Technologie
Die Schweiz verfolgt bei der elektronischen Identität einen eigenständigen Weg
Anders als EU-Staaten, die eine elektronische Identität vorschreiben, setzt die Schweiz bei der Einführung der digitalen Identität auf Freiwilligkeit.

Während Europa auf eine obligatorische Digitalisierung zusteuert, hält die Schweiz an einem eigenständigen Weg fest. Die Schweizer Regierung hat sich bewusst für einen freiwilligen Ansatz bei ihrem elektronischen Identitätssystem (e-ID) entschieden. Damit setzt sie sich deutlich von den strengen Vorgaben ab, die sich auf dem Kontinent ausbreiten. Dabei geht es nicht nur um einen politischen Unterschied, sondern auch um eine Erklärung der Schweizer Eigenständigkeit angesichts der weltweiten digitalen Vereinheitlichung.
Anders als Estland, wo die e-ID seit 2002 obligatorisch ist, räumt die Schweiz der Wahlfreiheit der Bürgerinnen und Bürger Vorrang vor administrativem Zwang ein. Die Strategie des Bundes bleibt vorsichtig und spiegelt die tief verwurzelte nationale Präferenz für Datenschutz und schrittweise Veränderungen statt radikaler Umwälzungen wider. Während andere Länder die Nutzung erzwingen, um die Modernisierung voranzutreiben, setzt die Schweiz darauf, dass Vertrauen und nicht Zwang den digitalen Wandel voranbringt. Dieser eigenständige Ansatz macht eine grundlegende Divergenz in der digitalen Governance sichtbar: Während die EU auf Einheitlichkeit drängt, besteht die Schweiz darauf, dass der Schritt in die digitale Zukunft freiwillig und nicht per Beschluss erfolgen muss.
Estlands digitaler Blitzstart
Estland ist eine digitale Grossmacht und belegt im jüngsten eGovernment Benchmark der Europäischen Kommission einen beeindruckenden zweiten Platz, nur Malta liegt davor. Dieses baltische Land hatte seinen Erfolg nicht dem Zufall zu verdanken, sondern baute ihn auf den Trümmern der Sowjetunion auf. Nach der Unabhängigkeit im Jahr 1991 sah sich das Land mit völligem Chaos und einer zerfallenden Infrastruktur konfrontiert. Um zum Westen aufzuschliessen, setzte die Regierung in einem kühnen Schritt alles auf die digitale Transformation.
Der entscheidende Moment kam 2002 mit der Einführung einer obligatorischen digitalen Identitätskarte. Johanna-Kadri Kuusk, Beraterin für digitale Transformation, bezeichnet dies als «bahnbrechenden Entscheid». Die Einführung fiel mit dem Ablauf der ersten nach der Unabhängigkeit ausgestellten Pässe zusammen, wodurch Estland eine kritische Masse an Nutzerinnen und Nutzern gewann. Das war kein Vorschlag, sondern ein Neustart für das ganze Land. Heute ist das e-Estonia Briefing Centre in Tallinn ein Anziehungspunkt für Delegationen aus aller Welt. Es zeigt, dass ein kleines Land das Tempo globaler digitaler Innovation bestimmen kann.
Bürokratie mit Lichtgeschwindigkeit
Stellen Sie sich vor, Sie geben Ihre Stimme bei einer nationalen Wahl in nur fünf Minuten von einer Hängematte in Brasilien aus ab. Für Marili Milt, eine Estin im Ausland, ist das keine Fantasie, sondern Alltag. «Ich habe meine e-ID verwendet, um meine Heirat anzumelden, danach die Geburt meines Sohnes und um einen Pass für ihn zu beantragen», sagt Milt. Das System überwindet geografische Grenzen und ermöglicht den Bürgerinnen und Bürgern, unabhängig von ihrem Aufenthaltsort nahtlos mit dem Staat zu interagieren.
Doch auch diese digitale Utopie ist an die physische Welt gebunden. Milt weist darauf hin, dass wichtige Vorgänge, etwa die Erneuerung der Fingerabdrücke für Dokumente alle sechs Jahre, weiterhin eine persönliche Vorsprache erfordern. «Da es hier in meiner Nähe keine Botschaft und kein Konsulat gibt, muss ich dafür nach Europa reisen», sagt sie. Der Unterschied zur herkömmlichen Bürokratie ist dennoch enorm. Während andere Länder in Papierkram versinken, ermöglicht Estlands digitale Infrastruktur der Diaspora, mit wenigen Klicks politisch und administrativ aktiv zu bleiben.
Das Ende der Ära des Eiskratzers
Der Erfolg war keineswegs garantiert. Als die Karten mit integriertem Chip erstmals eingeführt wurden, war die Skepsis gross. «Anfangs sagten die Leute, sie sei vor allem gut, um Eis von Autoscheiben zu kratzen», erinnert sich Kuusk. Die Regierung stand vor einer grossen Hürde: Sie musste die Bevölkerung davon überzeugen, dass ein Stück Plastik der Schlüssel zu ihrer Zukunft war. Es dauerte fast sechs Jahre unermüdlicher Arbeit, bis das Vertrauen der Öffentlichkeit gewonnen war.
Der Wendepunkt kam durch strategische Partnerschaften mit dem Privatsektor. Indem die Regierung die Identitätskarte in Bankdienstleistungen integrierte, zeigte sie ihren konkreten Nutzen, der über die blosse Erfüllung von Vorschriften hinausging. Heute hat sich das Ökosystem weit über die physische Karte hinaus entwickelt. Mit der in SIM-Karten integrierten Mobile-ID und der eigenständigen Smart-ID-App ist das System allgegenwärtig geworden. Die Schweiz verfolgt diese Entwicklung nun genau und prüft, ob ihr freiwilliges Modell eine ähnlich hohe Verbreitung erreichen kann, ohne den anfänglichen obligatorischen Schub, der den estnischen Erfolg prägte.