Online-Sicherheit
Schweiz lanciert nationale Kampagne gegen Online-Missbrauch
Eine nationale Kampagne fordert Eltern und andere Erwachsene dazu auf, Kinder vor Online-Missbrauch zu schützen. Seit 2022 sind mehr als 10'000 Meldungen zu Darstellungen sexuellen Kindesmissbrauchs eingegangen, und viele Jugendliche werden um intime Bilder gebeten. Die Kampagne bietet praktische Hinweise zu Regeln, Kommunikation und digitaler Begleitung.

Mehr als 10'000 Meldungen seit 2022 haben das Ausmass des sexuellen Missbrauchs von Kindern im Internet in der Schweiz deutlich vor Augen geführt. Kinderschutz Schweiz lancierte am 14. September seine nationale Präventionskampagne und fordert Eltern und andere Erwachsene auf, eine aktivere Rolle im digitalen Leben von Kindern zu übernehmen.
Die Kampagne mit dem Titel «Da sein» reagiert darauf, wie sich junge Menschen täglich in digitalen Räumen bewegen. Kinder nutzen Gaming-Plattformen, soziale Netzwerke, WhatsApp und Suchdienste für die Schule und wechseln oft innerhalb weniger Stunden zwischen mehreren Angeboten. Jede Plattform birgt unterschiedliche Risiken, darunter unerwünschte Kontaktaufnahme, Manipulation und Druck, intime Bilder zu teilen.
Die JAMES-Studie 2024 ergab, dass mehr als ein Viertel der Jugendlichen in der Schweiz gebeten worden war, intime Fotos zu schicken. Die Zahl zeigt, wie häufig junge Menschen online mit sexualisierten Aufforderungen konfrontiert sind, sei es von Gleichaltrigen oder unbekannten Personen.
Kinderschutz Schweiz präsentiert die Kampagne als praktischen Leitfaden für Erwachsene. Im Zentrum stehen die Begleitung im Alltag und die Kommunikation, nicht technisches Fachwissen. Ein Kampagnenvideo zeigt, wie Erwachsene die Sicherheit junger Menschen in der digitalen Welt unterstützen und zugleich daran Anteil nehmen können, wie diese vernetzte Geräte nutzen.
Familien praktische Hilfsmittel an die Hand geben
«Da sein» beginnt mit Gesprächen, klaren Grenzen und einer Vorbildfunktion, sagt Kinderschutz Schweiz. Die Organisation fordert Erwachsene auf, jungen Menschen zuzuhören, klare Regeln für die Nutzung digitaler Medien zu vereinbaren und sich selbst daran zu halten.
Die Empfehlungen greifen eine vertraute Herausforderung für Familien auf: Kinder verbringen möglicherweise viele Stunden online, während Erwachsene nicht immer wissen, welche Dienste sie nutzen oder wie diese Plattformen funktionieren. Klare Vereinbarungen können festlegen, wann Geräte genutzt werden, welche Apps erlaubt sind, wie private Konten geschützt bleiben sollen und was ein Kind tun soll, wenn es verstörende Inhalte oder eine unerwünschte Anfrage erhält.
Die Kampagne stellt auch die Kommunikation ins Zentrum der Prävention. Junge Menschen müssen wissen, dass sie einer Vertrauensperson erzählen können, wenn jemand sie unter Druck setzt, ein intimes Bild zu schicken, sie bedroht oder versucht, ein Gespräch in einen privateren Kanal zu verlagern. Erwachsene können dafür sorgen, dass sich solche Gespräche ergeben, indem sie zuhören, statt dem Kind sofort ein Gerät wegzunehmen oder ihm die Schuld zu geben.
Kinderschutz Schweiz sagt, Kinder und Jugendliche hätten das Recht auf digitale Räume, die frei von Ausbeutung, Gewalt und Manipulation sind. Das öffentliche Kampagnenvideo überträgt diesen Grundsatz in Empfehlungen für den Familienalltag.
