Schweizer Rüstungsindustrie, die bisher durch strenge Neutralitätsgesetze und Exportbeschränkungen eingeschränkt war, hat dringend Unterstützung gefordert.

Diese Politik ist die Antwort der Regierung. Indem der Staat die Beschaffung im Inland vorschreibt, versucht er, die Sicherheitsinfrastruktur gegen externe Schocks abzuschirmen, seien es Unterbrechungen der Lieferketten oder politische Instabilität im Ausland. Die Umsetzung liegt zwar bei verschiedenen Departementen, doch die Zeit drängt. Angesichts der existenziellen Krise der Industrie ist diese Strategie ein Wettlauf gegen die Zeit: Die Schweiz muss sich in einer zunehmend gefährlichen Welt modernisieren, stärken und ihre Zukunft sichern.