Wirtschaft
Schweiz senkt Wachstumsprognose für 2026 wegen Konflikts im Nahen Osten
Das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) hat seine Prognose für das BIP-Wachstum 2026 auf 1 % gesenkt und verweist auf die wirtschaftlichen Auswirkungen des Konflikts im Nahen Osten. Gleichzeitig halten die Behörden fest, dass die Energieversorgung der Schweiz weiterhin gesichert ist.

Die Schweizer Wirtschaft kommt ins Stocken, während die Schockwellen des Konflikts im Nahen Osten die Schweiz erreichen. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) hat seine Prognose für das BIP-Wachstum 2026 offiziell auf bescheidene 1 % gesenkt. Noch im Dezember, vor wenigen Monaten, hatte sie bei 1,1 % gelegen. Damit liegt der Wert deutlich unter dem historischen Durchschnitt von 1,8 % seit 1980 und signalisiert eine erhebliche Abkühlung der Schweizer Wirtschaft. Der Grund liegt auf der Hand: Der eskalierende Krieg im Nahen Osten trübt die weltweiten Aussichten und treibt die Kosten in die Höhe.
Während grosse Sportveranstaltungen von Verbänden wie FIFA und UEFA die ausgewiesenen Zahlen künstlich auf 1,3 % anheben werden, sieht die zugrunde liegende wirtschaftliche Realität deutlich düsterer aus. SECO-Expertinnen und -Experten warnen, der Konflikt habe «die internationalen Konjunkturaussichten getrübt» und bremse damit die exportorientierte Schweizer Wirtschaft. Wir erleben eine spürbare Verlangsamung, die nicht auf ein Versagen im Inland zurückzuführen ist, sondern auf geopolitische Unruhen, die sich nicht auf die Region begrenzen lassen. Die Schweizer Wirtschaft ist widerstandsfähig, aber nicht immun gegen die Brände auf der Weltbühne.
Inflation zieht angesichts steigender Energiekosten an
Der Preis für Stabilität steigt. Das SECO hat seine Inflationsprognose für 2026 verdoppelt und von vernachlässigbaren 0,2 % auf besorgniserregendere 0,4 % angehoben. Im Vergleich zur grassierenden Inflation in anderen Ländern mögen diese Zahlen gering erscheinen. Für die präzise abgestimmte Schweizer Wirtschaft bedeutet diese Verdoppelung jedoch eine erhebliche Veränderung. Der Grund für den Anstieg ist unbestritten: Der Krieg im Nahen Osten hat laut Fachleuten des Bundes «seit Ende Februar zu einem starken Anstieg der internationalen Energiepreise geführt».
Der Anstieg der Energiekosten löst einen Dominoeffekt aus. Höhere Treibstoffpreise schlagen auf die Produktions- und Transportkosten durch und landen schliesslich auf der Rechnung der Konsumentinnen und Konsumenten. Dieser Inflationsdruck dürfte den privaten Konsum dämpfen, da Schweizer Haushalte angesichts der anhaltenden Unsicherheit den Gürtel enger schnallen. Die technischen Annahmen zu den Ölpreisen wurden nach oben angepasst, und die Folgewirkungen ziehen sich durch den Markt. Nun stehen wir vor einem Szenario, in dem externe Angebotsschocks die Bemühungen der Schweizerischen Nationalbank um Preisstabilität unmittelbar auf die Probe stellen.
Strategische Reserven sichern die Schweizer Energieversorgung
Trotz des Chaos im Ausland bleibt die Energieversorgung der Schweiz unangetastet. Regierungsvertreter, darunter Wirtschaftsminister Guy Parmelin und Energieminister Albert Rösti, haben eine klare Zusicherung abgegeben: Die Energieversorgung des Landes ist gesichert. Die Schweiz verfügt über einen umfangreichen strategischen Puffer und hat genügend Erdölprodukte für viereinhalb Monate sowie Kerosin für drei Monate auf Lager. Das entspricht beeindruckenden 14,5 Millionen Barrel Benzin und Diesel sowie 8,6 Millionen Barrel Heizöl, die genau für eine solche Krise eingelagert sind.
