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Swiss Observer

Die Schweiz in der Krise im Nahen Osten: Rückführungen, Diplomatie und Neutralität auf dem Prüfstand

Angesichts des eskalierenden Konflikts im Nahen Osten beteiligt sich die Schweiz aktiv an diplomatischen Gesprächen, organisiert Rückführungsflüge für Tausende gestrandete Staatsangehörige und steht vor schwierigen Fragen zur Anwendung ihres Neutralitätsrechts. Dieser Artikel beleuchtet die vielfältige Schweizer Reaktion auf die Krise.

Die Schweiz in der Krise im Nahen Osten: Rückführungen, Diplomatie und Neutralität auf dem Prüfstand
AIThe Local Switzerland

Erstaunliche 5'000 Schweizer Staatsangehörige befinden sich derzeit mitten in einem rasch eskalierenden Krieg im Nahen Osten. Bern muss nun unter Hochdruck eine komplexe logistische Rettungsaktion auf die Beine stellen. Nachdem der Luftraum in der gesamten Region infolge der US-amerikanischen und israelischen Angriffe auf Iran gesperrt wurde, hat sich die Lage für Schweizer Reisende von einer Unannehmlichkeit während der Ferien zu einer ausgewachsenen Krise verschärft. Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) hat zwar noch keine staatlich organisierte Massenevakuierung eingeleitet, doch der Druck nimmt zu.

Die Swiss International Air Lines (SWISS) ist eingesprungen und setzt einen speziellen Rückführungsflug mit einem Airbus A340 von Maskat im Oman nach Zürich ein. Für jene, die die omanische Hauptstadt erreichen können, ist dieser Flug eine dringend benötigte Erleichterung. Für Tausende, die sich in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Israel und im Libanon aufhalten, geht das Warten jedoch weiter. Marianne Jenni, Direktorin der konsularischen Direktion, warnte eindringlich: «Es braucht Geduld, und wir müssen damit rechnen, dass der Luftraum noch einige Zeit geschlossen bleibt.» Das Chaos ist deutlich spürbar: Die kommerziellen Reisemöglichkeiten verschwinden stündlich, und die Familien bleiben in Ungewissheit zurück und beobachten ängstlich den Himmel.

Diplomatie mit hohem Einsatz: Berns Balanceakt

Während Passagierflugzeuge am Boden bleiben, laufen die diplomatischen Kanäle heiss. Die Schweiz nutzt ihr einzigartiges, jahrzehntealtes Mandat als «Schutzmacht» der Vereinigten Staaten in Iran, eine Rolle, die in dieser bedrohlichen Lage wichtiger ist denn je. Anders als ihre europäischen Nachbarn, denen Teheran vorwirft, ihre Einflussmöglichkeiten «verloren» zu haben, verfügt die Schweiz weiterhin über einen seltenen und wichtigen Kommunikationskanal zwischen den verfeindeten Nationen.

Irans Botschafter bei den Vereinten Nationen, Ali Bahreini, lobte Bern ausdrücklich und sagte: «Die Schweiz spielt weiterhin eine konstruktive Rolle.» Das ist nicht bloss eine diplomatische Höflichkeitsfloskel, sondern ein Rettungsanker. Bundespräsident Guy Parmelin telefoniert aktiv mit den Staats- und Regierungschefs von Bahrain, Oman und Kuwait, um einen völligen Zusammenbruch der Region zu verhindern. Parmelins Botschaft ist unmissverständlich: «Alle Parteien müssen die Zivilbevölkerung ... schützen und zur Diplomatie zurückkehren.» Das Scheitern der jüngsten vermittelten Gespräche in Genf erinnert jedoch eindringlich an die Grenzen der Soft Power, wenn bereits Raketen in der Luft sind.

Die Neutralitätsfalle: Ein Dilemma von einer Milliarde Franken

Die Schweiz steht vor einer entscheidenden geopolitischen Bewährungsprobe, die ihr Verhältnis zu den Vereinigten Staaten belasten könnte. Sollte sich der Konflikt hinziehen oder verschärfen, könnte der Bundesrat gesetzlich verpflichtet sein, das Neutralitätsrecht anzuwenden, mit weitreichenden Folgen. Aussenminister Ignazio Cassis deutete bereits an, dass dies eine Sperrung des Schweizer Luftraums für US-Militärflugzeuge erforderlich machen könnte. Damit würden die strengen Massnahmen wieder aufgegriffen, die während der Invasion des Irak im Jahr 2003 galten.

Auf dem Spiel stehen nicht nur diplomatische Interessen, sondern auch finanzielle und strategische. Die USA sind ein bedeutender Partner der Schweizer Rüstungsindustrie und importierten allein in den ersten drei Quartalen des vergangenen Jahres Kriegsmaterial im Wert von 74 Millionen Franken. Eine strikte Anwendung der Neutralität könnte diese Exporte einfrieren und den Handel mit Gütern mit doppeltem Verwendungszweck beeinträchtigen. Bern bewegt sich nun auf schmalem Grat: Es muss seiner rechtlichen Neutralitätspflicht nachkommen, ohne seinen mächtigsten westlichen Partner zu verprellen. Je weiter der Konflikt eskaliert, desto geringer wird die Möglichkeit der Regierung, sich herauszuhalten.

Globale Schockwellen: Die wirtschaftlichen Folgen

Die Auswirkungen des Konflikts treffen bereits die Schweizer Wirtschaft. Neben der unmittelbaren humanitären Krise deutet die Aussetzung der SWISS-Flüge zu wichtigen Wirtschaftszentren wie Dubai und Tel Aviv auf eine erhebliche Störung der globalen Verbindungen hin. Flüge nach Dubai sind bis Freitag und jene nach Tel Aviv bis Sonntag eingestellt. Geschäftsreisen und Frachtlogistik sind dadurch durcheinandergeraten.

Zudem drohen steigende Benzinpreise die Inflation anzuheizen, gerade während die Weltwirtschaft nach Stabilität sucht. Die Instabilität am Golf, einer wichtigen Energieader, bedroht Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten sowie die Industrie unmittelbar. Während die Regionalmächte ihre Luftabwehrsysteme aktivieren und den Luftraum sperren, ist die Schweiz von einer wichtigen Region geografisch und wirtschaftlich abgeschnitten. Die kommenden Tage werden zeigen, ob es sich um einen vorübergehenden Schock oder um den Beginn eines langen, kostspieligen Winters für die Schweizer Wirtschaft handelt.