Politik
Die Schweiz will körperliche Bestrafung von Kindern verbieten
Der Nationalrat stimmt dafür, gewaltfreie Erziehung im Schweizer Recht zu verankern. Damit zeichnet sich ein bedeutender Wandel in der Kinderschutzpolitik ab.

Der Nationalrat hat mit unmissverständlicher Deutlichkeit gesprochen: Die Ära der körperlichen Bestrafung geht zu Ende. In einem überwältigenden Sieg für die Rechte von Kindern stimmten die Mitglieder des Nationalrats mit 134 zu 56 Stimmen dafür, den Grundsatz der gewaltfreien Erziehung direkt im Schweizer Recht zu verankern. Dabei handelt es sich nicht bloss um eine Empfehlung, sondern um einen Gesetzgebungsauftrag, der signalisieren soll, dass Körperstrafen und entwürdigende Behandlung von Kindern in der Eidgenossenschaft nicht länger toleriert werden.
Der Vorschlag des Bundesrats, der nun von einer klaren Mehrheit unterstützt wird, soll einen eindeutigen Rechtsstandard schaffen. Mit der gesetzlichen Verankerung der Gewaltfreiheit bekräftigt der Staat, dass die Würde des Kindes an erster Stelle steht. Dieser Schritt würdigt die langjährigen Bemühungen der Parlamentarierin Christine Bulliard-Marbach, deren Motion, die 2021 und 2022 von beiden Räten unterstützt wurde, den Grundstein für diesen historischen Wandel legte. Die Botschaft aus Bern ist unmissverständlich: Die Erziehung muss sich weiterentwickeln, und das Gesetz wird den Weg weisen.
Politischer Bruch: Der Streit um die elterliche Autonomie
Nicht alle Stimmen in Bern waren sich einig. Während der Debatte trat eine deutliche politische Bruchlinie zutage: Die Schweizerische Volkspartei (SVP) leistete heftigen Widerstand gegen den Gesetzesentwurf. Während die Mehrheit die Vorlage als wichtigen Schutz betrachtet, tat die SVP-Minderheit die Massnahme als «unnötig» ab und wandte sich gegen staatliche Eingriffe in die Privatsphäre der Familie.
Dieser Konflikt macht eine tiefe ideologische Kluft in der Frage deutlich, welche Rolle der Staat im Familienleben spielen soll. Die SVP ist der Ansicht, dass die bestehenden Gesetze ausreichen, während die Befürworter argumentieren, dass Schweigen im Gesetz Mittäterschaft gleichkommt. Dennoch setzte sich die Haltung des Bundesrats durch. Er betonte, dass das Gesetz der Gesellschaft als «Vorbild» dienen müsse. Mit 134 Ja-Stimmen wird das Argument, es handle sich um eine übermässige Einmischung des Staates, klar zurückgewiesen. Stattdessen wird die Frage als grundlegendes Erfordernis der Menschenrechte dargestellt, das über parteipolitische Rhetorik hinausgeht.
Eine stille Epidemie bekämpfen
Hinter der gepflegten Fassade des Schweizer Familienlebens verbirgt sich eine erschütternde Realität, der dieses Gesetz entgegenwirken soll. Daten zeigen, dass fast 50 Prozent aller Kinder in der Schweiz zu Hause irgendeine Form körperlicher oder psychischer Gewalt erleben. Diese alarmierende Zahl zerstört die Illusion der Ruhe und unterstreicht die dringende Notwendigkeit gesetzlicher Massnahmen.
Wir haben es mit einer stillen Krise zu tun: Fast die Hälfte der jungen Menschen des Landes ist an dem Ort, an dem sie sich am sichersten fühlen sollte, Aggression ausgesetzt. Diese Gesetzgebung ist nicht bloss symbolisch, sondern eine direkte Reaktion auf diese besorgniserregenden Zahlen. Mit dem ausdrücklichen Verbot entwürdigender Behandlung geht der Staat gegen eine normalisierte Erziehungskultur vor, die viel zu lange Bestand hatte. Das Gesetz soll den Kreislauf der Gewalt durchbrechen, einen rechtlichen Rahmen schaffen, der die Kindesschutzdienste stärkt, und einen neuen Massstab für akzeptables Verhalten setzen.
Die letzte Hürde und ein kultureller Wandel
Im Nationalrat ist der Entscheid gefallen, doch das Gesetz ist noch nicht unter Dach und Fach. Der Entwurf geht nun an den Ständerat, die letzte Hürde, bevor er zum geltenden Recht wird. Angesichts des momentanen Schwungs und der früheren Unterstützung durch beide Räte sehen die Aussichten gut aus. Die Debatte im Ständerat wird jedoch zur entscheidenden Prüfung des Engagements der Schweiz für das Wohl der Kinder.
Diese Gesetzgebung signalisiert einen tiefgreifenden kulturellen Wandel in der Schweiz. Wir entfernen uns von traditionellen, autoritären Erziehungsmodellen und bewegen uns hin zu einem modernen Konsens über die Menschenwürde. Wird die Vorlage vom Ständerat angenommen, reiht sich die Schweiz in die wachsende Zahl von Ländern ein, die eine gewaltfreie Kindheit gesetzlich garantieren. Die Folgen sind weitreichend: Eine Generation, die ohne Angst vor körperlicher Bestrafung aufwächst, ist eine Generation mit mehr Selbstbestimmung. Die Aufmerksamkeit des Landes richtet sich nun auf den Ständerat, der diesen wichtigen Schutz besiegeln soll.