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Swiss Observer

Die Schweiz und die EU stehen vor einem historischen Vertragspaket

Nach Jahren schwieriger Verhandlungen werden die Schweiz und die Europäische Union voraussichtlich ein umfassendes Vertragspaket unterzeichnen, das ihre Beziehungen auf eine neue Grundlage stellt. Der Schritt folgt auf die politische Zustimmung der EU-Mitgliedstaaten und markiert einen bedeutenden Durchbruch in den bilateralen Beziehungen.

Die Schweiz und die EU stehen vor einem historischen Vertragspaket
AIThe Local Switzerland

Die Eiszeit ist vorbei. Nach Jahren angespannter Stille und diplomatischer Manöver stehen Bern und Brüssel kurz davor, ein endgültiges Abkommen zu besiegeln, das die Wirtschaftslandschaft des Kontinents neu gestalten wird. Am 2. März wird der Schweizer Bundespräsident Guy Parmelin in Brüssel an der Seite von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen stehen, um das historische Paket «Bilaterale III» zu unterzeichnen. Dabei handelt es sich nicht bloss um einen formellen Händedruck, sondern um einen entscheidenden Neustart für eine Beziehung, die beinahe vollständig zusammengebrochen wäre.

Der Durchbruch kommt fünf Jahre, nachdem die Schweiz im Mai 2021 überraschend die Verhandlungen abgebrochen und die Zukunft der europäischen Zusammenarbeit in der Schwebe gelassen hatte. Nun hat sich die Dynamik verändert. Die Sprecherin der Europäischen Kommission, Paula Pinho, bestätigte die Zeremonie mit grosser Tragweite und erklärte, die beiden Seiten stünden kurz davor, «unsere Beziehungen zu diesem sehr wichtigen und traditionsreichen europäischen Partner zu vertiefen und auszubauen». Die Dringlichkeit ist spürbar: Dieses Abkommen beendet eine Phase der Unsicherheit, die Schweizer Unternehmen, Forschende und politische Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger ein halbes Jahrzehnt lang belastet hat.

Ein überholtes Flickwerk wird modernisiert

Jahrzehntelang hat die Schweiz ihre Beziehungen zur EU durch ein erstaunliches Geflecht aus über 120 separaten Abkommen gestaltet. Dieses veraltete «Flickwerk» wird nun endlich abgebaut. Das neue Paket «Bilaterale III» soll den bürokratischen Wirrwarr beseitigen und einen gestrafften, umfassenden Rahmen für die Zukunft bieten. Die Verhandlungen, die im Dezember 2024 im Wesentlichen abgeschlossen wurden, sollen die zunehmend strapazierten Beziehungen stabilisieren.

Die Einsätze könnten kaum höher sein. Teile des Abkommens, insbesondere die Bereiche Bildung und das wichtige Forschungsprogramm Horizon Europe, wurden bereits schrittweise unterzeichnet. Die Zeremonie am 2. März markiert jedoch die offizielle Zusammenführung der verbleibenden Protokolle. Das Paket umfasst alles von Marktzugang bis zur Zusammenarbeit im Gesundheitsbereich und ersetzt ein überholtes System durch einen soliden, modernen Vertrag. Wie Bern offiziell erklärte, schafft diese gemeinsame Erklärung einen «hochrangigen Dialog», der viel zu lange gefehlt hat. Damit beginnt eine neue Ära institutioneller Reife zwischen dem Binnenstaat und seinen Nachbarn.

Brüssel steht geschlossen hinter dem Abkommen

In einer seltenen Demonstration politischer Einigkeit hat sich die EU mit voller Kraft hinter das Abkommen gestellt. Am Dienstag stimmten die Vertreterinnen und Vertreter aller 27 Mitgliedstaaten politisch zu und machten damit den Weg frei für die Unterzeichnung nächste Woche. Die Botschaft aus Brüssel ist unmissverständlich: Die Tür zum Binnenmarkt bleibt offen, aber nur für jene, die sich an die Regeln halten. Gunther Krichbaum, Deutschlands Minister für europäische Angelegenheiten, betonte die geografische und wirtschaftliche Realität und erklärte: «Die Schweiz, im Herzen Europas, hat ihren Platz im Binnenmarkt.»

Diese Zustimmung war nicht selbstverständlich. Sie folgt auf ein gründliches Prüfverfahren unter dem Vorsitz Zyperns, das derzeit die rotierende EU-Ratspräsidentschaft innehat. Die Genehmigung ist ein strategischer Erfolg für die Kommission, die sich darum bemüht hat, die Schweiz enger an den Rechtsrahmen der Union zu binden. Die Zustimmung gilt jedoch unter einer strikten Bedingung: Der Text muss unverändert bleiben. Die EU hat eine klare Grenze gezogen und signalisiert, dass die Zeit für Neuverhandlungen vorbei ist. Der Weg zur Ratifizierung ist nun eingeschlagen.

Die letzte Hürde: das Schweizer Stimmvolk

Während am Montag in Brüssel vielleicht die Champagnerkorken knallen, beginnt der eigentliche Kampf in Bern erst jetzt. Die Unterzeichnung ist lediglich der Auftakt zu einem zermürbenden innenpolitischen Prozess. Die Schweizer Regierung muss das Paket nächsten Monat dem Parlament vorlegen, doch das letzte Wort hat das Schweizer Stimmvolk. In einem Land, das von der direkten Demokratie geprägt ist, ist ein Referendum so gut wie unvermeidlich. Der Bundesrat steht nun vor der gewaltigen Aufgabe, dieses komplexe Paket einer skeptischen Bevölkerung schmackhaft zu machen.

Der Schatten von 2021 liegt noch immer über dem Geschehen. Die damaligen Verhandlungen scheiterten an innenpolitischen Bedenken zu Souveränität und Lohnschutz, Fragen, die nicht verschwunden sind. Paula Pinho räumte ein, dass nun die nächste entscheidende Phase ansteht, und wies darauf hin, dass es darum gehen werde, «mit den Bürgerinnen und Bürgern in den Austausch zu treten». In den kommenden Monaten ist eine heftige Debatte zwischen proeuropäischen Pragmatikerinnen und Pragmatikern und auf Souveränität bedachten Traditionalistinnen und Traditionalisten zu erwarten. Das Abkommen ist unterzeichnet, doch bis das Schweizer Stimmvolk entschieden hat, ist die Tinte noch nicht trocken.