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Swiss Observer

Swissmedic im Streit mit Medien über Berichte zu Abnehmmedikamenten

Die Schweizer Arzneimittelbehörde geht rechtlich gegen Medienhäuser vor. Sie wirft ihnen vor, die Abnehmmedikamente Ozempic und Wegovy unerlaubt beworben zu haben.

Swissmedic im Streit mit Medien über Berichte zu Abnehmmedikamenten
AISWI swissinfo.ch

Swissmedic hat den führenden Medienhäusern des Landes den Kampf angesagt und verlangt unter ausdrücklicher Androhung von Strafen, dass Artikel über Abnehmmedikamente sofort gelöscht werden. Das Vorgehen hat in der Schweizer Medienlandschaft für Aufsehen gesorgt: Die nationale Arzneimittelbehörde setzt das Heilmittelgesetz mit Nachdruck durch und nimmt dabei Schwergewichte wie die Neue Zürcher Zeitung (NZZ), Ringier und 20 Minuten ins Visier. Die Behörde wirft ihnen vor, mit ihrer redaktionellen Berichterstattung über Blockbuster-Medikamente wie Ozempic und Wegovy die Grenze zur unerlaubten Werbung überschritten zu haben.

Das ist keine höfliche Bitte, sondern eine rechtliche Anordnung. Swissmedic macht geltend, Umfang und Ton der jüngsten Berichterstattung dienten faktisch als Werbematerial für verschreibungspflichtige Medikamente, für die in der Schweiz strikte Werbeverbote gelten. Damit verschärft sich der Konflikt zwischen dem Schutz der öffentlichen Gesundheit und der Medienfreiheit deutlich. Während die Behörde die Bevölkerung vor dem Einfluss der Pharmaindustrie schützen will, laufen die Medienorganisationen Sturm und sehen darin einen direkten Angriff auf ihre Fähigkeit, die Öffentlichkeit über wichtige Gesundheitstrends zu informieren. Die Fronten sind bezogen, und der Ausgang des Streits wird die Grenzen der Gesundheitsberichterstattung in der Schweiz auf Jahre hinaus prägen.

Medienhype trifft auf harte Hand der Aufsicht

Allein in den vergangenen zwei Jahren erschienen in der Schweiz sage und schreibe 840 Medienberichte, in deren Schlagzeile «Ozempic» vorkam. Die Berichte lösten einen regelrechten Hype aus, den die Behörde nun einzudämmen versucht. Die Schweizer Mediendatenbank zeigt eine explosionsartige Zunahme der Berichterstattung, die dem weltweiten Wirbel in den sozialen Medien ähnelt. Dort preisen Tausende Videos auf TikTok und Instagram die Wirkung von GLP-1-Spritzen. Diese digitale Lawine hat Swissmedic zum Eingreifen veranlasst und dazu geführt, dass die Behörde das Gesetz mit beispielloser Strenge auslegt.

Die Haltung der Behörde ist kompromisslos: Was wie eine Anzeige aussieht, ist eine Anzeige. Das gilt auch für redaktionelle Inhalte in angesehenen Zeitungen, wenn Swissmedic die Berichterstattung als zu wohlwollend einstuft. Zusätzliche Brisanz erhält die Kontroverse durch den unterschiedlichen Zulassungsstatus der Medikamente. Wegovy und Mounjaro sind zur Gewichtsreduktion zugelassen, Ozempic dagegen offiziell nur zur Behandlung von Typ-2-Diabetes, wird aber häufig «off-label» zur Gewichtsabnahme verschrieben. Swissmedic argumentiert, Artikel, die diese Unterschiede verwischten, gefährdeten die Patientensicherheit. Die Medien halten dagegen, sie berichteten lediglich über ein Phänomen, das die Öffentlichkeit online ohnehin mit grossem Eifer verfolge.

Die milliardenschwere Adipositas-Krise

Fast 12 % der Schweizer Bevölkerung sind inzwischen von Adipositas betroffen. Diese Zahl zeigt, wie gross der öffentliche Bedarf an wirksamen Lösungen ist. Weltweit sind die Zahlen noch alarmierender: Mehr als 1 Milliarde Menschen leben mit Adipositas. Diese Gesundheitskrise hat einen Goldrausch in der Pharmabranche ausgelöst. Der weltweite Markt für Adipositasmedikamente wird auf gewaltige 100 Milliarden US-Dollar pro Jahr geschätzt. Die finanziellen Interessen sind enorm, und der Druck auf die Behörden, die öffentliche Debatte zu kontrollieren, nimmt zu.

Der Bedarf ist nicht bloss theoretisch, sondern unmittelbar und überwältigend. Menschen in der Schweiz suchen aktiv nach Informationen über Behandlungen, die chronische Gewichtsprobleme lindern sollen. Die strenge Anwendung des Gesetzes durch Swissmedic droht jedoch ein Informationsvakuum zu schaffen. Wenn professionelle Medien zum Schweigen gebracht werden, besteht das Risiko, dass sich die Öffentlichkeit ausschliesslich auf ungeprüfte Social-Media-Influencer und ausländische Content-Creator stützt, die ausserhalb der Schweizer Gerichtsbarkeit tätig sind. Der Konflikt macht einen zentralen Widerspruch sichtbar: In einer Zeit beispielloser medizinischer Innovation könnten Schweizer Patientinnen und Patienten rechtlich von verlässlichen Informationen über genau jene Behandlungen abgeschnitten werden, die ihnen helfen sollen.

Zensur oder Sicherheit? Die Fronten sind bezogen

«Die Auslegung des Gesetzes durch Swissmedic geht zu weit», sagt Urs Saxer, ein renommierter Rechtsprofessor an der Universität Zürich, der die Medien in diesem Verfahren mit weitreichenden Folgen vertritt. Nach der derzeitigen Logik der Behörde könnten «plötzlich fast alle redaktionellen Inhalte als Werbung angesehen werden», warnt er. Bei diesem Rechtsstreit geht es um weit mehr als Abnehmpillen: Im Kern steht die Frage nach der Rolle der Presse in einer freien Gesellschaft. Saxer argumentiert, «wie man abnimmt, ist Teil der öffentlichen Diskussion und sollte es auch bleiben».

Die möglichen Folgen dieses Falls sind beunruhigend. Sollte Swissmedic obsiegen, könnte dies einen Präzedenzfall schaffen, der über Abnehmmedikamente hinaus auch andere medizinische Behandlungen erfasst und die Presse bei Themen der öffentlichen Gesundheit faktisch zum Schweigen bringt. Die NZZ berichtete bereits, dass die Behörde auch einen Artikel über Migränebehandlungen beanstandet hatte. Während das Verfahren voranschreitet, steht die Schweiz vor einer entscheidenden Wahl: an einem strengen, schützenden Regulierungsumfeld festzuhalten oder sich auf eine moderne Realität einzustellen, in der Gesundheitsinformationen ein öffentliches Gut sind. Vorerst weigern sich die Medien, sich zum Schweigen bringen zu lassen, doch die angedrohten Strafen hängen weiterhin wie ein Damoklesschwert über ihnen.