Energie
Die Schweiz kommt der Aufhebung des Bauverbots für neue Kernkraftwerke näher
Der Schweizer Ständerat hat dafür gestimmt, das Bauverbot für neue Kernkraftwerke aufzuheben. Dies geschieht im Rahmen eines indirekten Gegenvorschlags zur Initiative «Blackout stoppen». Der Entscheid könnte einen bedeutenden Kurswechsel in der Energiepolitik einläuten und wird nun im Nationalrat beraten.

Der Schweizer Atomstopp wird rasch aufgeweicht. In einem wegweisenden Schritt, der den bisherigen Kurs infrage stellt, hat der Ständerat dafür gestimmt, das Bauverbot für neue Kernkraftwerke aufzuheben. Das ist nicht bloss eine Gesetzesanpassung, sondern eine umfassende Kehrtwende gegenüber der Energiestrategie von 2017, die das Land auf den Weg in eine Zukunft ohne Kernenergie gebracht hatte. Indem er den indirekten Gegenvorschlag des Bundesrats zur Initiative «Blackout stoppen» unterstützt, hat der Ständerat signalisiert, dass die Versorgungssicherheit inzwischen schwerer wiegt als frühere Bedenken.
Der Entscheid erschüttert den bisherigen energiepolitischen Fahrplan. Der Nationalrat muss sich zwar noch dazu äussern, doch die Dynamik ist unverkennbar. Das Verbot, einst als Grundpfeiler der modernen Schweizer Energiepolitik betrachtet, steht nun zur Disposition. Diese Abstimmung markiert eine entscheidende Wende, vorangetrieben von einer Mitte-rechts-Koalition, die die Stromversorgung um jeden Preis sichern will. Die Botschaft des Ständerats ist unmissverständlich: Die Zeit, in der Kernenergie grundsätzlich ausgeschlossen wurde, ist vorbei.
Die Zukunft mit Strom versorgen oder die Dunkelheit fürchten?
Versorgungssicherheit ist in Bern zur neuen Währung geworden, und ihr Kurs steigt. Die Schweiz ist derzeit für beeindruckende 30 Prozent ihres Stroms auf ihre alternde Flotte von Kernkraftwerken angewiesen: Beznau I und II, Gösgen und Leibstadt. Da diese Reaktoren stillgelegt werden sollen, droht dem Land eine gewaltige Lücke in der Stromversorgung. Die Dringlichkeit ist spürbar: Die Initiative «Blackout stoppen» argumentiert, dass dem Land ohne eine nukleare Grundlastversorgung gravierende Engpässe drohen.
Der Einsatz ist höher denn je, weil die Nachfrage stark steigt. Das ambitionierte Ziel der Schweiz, bis 2050 klimaneutral zu werden, erfordert eine umfassende Elektrifizierung der Gesellschaft, von Heizsystemen bis zum Verkehr. Der Ersatz fossiler Energieträger benötigt sauberen Strom, und zwar viel davon. Befürworterinnen und Befürworter argumentieren, dass erneuerbare Energien allein, also Wind-, Solar- und Wasserkraft, die Lücke nicht rasch genug schliessen können, um die ausgemusterten Reaktoren zu ersetzen und gleichzeitig Millionen von Elektrofahrzeugen mit Strom zu versorgen. Die Angst vor Stromausfällen im Winter hat die Sicherheitsbedenken verdrängt, die die Zeit nach Fukushima geprägt hatten.
Ein gespaltenes Land: die politische Bruchlinie
Ein tiefer Riss zieht sich durch das Herz der Schweizer Politik. Die Abstimmung hat die deutliche Spaltung zwischen dem Mitte-rechts-Lager und dem links-grünen Bündnis gefestigt. Die Schweizerische Volkspartei (SVP), die FDP.Die Liberalen und die Mitte haben sich hinter der Wiederbelebung der Kernenergie vereint und stellen sie als pragmatische Notwendigkeit für das Überleben des Landes dar. Sie argumentieren, das Verbot in der Verfassung sei eine Fessel für Innovation und Sicherheit.
Im deutlichen Gegensatz dazu stellen sich die Sozialdemokraten, die Grünen und die Grünliberalen entschieden gegen den Schritt. Sie halten ihn für eine gefährliche Ablenkung. Ihr Argument ist ebenso logistisch wie ideologisch: Der Bau neuer Reaktoren ist ein langsamer, quälender Prozess, der Jahrzehnte dauern könnte. Kritiker warnen, dass neue Kraftwerke wahrscheinlich nicht vor 2050 ans Netz gehen würden und damit zu spät kämen, um die unmittelbare Klimakrise zu bewältigen, während sie gleichzeitig Ressourcen von Projekten für erneuerbare Energien abzögen. Bei der Debatte geht es nicht mehr nur um Sicherheit, sondern um den Zeitplan für das Überleben der Schweiz.
Das Technologiewagnis: SMR und Realität
Der Optimismus im Parlament prallt heftig auf die Realität der Ingenieurskunst. Die nukleare Renaissance stützt sich weitgehend auf das Versprechen kleiner modularer Reaktoren (SMR). Diese fortschrittlichen Anlagen mit einer Leistung von bis zu 300 MW sollen sicherer, günstiger und schneller zu bauen sein als die Betongiganten der Vergangenheit. Politikerinnen und Politiker stellen sich eine Zukunft vor, in der diese modularen Anlagen in Serie hergestellt und gezielt eingesetzt werden, um Versorgungslücken zu schliessen.
Die Daten zeichnen jedoch ein vorsichtigeres Bild. Weltweit sind derzeit nur zwei SMR in Betrieb, einer in Russland und einer in China. Die Technologie steckt noch in den Anfängen, ist im Westen im grossen Massstab nicht erprobt und verfügt über keine robuste Lieferkette. Während der Ständerat auf Innovation setzt, warnen Fachleute davor, sich auf SMR zu verlassen: Es handle sich um ein riskantes Unterfangen. Die Schweiz hebt damit faktisch ein Verbot für eine Technologie auf, die auf dem europäischen Markt kommerziell noch gar nicht verfügbar ist, in der Hoffnung, dass die Wissenschaft bis zur Unterzeichnung der nötigen Dokumente aufgeholt haben wird.
Das endgültige Urteil steht noch aus
Die Abstimmung im Ständerat ist lediglich der Auftakt. Nun verlagert sich die Auseinandersetzung in den Nationalrat, wo sich die Debatte zuspitzen wird. Doch die eigentliche Macht in der Schweiz liegt nicht in den prunkvollen Sälen von Bern, sondern beim Volk. Energieminister Albert Rösti hat bereits eingeräumt, dass eine Volksabstimmung wahrscheinlich ist. Damit liegt der endgültige Entscheid wieder bei den Stimmberechtigten, die 2017 den schrittweisen Ausstieg mit 58 Prozent gutgeheissen haben.
Die politische Landschaft hat sich seither jedoch stark verändert. Angesichts des Kriegs in Europa und volatiler Energiepreise sind die Stimmberechtigten heute mit anderen Ängsten konfrontiert als noch vor einem Jahrzehnt. Die kommenden Monate werden die energiepolitische Ausrichtung der Schweiz für das nächste Jahrhundert prägen. Setzt die Schweizer Bevölkerung noch stärker auf erneuerbare Energien, oder öffnet sie die Tür zur Kernenergie erneut? Die Zeit drängt, und die Welt schaut zu.