Plattformen in die Pflicht nehmen
Die NGO sagt, die Verantwortung könne nicht allein bei den Eltern liegen. Kinderschutz Schweiz fordert wirksame gesetzliche Bestimmungen im Entwurf des Bundesgesetzes über Kommunikationsplattformen, bekannt als KomPG. Der vorgeschlagene Rahmen ist Teil einer breiteren Debatte darüber, wie digitale Dienste Kinder in der Schweiz schützen sollen.
Die Organisation ist der Ansicht, dass grosse Plattformen ihrer Verantwortung nicht vollständig nachkommen. Ihre Haltung verweist auf die Grenzen der Aufsicht im Haushalt. Eltern können Regeln aufstellen und die Nutzung begleiten, aber sie können weder die Gestaltung von Empfehlungssystemen noch Meldeverfahren, Alterskontrollen oder die Geschwindigkeit, mit der Plattformen auf Missbrauchsmeldungen reagieren, eigenständig kontrollieren.
Die Kampagne verbindet deshalb Empfehlungen für Familien mit der Forderung nach stärkeren institutionellen Schutzmassnahmen. Zu ihren Partnern gehören das Bundesamt für Polizei, bekannt als fedpol, die Schweizerische Kriminalprävention und die Plattform Jugend und Medien des Bundesamts für Sozialversicherungen.
Diese Partnerschaft verbindet Prävention zu Hause mit öffentlicher Information und Fachwissen der Strafverfolgungsbehörden. Sie verleiht der Kampagne zudem eine nationale Reichweite über die verschiedenen Sprachregionen der Schweiz hinweg, auch wenn das Ausgangsmaterial keine separaten regionalen Ziele oder Massnahmen nennt. Die Debatte über das KomPG wird bestimmen, inwieweit die Schweiz von Kommunikationsplattformen erwartet, Schäden zu verhindern und bei Missbrauchsfällen zu reagieren.
Aus Bewusstsein Schutz machen
Die Kampagne startet zu einer Zeit, in der sich Online-Bedrohungen mit sexuellem Bezug in der ganzen Schweiz verändern. In jüngster Berichterstattung wurde auf die Zunahme von Deepfakes, Sextortion und anderen Formen digitaler sexueller Gewalt gegen junge Menschen hingewiesen. Die nationale Initiative stellt weder eine einzelne Technologie noch eine bestimmte App als alleinige Gefahrenquelle dar. Sie konzentriert sich darauf, wo Erwachsene, Plattformen und Behörden eingreifen können.
Für Familien bedeutet das, die Kommunikation offen zu halten, bevor eine Krise eintritt. Junge Menschen sollten wissen, wie sie missbräuchliche Inhalte melden, relevante Beweise sichern und nach einer Drohung oder Aufforderung, intime Bilder zu schicken, Hilfe holen können. Erwachsene müssen auch verstehen, dass Scham eine Offenlegung verzögern kann, insbesondere wenn junge Menschen Bestrafung oder den Verlust des Zugangs zu einem Gerät befürchten.
Die seit 2022 bei clickandstop.ch eingegangenen mehr als 10'000 Meldungen geben einen Anhaltspunkt dafür, welches Material die Schweizer Meldestellen erreicht. Das Ergebnis der JAMES-Studie zu Anfragen nach intimen Fotos zeigt, welchem Druck junge Menschen ausgesetzt sein können, auch wenn letztlich kein Bild verschickt wird.
Die nächste Bewährungsprobe der Kampagne ist ihre praktische Wirkung: ob ihre Empfehlungen Haushalte, Schulen und Jugendangebote erreichen und ob die regulatorische Reaktion der Schweiz den Plattformen klare Pflichten auferlegt. Ihre Botschaft ist klar: Erwachsene müssen sich weiterhin einbringen, während das Online-Leben von Kindern wächst.