Der Bundesrat hat deshalb erklärt, es gebe derzeit «keine rechtliche Grundlage für einen Eingriff» in den Markt. Die Zapfsäulen funktionieren, und die Lichter brennen. Die Schweiz beteiligt sich vorerst nicht an der freiwilligen Freigabe von Reserven durch die Internationale Energieagentur, ist aber bereit, dies zu tun. Sollte eine schwere Knappheit eintreten, ist die Regierung bereit, diese Reserven unverzüglich freizugeben. Vorerst lautet die Botschaft aus Bern jedoch: Wir haben den Treibstoff, wir haben einen Plan und beobachten die Lage aufmerksam.
Arbeitsmarkt unter Druck: Arbeitslosigkeit dürfte steigen
Die wirtschaftliche Abschwächung wirft allmählich einen Schatten auf die Schweizer Erwerbsbevölkerung. Das SECO prognostiziert für 2026 eine durchschnittliche Jahresarbeitslosenquote von 3 %. Dieser Wert ist eine wichtige Schwelle und spiegelt die breitere Abkühlung der Wirtschaft wider. Unternehmen sehen sich mit höheren Energiekosten und unsicheren Exportmärkten konfrontiert, weshalb sie weniger neue Mitarbeitende einstellen. Der Arbeitsmarkt, normalerweise eine Bastion der Schweizer Stabilität, zeigt unter dem Druck des weltweiten Abschwungs erste Risse.
Eine rasche Entspannung ist nicht zu erwarten. Fachleute rechnen damit, dass die Arbeitslosenquote frühestens 2027 wieder auf 2,8 % sinkt. Diese Verzögerung deutet darauf hin, dass die Folgen der aktuellen geopolitischen Spannungen die Schweizer Arbeitnehmenden noch mindestens 12 bis 18 Monate beschäftigen werden. Eine Quote von 3 % ist zwar weiterhin beneidenswert für viele europäische Nachbarländer, für die Schweiz stellt sie jedoch eine spürbare Belastungsprobe dar. Nun richtet sich der Blick darauf, wie widerstandsfähig die Branchen im Inland bleiben können, während sie ein Jahr mit schwachem Wachstum und steigenden Betriebskosten bewältigen.
Unsicherheit bewältigen: Der Weg zur Erholung 2027
Über die unmittelbaren Turbulenzen hinaus zeichnet sich für 2027 ein Hoffnungsschimmer ab. Das SECO hält an seiner Prognose einer Erholung fest und erwartet, dass sich das BIP-Wachstum auf 1,7 % beschleunigt, wenn die weltweite Nachfrage anzieht und sich die europäischen Nachbarländer, insbesondere Deutschland, von ihrer derzeitigen Schwäche erholen. Der Weg zur Erholung ist jedoch mit erheblichen Risiken verbunden. Die Prognose beruht auf der Annahme, dass der Konflikt nicht weiter eskaliert und die US-Importzölle stabil bleiben. Die Behörden räumen ein, dass diese Variable höchst unberechenbar ist.
Zudem steht der Schweizer Franken weiterhin unter Aufwertungsdruck. Dadurch drohen Schweizer Exporte in einem ohnehin umkämpften Weltmarkt teurer zu werden. Auch an den Finanzmärkten besteht das Risiko einer Korrektur, während die weltweite Verschuldung eine anhaltende Bedrohung darstellt. Die Schweiz bewegt sich derzeit auf einem schmalen Grat. Zwar sind die Voraussetzungen für eine Erholung 2027 gegeben, doch das kommende Jahr wird eine ruhige Hand und starke Nerven erfordern. Das Land ist vorbereitet, aber die globalen Gegenwinde sind stärker als seit Jahren.