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Swiss Observer

Das Ende einer Ära: Der letzte Krawattenhersteller der Schweiz schliesst nach 70 Jahren

Die in Zürich ansässige Bachmann Krawatten AG, der letzte Krawattenhersteller der Schweiz, stellt ihren Betrieb ein. Die Schliessung, die auf die sinkende Nachfrage und den zunehmenden Wettbewerb zurückgeführt wird, markiert symbolisch das Ende eines Stücks Schweizer Mode- und Industriegeschichte.

Das Ende einer Ära: Der letzte Krawattenhersteller der Schweiz schliesst nach 70 Jahren
AISWI swissinfo.ch

Ein 70-jähriges Vermächtnis Schweizer Handwerkskunst löst sich nun endgültig auf. Die Bachmann Krawatten AG, die letzte Bastion der Krawattenherstellung in der Schweiz, hat angekündigt, ihren Betrieb in Zürich endgültig zu schliessen. Dabei handelt es sich nicht einfach um das Scheitern eines Unternehmens, sondern um einen tiefgreifenden kulturellen Wandel. Sieben Jahrzehnte lang prägte diese Institution das berufliche Erscheinungsbild des Schweizer Mannes, doch nun verstummen die Webstühle. Elf engagierten Mitarbeitenden droht der Verlust ihrer Stelle, während das Unternehmen mit einer Welt ringt, die dem klassischen Krawattenknoten schlicht entwachsen ist. Die Schliessung bedeutet das definitive Ende einer spezialisierten Industrieära, in der die Schweiz einst als Zentrum textiler Spitzenleistungen galt. Während andere Branchen sich neu ausrichten, ist die Krawattenindustrie in einer Sackgasse gelandet. Das zeigt, dass selbst traditionsreichste Branchen vor der harten Realität eines veränderten Konsumverhaltens nicht gefeit sind.

Die Pandemie krempelt den Markt um

Die COVID-19-Pandemie wirkte als unerbittlicher Katalysator und beschleunigte einen Niedergang, der sich bereits seit Jahrzehnten angebahnt hatte. Als sich die Welt in die Homeoffices zurückzog, wurde die Krawatte unmittelbar zum Opfer der «Zoom-Hemd»-Ära. Direktor Peter Bachmann bestätigt, dass eine kurze Erholung nach der Pandemie zwar einen Hoffnungsschimmer bot, der Abwärtstrend seither jedoch in einen freien Fall übergegangen ist. Die Zahlen sind frappant: Was einst für Studierende, Bankangestellte und Staatsbedienstete Pflicht war, ist aus der Alltagsgarderobe verschwunden. Das ist kein vorübergehender Rückgang, sondern ein dauerhafter Wandel der beruflichen Identität der Schweiz. Selbst als die Büros wieder öffneten, wurden die strengen Kleiderordnungen der Vergangenheit durch einen legeren Stil ersetzt, der keinen Platz für die Seidenkrawatte lässt. Die Pandemie hat die Branche nicht bloss ausgebremst, sie hat sie gebrochen.

Globale Grossanbieter verdrängen lokales Handwerk

Die lokale Qualität verliert den Kampf gegen die globale Massenproduktion. Die Bachmann Krawatten AG geriet zwischen einen schrumpfenden Schweizer Markt und den unerbittlichen Ansturm kostengünstiger Anbieter aus Asien. Der Preisdruck ist beispiellos. Selbst die festen Grössen des Schweizer Staatslebens, darunter Armee, Polizei und öffentliche Verkehrsbetriebe, konnten nicht mehr das nötige Auftragsvolumen liefern, um die Zürcher Fabrik am Leben zu halten. Die Schweiz befindet sich nun in einer paradoxen Lage: Während das Land weltweit den zweiten Platz beim Konsum von «Fast Fashion» belegt, bricht seine eigene hochwertige Textilinfrastruktur zusammen. Die Schweizerinnen und Schweizer kaufen mehr Kleider als fast alle anderen, sind aber zunehmend nicht bereit, für die Langlebigkeit von «Swiss Made» einen Aufpreis zu zahlen. Die Abhängigkeit von billigen Wegwerfimporten höhlt die inländische Produktionsbasis aus und macht Bachmann zum letzten Opfer eines ruinösen Wettbewerbs.

Eine kulturelle Identität im Wandel

Das Verschwinden der Schweizer Krawatte ist mehr als eine Randnotiz der Wirtschaftsgeschichte, es ist ein Zeichen für ein Land im Wandel. Jahrzehntelang stand die Krawatte für Schweizer Präzision, Zuverlässigkeit und Förmlichkeit. Mit dem letzten Hersteller, der die Bühne verlässt, muss sich die Schweiz damit auseinandersetzen, was sie verliert, wenn sie ihre Identität auslagert. Wir erleben das Ende einer bestimmten Art von beruflichem Fachwissen, die sich nicht ohne Weiteres ersetzen lässt. Die Schliessung der Bachmann Krawatten AG ist eine deutliche Warnung an andere Schweizer Nischenindustrien. Qualität und Tradition sind kein ausreichender Schutz mehr vor einer globalisierten und digitalisierten Wirtschaft. Während die letzten 11 Mitarbeitenden ihre Sachen packen, bleibt die Frage: Welche Säule der Schweizer Tradition wird als Nächstes fallen? Die Ära der Seidenkrawatte ist vorbei, und die Ära des Wegwerfkomforts hat gesiegt.