Wirtschaft
Bundesrat unterstützt Plan zur Verdreifachung der Einkaufssonntage
Die Schweizer Regierung hat ihre Unterstützung für einen Vorschlag signalisiert, die Zahl der Sonntage, an denen Geschäfte geöffnet sein dürfen, von vier auf zwölf pro Jahr zu erhöhen. Gewerkschaften haben den Vorschlag wegen des Arbeitnehmerschutzes scharf kritisiert.

Die Schweiz steht vor einem Wandel im Detailhandel, der vor einem Jahrzehnt noch undenkbar gewesen wäre. Der Bundesrat hat seine definitive Unterstützung für einen Plan signalisiert, der die Zahl der Sonntage mit Einkaufsmöglichkeiten um beeindruckende 300 Prozent erhöhen würde: von der derzeitigen Obergrenze von vier auf zwölf pro Jahr. Dabei handelt es sich nicht bloss um eine geringfügige Anpassung, sondern um einen grundlegenden Wandel des Schweizer Gesellschaftsvertrags. Seit Generationen gehört der ruhige Sonntag zu den Grundpfeilern des Lebens in der Schweiz. Nun argumentiert die Regierung jedoch, dass der Detailhandel diese deutliche Ausweitung brauche, um in einer zunehmend digitalen und grenzenlosen Wirtschaft wettbewerbsfähig zu bleiben. Der Schritt markiert eine klare Abkehr von protektionistischen Traditionen und soll Konsumausgaben im Inland halten, die oft über die Grenze oder in den rund um die Uhr geöffneten Schlund des Onlinehandels abfliessen. Während die Regierung auf mehr Flexibilität setzt, steht die traditionelle Sonntagsruhe vor ihrer bisher grössten Herausforderung. Mit diesem Gesetzesvorhaben steht die Schweiz an einem entscheidenden Scheideweg zwischen wirtschaftlicher Modernisierung und dem Erhalt ihres einzigartigen kulturellen Rhythmus.
Zürichs Ambitionen werden zur nationalen Sache
Was als lokales Anliegen im wirtschaftlichen Zentrum der Schweiz begann, hat nun die Aufmerksamkeit der Bundeshauptstadt auf sich gezogen. Mit diesem weitreichenden Vorschlag wird eine parlamentarische Initiative umgesetzt, die der Kanton Zürich 2023 eingereicht hatte. Das zeigt: Wenn Zürich vorangeht, folgt oft das ganze Land. Die Kommission für Wirtschaft und Abgaben des Ständerats hat diese Vision erfolgreich vorangetrieben. Sie argumentiert, die derzeitige Beschränkung auf vier Tage sei ein überholtes Relikt, das das Wachstum in grossen urbanen Zentren hemme. Mit einer Verdreifachung der möglichen Einkaufssonntage soll der Schweizer Detailhandel an internationale Standards in benachbarten europäischen Zentren angeglichen werden. Befürworter sagen, das heutige System werde den Bedürfnissen einer modernen, mobilen Arbeitnehmerschaft nicht gerecht, die auf Komfort angewiesen sei. Der Schwung hinter dieser Änderung ist inzwischen unübersehbar: Mit seiner Unterstützung verleiht der Bundesrat der Initiative das nötige politische Gewicht, um sie durch den Gesetzgebungsprozess zu bringen. Dies ist ein klarer Erfolg für die Wirtschaftsverbände, die seit Langem beklagen, dass die restriktiven Öffnungszeiten die Schweizer Wirtschaft in ein «Korsett» zwängten.
Gewerkschaften schlagen Alarm
Die Reaktion fiel umgehend und heftig aus: Schweizer Gewerkschaften wehren sich gegen das, was sie als «direkten Angriff» auf die Gesundheit und das Wohlbefinden der Arbeitnehmenden bezeichnen. Fast alle grossen Gewerkschaften haben die Empfehlung des Bundesrats verurteilt. Sie befürchten, dass eine Verdreifachung der Sonntagsarbeit zu noch nie dagewesenem Burnout und zur Erosion des Familienlebens führen wird. Die Gewerkschaften argumentieren, dass die Beschäftigten im Detailhandel, die bereits stark unter Druck stünden, die Hauptleidtragenden dieser wirtschaftlichen Expansion sein würden. Sie halten die Freiwilligkeit der Sonntagsarbeit auf einem umkämpften Arbeitsmarkt oft für einen Mythos: Den Arbeitnehmenden bleibe kaum eine andere Wahl, als ihren Ruhetag zu opfern. Damit zeichnet sich eine dramatische politische Auseinandersetzung ab. Die Gewerkschaften dürften das direktdemokratische System der Schweiz nutzen, um die Ausweitung anzufechten. Die zentrale Frage bleibt: Ist der wirtschaftliche Gewinn die sozialen Kosten wert? Kritiker warnen, sobald die Sonntagsruhe zwölfmal pro Jahr durchbrochen werde, könne dies eine schiefe Ebene hin zu einer vollständigen Siebentagewoche schaffen und die Schweizer Arbeitswelt dauerhaft verändern.
Der Föderalismus im Fokus: Die Macht der Kantone
In einem typisch schweizerischen Kompromiss hat der Bundesrat betont, dass trotz seiner Unterstützung für die Ausweitung die Kantone letztlich das Sagen haben. Die Regierung wird die kantonale Autonomie respektieren. Das bedeutet, dass jeder der 26 souveränen Kantone frei entscheiden kann, ob er die Obergrenze von zwölf Tagen übernehmen oder an zurückhaltenderen Regelungen festhalten will. Dadurch könnte ein Flickenteppich unterschiedlicher Vorschriften in der Eidgenossenschaft entstehen: In Genf könnten die Geschäfte geöffnet sein, während sie im benachbarten Waadt geschlossen bleiben. Dieser dezentrale Ansatz dient als wichtiges Sicherheitsventil für den Vorschlag. Zurückhaltendere, ländliche Kantone können darauf verzichten, während Wirtschaftszentren wie Zürich und Genf vorangehen können. Die Flexibilität dürfte jedoch auch intensive regionale Lobbyarbeit und möglichen «Einkaufstourismus» zwischen den Kantonen begünstigen. Im weiteren Verlauf der Debatte wird sich der Fokus von den Räten in Bern auf die kantonalen Parlamente verlagern. Dort wird sich entscheiden, ob die Sonntagsruhe in der Schweiz gewahrt bleibt oder nicht. Die Zukunft des Schweizer Detailhandels ist keine einheitliche Angelegenheit mehr, sondern ein vielfältiges regionales Experiment, das Tradition und die Anforderungen des 21. Jahrhunderts miteinander in Einklang bringen soll.