Politik
Schweiz und EU unterzeichnen wegweisende Abkommen zur Vertiefung ihrer Beziehungen
In einem bedeutenden Schritt zur Stabilisierung und Verbesserung ihrer Beziehungen haben die Schweiz und die Europäische Union ein neues Abkommenspaket unterzeichnet. Wir beleuchten die Inhalte des Pakets, seine Bedeutung für die künftige Zusammenarbeit und die politischen Hürden, die vor der vollständigen Umsetzung noch bestehen.

Die Schweiz hat das diplomatische Eis endlich gebrochen. Mit einem entschlossenen Schritt, um Jahre der Ungewissheit zu beenden, unterzeichneten Bern und Brüssel am Montag, 2. März, ein wegweisendes Abkommenspaket und signalisierten damit eine massive Veränderung der Beziehungen in Europa. Bundespräsident Guy Parmelin und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen standen in Brüssel Seite an Seite, um ein Abkommen zu besiegeln, das die Zusammenarbeit zwischen der Schweiz und der EU grundlegend neu ausrichtet.
«Wir sind Partner aus Überzeugung», erklärte von der Leyen und setzte damit einen deutlichen Schlusspunkt hinter das «volatile globale Umfeld», das die Länder des Kontinents näher zusammenrücken liess. Dabei handelt es sich nicht bloss um administrative Aufräumarbeiten, sondern um eine strategische Neuausrichtung. Nachdem die Schweiz im Mai 2021 überraschend die Verhandlungen abgebrochen hatte, was die Beziehungen jahrelang einfror, ist sie nun mit einem klaren Auftrag zurückgekehrt, ihre Position im Herzen Europas zu stabilisieren. Das neue Abkommen soll die mehr als 120 bilateralen Abkommen, die diese komplexe Beziehung derzeit regeln, vereinfachen und das Flickwerk an Vorschriften durch einen soliden, modernisierten Rahmen ersetzen. Für ein Binnenland, das von den Schwergewichten des Blocks, Deutschland, Frankreich, Italien und Österreich, umgeben ist, stellt dieses Abkommen eine wichtige Lebensader für künftige Stabilität dar.
Der Preis der Partnerschaft: Millionen für den Marktzugang
Der Zugang zum Binnenmarkt hat seinen Preis, und Bern hat sich bereit erklärt, ihn zu zahlen. In einem Schritt, der den hohen Einsatz dieser Verhandlungen unterstreicht, hat sich die Schweiz zu einem jährlichen Beitrag von 375 Millionen Euro an die Europäische Union verpflichtet. Diese Mittel sind ausdrücklich dafür vorgesehen, die sozialen Ungleichheiten in der 27 Mitgliedstaaten umfassenden EU abzubauen. Damit wird die Rolle der Schweiz als finanzielle Mitträgerin des europäischen Zusammenhalts gefestigt.
Die Finanzströme verlaufen jedoch nicht nur in eine Richtung, sondern ebnen auch den Weg für wichtige Gegenleistungen. Gemäss den neuen Bedingungen hat die Schweiz im Hochschulbereich ein grosses Zugeständnis gemacht: Studierende aus der EU bezahlen an den meisten öffentlichen Universitäten künftig dieselben Studiengebühren wie Einheimische. Dadurch werden die Bedingungen angeglichen und die Schweizer Hochschulen stärker in den europäischen Raum eingebunden. Bundespräsident Parmelin bezeichnet das Paket als «ausgewogen, pragmatisch und für beide Seiten vorteilhaft», doch das Ausmass der finanziellen Verpflichtung dürfte zu Hause für Aufsehen sorgen. Die Regierung setzt darauf, dass die gewonnene wirtschaftliche Stabilität, die Wohlstand und Beschäftigung fördert, die direkten Kosten für die Bundeskasse aufwiegt.
Keine Blockade mehr: Reformen bei Energie und Bildung
Neben den Finanzen befassen sich die Abkommen mit der kritischen Infrastruktur, die die Schweiz am Laufen hält. Besonders wichtig ist, dass das Abkommen die Teilnahme der Schweiz am EU-Binnenmarkt für Elektrizität sichert. Das ist ein entscheidender Schritt für die Energiesicherheit in einer zunehmend instabilen Welt. Jahrelang machte das Fehlen eines Stromabkommens das Schweizer Stromnetz anfällig dafür, von europäischen Krisenmechanismen ausgeschlossen zu werden. Mit diesem Abkommen wird die Schweiz wieder an das kontinentale Stromnetz angeschlossen, sodass von Genf bis St. Gallen die Lichter anbleiben.
Die Harmonisierung reicht auch bis an den Esstisch. Die Abkommen schaffen einen «gemeinsamen Lebensmittelsicherheitsraum» und gleichen die Schweizer Vorschriften an die EU-Standards an, um den Handel und die Sicherheitsverfahren zu vereinfachen. Vorausgegangen war die schrittweise Umsetzung des Abkommens über die EU-Programme (EUPA) im vergangenen Jahr, mit der das Eis in der Zusammenarbeit in Forschung, Innovation und Gesundheit bereits zu tauen begonnen hatte. Mit diesen sektorspezifischen Abkommen versucht der Bundesrat, die Schweizer Wirtschaft gegen eine regulatorische Isolation für die Zukunft zu wappnen. Wie von der Leyen anmerkte, ist es in einer unberechenbaren Welt inzwischen ein strategischer Vorteil, ein «zuverlässiger Partner» zu sein.
Der Kampf beginnt: Die Gefahr eines Referendums
Die Tinte in Brüssel mag trocken sein, doch der eigentliche Kampf beginnt erst in Bern. Die Unterzeichnung am Montag ist nicht die Ziellinie, sondern der Startschuss für eine heftige innenpolitische Auseinandersetzung. Die Abkommen müssen nun die Prüfung durch das Schweizer Parlament und unvermeidlich auch durch das Schweizer Stimmvolk bestehen. Die rechtsgerichtete Schweizerische Volkspartei (SVP) hat sich bereits mobilisiert und vor dem Parlamentsgebäude eine aggressive Anti-EU-Kampagne gestartet. Ihre Botschaft ist klar: Dieses Abkommen ist eine Preisgabe der Souveränität.
Historisch standen die Schweizer Stimmberechtigten einer Annäherung an Brüssel skeptisch gegenüber. Der Schatten des Abbruchs von 2021 liegt noch immer über dem Thema, und die Opposition wird die Zugeständnisse bei Studiengebühren und Finanzbeiträgen gnadenlos angreifen. Während die EU-Mitgliedstaaten politisch grünes Licht gegeben haben und erwartet wird, dass das Europäische Parlament das Abkommen nach einer Prüfung durch seinen Ausschuss für auswärtige Angelegenheiten ratifiziert, liegt das endgültige Urteil beim Schweizer Stimmvolk. Bundespräsident Parmelin steht vor der schwierigen Aufgabe, dieses «pragmatische» Paket einer skeptischen Wählerschaft schmackhaft zu machen. Scheitert die Abstimmung, droht die Schweiz zum Ausgangspunkt zurückzukehren, diesmal jedoch mit noch weniger Freunden in einem volatilen Europa.