Gesundheit
Schweiz untersucht Zusammenhang zwischen Pestizidbelastung und Parkinson bei Landwirtinnen und Landwirten
Schweizer Forschende starten eine Studie, um herauszufinden, ob der Einsatz von Pestiziden das Parkinson-Risiko bei Landwirtinnen und Landwirten erhöht. In Nachbarländern ist dieser Zusammenhang bereits als Berufskrankheit anerkannt. Die Studie soll eine wichtige Datenlücke in der Schweiz zu den gesundheitlichen Auswirkungen von Agrarchemikalien schliessen.

Während Europa die Gefahren von Agrarchemikalien erkennt, bemüht sich die Schweiz nun endlich, aufzuholen. Im deutlichen Gegensatz zu unseren Nachbarländern fehlen der Schweiz derzeit wichtige Daten, um einen Zusammenhang zwischen Pestizidbelastung und Parkinson nachzuweisen. In Deutschland, Frankreich und Italien steht das Urteil bereits fest: Parkinson ist offiziell als Berufskrankheit anerkannt. Deutsche Landwirtinnen und Landwirte, die im Laufe ihres Berufslebens während mehr als 100 Tagen mit Pestiziden gearbeitet haben und anschliessend erkranken, haben Anspruch auf eine finanzielle Entschädigung.
In der Schweiz gibt es jedoch kein solches Sicherheitsnetz. Samuel Fuhrimann, ein führender Forscher am Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Institut, bestätigt, dass Studien aus den USA und Frankreich zwar «eindeutig einen Zusammenhang zeigen», die Datenlage im Inland aber äusserst dünn bleibt. Um diese Lücke zu schliessen, starten Schweizer Forschende nun gemeinsam mit einem grossen Krankenversicherer eine wegweisende Studie. Das Ziel ist dringend und klar: herauszufinden, ob sich die Muster, die Landwirtinnen und Landwirte im Ausland schwer treffen, unbemerkt auch auf dem Schweizer Land wiederholen.
Das Urteil aus dem Wallis: eine vorübergehende Entwarnung
In den Weinbergen des Wallis herrscht Angst. Dort versprühen Helikopter regelmässig Chemikalien über Dörfern wie Salgesch und Chamoson. Eltern haben wegen wiederkehrender Atemwegsbeschwerden bei Kindern während der Spritzsaison von März bis Mai Alarm geschlagen. Daraufhin starteten Forschende eine gezielte Untersuchung und statteten fast 200 Kinder mit Armbändern aus, um die Belastung durch ganze 35 verschiedene Pestizide zu messen.
Die Ergebnisse zeichnen ein komplexes Bild. Zwar wurden tatsächlich gesundheitliche Beeinträchtigungen beobachtet, sie traten jedoch zusammen mit hohen Pollenkonzentrationen und Luftverschmutzung auf und nicht bei Pestizidspitzen. Die Forschenden gaben für die kurze Frist Entwarnung, doch hinsichtlich chronischer Langzeitrisiken bietet dies wenig Trost. Die Studie war begrenzt angelegt, und wie Fuhrimann warnt, «wären deutlich grössere Studien nötig», um die kumulative Wirkung dieser chemischen Cocktails auf die sich entwickelnden Körper der Schweizer Jugend wirklich zu verstehen.
Blindflug: die Datenkrise
Die Schweiz bewegt sich bei der öffentlichen Gesundheit ohne Orientierung durch ein Minenfeld. Für verlässliche Einschätzungen benötigen Forschende dringend umfassende, aktuelle Daten, insbesondere eine landesweite Gesundheitsstudie mit Urinproben und präzisen digitalen Aufzeichnungen darüber, wer wann was gespritzt hat. Doch die Realität ist ein bürokratisches Versagen. Eine geplante gross angelegte Gesundheitsstudie wurde aus finanziellen Gründen kurzerhand abgesagt und hinterliess eine klaffende Lücke in unserem wissenschaftlichen Kenntnisstand.
Zudem wurde das Meldesystem «Digiflux», das Transparenz beim Pestizideinsatz schaffen sollte, stark eingeschränkt. Die aktuelle Version ist so undurchsichtig, dass sie «für die Forschung nur begrenzt nützlich» ist. Dieser Mangel an einheimischen Daten zwingt die Schweizer Behörden, sich auf internationale Studien zu stützen, die den lokalen landwirtschaftlichen Praktiken möglicherweise nicht Rechnung tragen. Ohne eine solide Überwachung im Inland riskieren wir ein gefährliches Dilemma: sichere Substanzen unnötigerweise zu verteufeln und gleichzeitig die wirklich giftigen Chemikalien zu übersehen, die die Arbeitskräfte vergiften könnten.
Der lange Schatten verbotener Chemikalien
Die Gefahr geht womöglich nicht von dem aus, was heute versprüht wird, sondern von den Altlasten der Landwirtschaft. Parkinson ist eine langsam brennende Zündschnur: Die Krankheit entwickelt sich oft erst Jahrzehnte nach der Belastung. Wie Fuhrimann festhält: «Die meisten Belege für einen Zusammenhang zwischen Pestiziden und Parkinson stammen von Substanzen, die heute nicht mehr zugelassen sind.» Das macht die Lage deutlich komplexer. Wir versuchen, eine moderne Gesundheitskrise zu lösen, indem wir chemischen Spuren nachgehen, die längst weggespült wurden.
Diese Verzögerung macht den heutigen Datenmangel noch kritischer. Wenn wir nicht jetzt damit beginnen, die gesundheitlichen Auswirkungen der heutigen «sicheren» Mischungen zu erfassen, werden wir auch in zwanzig Jahren noch im Dunkeln tappen. Die Schweiz steht an einem Scheideweg: Sie kann sich weiterhin auf ausländische Daten verlassen und auf das Beste hoffen, oder in die sorgfältige, transparente Forschung investieren, die nötig ist, um die Menschen zu schützen, die unsere Lebensmittel auf den Tisch bringen.