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Swiss Observer

Die Schweiz erwägt tiefere Tempolimiten auf Autobahnen

Nach der Ablehnung des Ausbaus auf sechsspurige Autobahnen prüfen Schweizer Behörden eine Senkung der Geschwindigkeit als alternative Lösung gegen Verkehrsstaus.

Die Schweiz erwägt tiefere Tempolimiten auf Autobahnen
AIThe Local Switzerland

Das Urteil ist gefällt und endgültig: Die Schweiz kann sich nicht aus dem Stau herausbauen. In einem entscheidenden Schritt lehnten 52 Prozent der Stimmberechtigten den ambitionierten Vorschlag der Regierung ab, die Autobahnen auf sechs Spuren auszubauen. Damit muss die nationale Verkehrsstrategie grundlegend überdacht werden. Die Ablehnung erfolgte trotz eindringlicher Warnungen von Verkehrsminister Albert Rösti, der davor warnte, dass der Schweiz ohne diese Änderungen ein Mobilitätsstillstand drohe.

Die aktuelle Lage ist bereits alarmierend. Autofahrerinnen und Autofahrer in der Schweiz verlieren derzeit jährlich über 48'000 Stunden in stockendem Verkehr. Das bedeutet einen enormen Verlust an Produktivität und Lebensqualität. Angesichts der wachsenden Bevölkerung und der steigenden Zahl von Fahrzeugen dürfte sich dieser Engpass weiter verschärfen. Die Bevölkerung hat jedoch signalisiert, dass mehr Asphalt nicht die Lösung ist. Stattdessen richtet sich der Fokus nun verstärkt darauf, das Bestehende besser zu bewirtschaften. Die Diskussion hat sich vom Bauen hin zu Einschränkungen verlagert. Die Grüne Partei nutzt den Aufwind und schlägt eine umfassende Senkung der allgemeinen Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h auf 100 km/h vor. Die Schweiz steht an einem Wendepunkt und muss sich zwischen endlosem Stau und einem disziplinierten, langsameren Tempo entscheiden.

Die Physik des Verkehrsflusses: Warum langsamer schneller ist

Es klingt widersinnig, doch die wissenschaftlichen Erkenntnisse sind eindeutig: Damit die Schweiz schneller vorankommt, muss sie langsamer fahren. Das Bundesamt für Strassen (ASTRA) hat neue Daten veröffentlicht, auf denen der Vorschlag beruht. Den Berichten zufolge erreicht ein Autobahnabschnitt seine maximale Kapazität, wenn die Fahrzeuge mit einer moderaten Geschwindigkeit von 85 km/h unterwegs sind. Wird dieser Wert überschritten, setzt der Effekt des «Phantomstaus» ein: Bremswellen laufen durch die Kolonne und bringen den Verkehr zum Erliegen.

Der grüne Nationalrat Raphaël nutzt diese Daten, um eine allgemeine Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h zu fordern, auf häufig von Staus betroffenen Abschnitten sogar eine Senkung auf 80 km/h. Dabei geht es nicht nur um den Verkehrsfluss, sondern auch um Effizienz. Eine Senkung der Höchstgeschwindigkeit um lediglich 20 km/h reduziert den Benzinverbrauch um beachtliche 2 bis 3 Prozent. Diese «grüne Dividende» bringt einen doppelten Gewinn: Sie entwirrt den Stau und verringert gleichzeitig die Umweltbelastung durch jeden gefahrenen Kilometer. Die Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h gilt seit Langem als Standard der Schweizer Mobilität. Die Daten legen jedoch nahe, dass sie in Gebieten mit hoher Verkehrsdichte bald der Vergangenheit angehören könnte.

Algorithmische Steuerung: Der Fahrplan bis 2026

Die Zukunft des Autofahrens in der Schweiz bedeutet nicht nur langsameres Fahren, sondern auch Automatisierung, Berechnung und Algorithmen. Bis 2026 dürften statische Tempolimiten der Vergangenheit angehören. ASTRA-Direktor Jürg Röthlisberger hat eine Vision skizziert, in der eine dynamische Verkehrssteuerung das Steuer übernimmt. «Ab 2026 wollen wir systematisch so vorgehen», sagte er und verwies auf eine Zukunft, in der fortschrittliche Algorithmen und intelligente Signalanlagen das Tempo im Land bestimmen.

Das ist keine ferne Zukunftsvision. Die Infrastruktur wird bereits geschaffen, um während der kritischen Spitzenzeiten von 6 bis 9 Uhr und von 16 bis 19 Uhr eine Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h durchzusetzen. Das System soll jedoch flexibel auf die aktuelle Lage reagieren. Faktoren wie Messen, Konzerte, Sportveranstaltungen und der Ferienverkehr fliessen in die Steuerung ein. So werden die Tempolimiten in Echtzeit angepasst, um Staus zu verhindern, bevor sie entstehen. Die Schweiz bereitet sich darauf vor, ihre Autobahnen in ein intelligentes Netz zu verwandeln, in dem die Höchstgeschwindigkeit keine feste Regel mehr ist, sondern ein flexibles Instrument gegen die erdrückenden 48'000 verlorenen Stunden. Die Botschaft an die Schweizer Autofahrerinnen und Autofahrer ist klar: Aus der freien Fahrt wird ein gesteuerter Verkehrskorridor.