Wirtschaft
Die Schweiz steht vor Herausforderungen bei der Durchsetzung der Sanktionen gegen russisches Gold
Die Schweizer Regierung räumt ein, dass sich möglicherweise russisches Gold in den Handelsströmen mit zentralasiatischen Ländern befindet. Das weckt Zweifel an der Wirksamkeit der Sanktionen.

Die Schweizer Regierung hat offiziell eine kritische Schwachstelle ihres Sanktionsregimes eingeräumt: Sie kann schlicht nicht garantieren, dass kein russisches Gold ins Land gelangt. In einem deutlichen Eingeständnis, das die Glaubwürdigkeit der wirtschaftlichen Schutzmassnahmen der Schweiz infrage stellt, räumte Bern ein, dass trotz strenger Sanktionen russisches Gold über Handelsrouten durch Zentralasien in Schweizer Tresore gelangen könnte. Die Enthüllung folgt auf den wachsenden Druck aus dem Parlament und ist eine direkte Reaktion auf eine aufsehenerregende Recherche von SWI swissinfo.ch.
Die Stellungnahme der Regierung ist eindeutig und beunruhigend. Die Behörden erklärten ausdrücklich, sie könnten «nicht ausschliessen», dass Gold aus Kasachstan und Usbekistan aus russischen Minen stammt. Dabei handelt es sich nicht bloss um ein bürokratisches Versehen, sondern um ein potenziell gewaltiges Loch in der westlichen Sanktionsarchitektur, die Moskaus Kriegskasse austrocknen soll. Als globales Zentrum der Goldraffination wirft die Unfähigkeit der Schweiz, die Herkunft dieser Einfuhren zweifelsfrei zurückzuverfolgen, einen langen Schatten auf ihre Durchsetzungsmöglichkeiten. Das Eingeständnis bestätigt, was Kritikerinnen und Kritiker seit Langem befürchten: Die Lieferkette ist wesentlich durchlässiger, als die Behörden bisher zugeben wollten.
Anstieg der Importe aus Zentralasien sorgt für Alarm
Ein spektakulärer Anstieg der Goldimporte lässt in der Finanzbranche die Alarmglocken läuten. Seit Ende 2021, zeitgleich mit dem Truppenaufbau und dem anschliessenden Einmarsch in die Ukraine, verzeichnet die Schweiz einen verdächtigen Anstieg der Edelmetallzuflüsse aus Usbekistan und Kasachstan. Dabei handelt es sich nicht um geringfügige Schwankungen, sondern um eine bedeutende Veränderung der Handelsströme, die sofortige Prüfung verlangt. Neben dem Vereinigten Königreich ist die Schweiz praktisch das einzige grössere Importland für Gold aus diesen beiden ehemaligen Sowjetrepubliken.
Der Zeitpunkt ist kaum zu übersehen. Als die direkten Handelswege nach Russland geschlossen wurden, stieg die Menge des über zentralasiatische Zwischenhändler transportierten Goldes sprunghaft an. Fachleute halten das nicht für einen Zufall. Der gleichzeitige Anstieg der Mengen und der andauernde Krieg legen nahe, dass Vermögenswerte gezielt umgeleitet werden. Für ein Land, das sich Präzision und Transparenz auf die Fahne schreibt, sind diese unerklärten Spitzen eine statistische Anomalie, die auf eine gezielte Umgehung des internationalen Rechts hindeutet. Die Daten zeichnen ein belastendes Bild: Während die Eingangstür für russisches Gold fest verschlossen ist, scheint die Hintertür weit offen zu stehen.
Die Lücke durch das Wiedereinschmelzen
Der Mechanismus für diese mögliche Geldwäscherei ist ebenso einfach wie wirksam: das Wiedereinschmelzen. Die Schweizer Regierung hat die technischen Voraussetzungen offengelegt, die diese Umgehung ermöglichen. In Russland abgebautes Gold kann in Drittstaaten transportiert, eingeschmolzen und erneut verarbeitet werden. Nach dieser Umwandlung ist seine russische Herkunft praktisch «ausgelöscht». Anschliessend kann es als Gold aus Kasachstan oder Usbekistan deklariert und an Schweizer Raffinerien geliefert werden.
Berns Antwort an das Parlament war deutlich: «Die Schweiz kann ... nicht ausschliessen, dass russisches Gold in einem der oben genannten Länder eingeschmolzen wird.» Durch dieses Verfahren ist das Metall chemisch nicht mehr von nicht sanktioniertem Gold zu unterscheiden. Ohne strenge Kontrollen der Lieferkette ist ein forensischer Herkunftsnachweis nahezu unmöglich. Wir stehen vor einer Situation, in der die auf der Zollanmeldung angegebene «Herkunft» lediglich den Standort des letzten Schmelzofens bezeichnet, nicht aber die Mine. Diese technische Lücke eröffnet ein breites Einfallstor für die Sanktionsumgehung und ermöglicht es russischen Vermögenswerten, unter dem Deckmantel zentralasiatischer Exporte auf den Weltmarkt zu gelangen.
Das Parlament verlangt Rechenschaft
In Bern schwindet die politische Geduld. Auslöser für das Eingeständnis der Regierung war eine gezielte Interpellation von Jean Tschopp von der Sozialdemokratischen Partei, die von knapp 20 weiteren gewählten Vertreterinnen und Vertretern unterstützt wurde. Sie wollen wissen, ob das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) und die Zentralstelle für Edelmetallkontrolle (ZEMK) ihre Arbeit vernachlässigen. Tschopps Frage war präzise: Können diese Behörden ausschliessen, dass das Gold nach Beginn des Krieges in Russland abgebaut wurde?
Die Antwort, dass sie dies nicht können, hat die Überprüfung der Schweizer Aufsichtsbehörden verschärft. Es geht nicht mehr nur um Handelsstatistiken, sondern um politischen Willen und Kompetenz. Das linksgerichtete Lager fordert ein härteres Vorgehen und will keine Unklarheit hinnehmen, wenn es um die Finanzierung eines Angriffskriegs geht. SECO steht nun unter erheblichem Druck, zu beweisen, dass die Schweiz durch bürokratische Trägheit nicht zur passiven Komplizin der Sanktionsumgehung wird.
Den Schweizer Goldstandard schützen
Die Folgen dieser Enthüllungen reichen weit über die Tresore Schweizer Raffinerien hinaus. Der Ruf der Schweiz als neutrale, aber prinzipientreue Instanz der globalen Finanzwelt steht auf dem Spiel. Wird das Land als Einfallstor für russische Vermögenswerte wahrgenommen, riskiert es den Unmut internationaler Partner und untergräbt die Sanktionen, zu deren Einhaltung es sich verpflichtet hat. Die engen Wirtschaftsbeziehungen zwischen den zentralasiatischen Republiken und Russland schaffen ein Umfeld mit hohen Risiken, das mehr als eine passive Überwachung erfordert.
Für die Zukunft ist «nicht ausschliessen können» ein inakzeptabler Massstab für ein Land, das den grössten Teil des weltweit geförderten Goldes verarbeitet. Die Branche steht vor einer entscheidenden Wahl: Sie muss deutlich strengere Sorgfalts- und Rückverfolgbarkeitsmassnahmen einführen oder sich dem Vorwurf stellen, die Schweizer Neutralität werde als Schutzschild für illegalen Handel missbraucht. Während der Krieg in der Ukraine andauert, beobachtet die Welt, ob die Schweiz die zentralasiatische Lücke schliesst oder weiterhin zulässt, dass Zweifel ihren Ruf als Goldstandort trüben.