Demografie
Demografischer Wendepunkt in der Schweiz: Seniorinnen und Senioren übertreffen die Jugend
Zum ersten Mal in ihrer Geschichte zählt die Schweiz mehr Einwohnerinnen und Einwohner ab 65 Jahren als unter 20. Dieser demografische Wendepunkt, der aus neuen Bundesstatistiken hervorgeht, verdeutlicht die beschleunigte Alterung der Bevölkerung und die künftigen gesellschaftlichen Herausforderungen des Landes.

Die Schweiz hat offiziell einen demografischen Rubikon überschritten. Zum ersten Mal in der Geschichte des Landes sind die Einwohnerinnen und Einwohner ab 65 Jahren zahlreicher als die unter 20-Jährigen. Neue provisorische Daten des Bundesamts für Statistik (BFS) zeigen eine Gesellschaft im rasanten Wandel. 1,81 Millionen Seniorinnen und Senioren prägen inzwischen die demografische Landschaft und übertreffen damit knapp die 1,80 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner der nächsten Generation. Das ist nicht bloss eine statistische Kuriosität, sondern eine grundlegende Umgestaltung des sozialen Gefüges der Schweiz. Ende 2025 stieg die ständige Wohnbevölkerung auf 9,12 Millionen. Die Zusammensetzung dieses Wachstums erzählt jedoch die Geschichte einer alternden Gesellschaft. Die Bevölkerung wuchs im vergangenen Jahr um 0,8 Prozent, doch das Gewicht verschiebt sich deutlich an die Spitze der Alterspyramide. Die Schweiz ist keine Nation der Zukunft mehr, sondern eine Nation der Gegenwart, die sich mit der Tatsache auseinandersetzen muss, dass ihre älteren Einwohnerinnen und Einwohner nun die zahlenmässige Mehrheit bilden.
Geburtenzahlen sinken, Lebenserwartung steigt
In der Schweizer Wiege wird es ruhiger, während die Lebenserwartung der Bevölkerung neue Höchststände erreicht. Die Geburtenziffer liegt mit nur 1,28 Kindern pro Frau auf einem alarmierenden Tiefstand und damit weit unter dem Wert, der für eine stabile Bevölkerungszahl erforderlich wäre. 2025 gingen die Geburten in 18 von 26 Kantonen zurück. Damit setzte sich der Abwärtstrend fort, der bereits im Jahr zuvor einen Rückgang um 2,2 Prozent verzeichnet hatte. Im starken Gegensatz dazu leben die Schweizerinnen und Schweizer länger als fast alle anderen Menschen auf der Welt. Die Lebenserwartung der Frauen ist auf bemerkenswerte 86,3 Jahre gestiegen, jene der Männer auf 82,7 Jahre. Dieses «Langlebigkeitswunder» schafft eine wachsende Lücke, die sich durch natürliche Geburten nicht schliessen lässt. Während in urbanen Zentren wie Genf und Basel-Stadt die Zahl der Neugeborenen leicht zunahm, ist der nationale Trend unbestreitbar: Die Schweiz altert von unten her. Dass die Zahl der Todesfälle mit rund 71 700 stabil bleibt, verstärkt diesen Trend zusätzlich: Die ältere Bevölkerung bleibt gross und wächst weiter, während die nachfolgende Generation kleiner wird.
Zuwanderung treibt das Wachstum an
Die Zuwanderung ist die einzige Kraft, die einen vollständigen demografischen Einbruch verhindert. In den vergangenen 50 Jahren ist die Bevölkerung der Schweiz um 43 Prozent gewachsen. Eine höhere Wachstumsrate verzeichneten in Westeuropa nur Luxemburg und Irland. Dieses Wachstum wird nicht durch die Wiege, sondern durch den Flughafen angetrieben. Hohe Löhne und wirtschaftliche Stabilität ziehen Fachkräfte aus Europa stark an. 75 Prozent der ausländischen Wohnbevölkerung stammen aus der EU. Dieses Modell beruht jedoch auf einem besonderen «Wechseleffekt»: Die Schweiz zieht hochproduktive, bereits ausgebildete Arbeitskräfte an, die während ihrer besten Erwerbsjahre Beiträge leisten, das Land aber oft wieder verlassen, bevor sie das Gesundheitssystem belasten. Zwischen 40 und 60 Prozent bestimmter Zuwanderungsgruppen verlassen die Schweiz bei der Pensionierung, abgeschreckt von den exorbitanten Lebenshaltungskosten. Diese Drehtür hat die Schweizer Wirtschaft in der Vergangenheit geschützt. Doch mit der Alterung der einheimischen Bevölkerung steigt der Druck auf die Infrastruktur und den Wohnungsmarkt bis zum Siedepunkt. Die Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» bringt eine wachsende nationale Sorge zum Ausdruck: Wie viel zusätzliches Wachstum kann die Landschaft noch verkraften?
Rentensysteme stehen vor einer finanziellen Zerreissprobe
Die demografische Rechnung wird fällig, und die Zahlen sind unerbittlich. Da die Zahl der Rentnerinnen und Rentner jene der Jugendlichen übersteigt, sind die tragenden Säulen des Schweizer Rentensystems (AHV/AVS) existenziell bedroht. Die staatlichen Renten werden ab 65 Jahren ausbezahlt, also genau in jenem Alter, in dem die Bevölkerung derzeit am schnellsten wächst. Immer weniger Erwerbstätige müssen eine stark wachsende Zahl von Rentnerinnen und Rentnern unterstützen. Das ist kein fernes Problem, sondern eine unmittelbare finanzielle Realität, die die Schweizer Politik im kommenden Jahrzehnt prägen wird. Der wirtschaftliche Vorteil des «Zuwanderungs-Wechseleffekts» reicht möglicherweise nicht mehr aus, um die grosse Zahl der Einwohnerinnen und Einwohner auszugleichen, die das Rentenalter erreichen. Die Schweiz muss sich nun schwierigen Fragen stellen: Muss das Rentenalter weiter angehoben werden? Kann das Land seinen hohen Lebensstandard mit einem aus dem Gleichgewicht geratenen Abhängigkeitsverhältnis aufrechterhalten? Der demografische Wendepunkt von 2025 ist eine letzte Warnung: Der Schweizer Gesellschaftsvertrag muss dringend und grundlegend erneuert werden, damit er im Jahrhundert der Alterung Bestand hat.