Cybersicherheit
Swisscom wehrt Rekordzahl an Cyberangriffen ab: 200 Millionen Bedrohungen pro Monat
Der Schweizer Telekommunikationsriese meldet eine beispiellose Zahl von Cyberangriffen, durchschnittlich 77 pro Sekunde, und weist damit auf wachsende Sorgen um die nationale Sicherheit hin.

77-mal pro Sekunde wird ein digitaler Angriff auf das Telekommunikationsrückgrat der Schweiz gestartet. Swisscom, der Telekommunikationsriese im Staatsbesitz, wehrt derzeit jeden Monat unglaubliche 200 Millionen Cyberangriffe ab. Diese Zahl verdeutlicht die zunehmende Volatilität der digitalen Landschaft. Dabei handelt es sich nicht bloss um eine technische Störung, sondern um eine anhaltende Belagerung der nationalen Infrastruktur.
Im Gespräch mit der NZZ am Sonntag bestätigte Swisscom-CEO Christoph Aeschlimann, dass die Intensität dieser Bedrohungen zunimmt. Das schiere Ausmass des feindlichen Datenverkehrs deutet darauf hin, dass die Schweizer Infrastruktur ein Hauptziel im globalen Cyberraum ist. Die meisten dieser Angriffe sind zwar automatisiert, doch ihre Auswirkungen auf die nationale Sicherheit sind tiefgreifend. Würden die digitalen Schutzwälle durchbrochen, wären die Folgen für die Wirtschaft und private Daten katastrophal. Die Zahlen zeichnen ein ernüchterndes Bild: Das Internet ist nicht mehr bloss ein Marktplatz oder ein Kommunikationsmittel, sondern ein aktives Schlachtfeld, auf dem die vermeintliche Ruhe nur durch eine robuste Verteidigung entsteht.
Die Kommerzialisierung der Cyberkriegsführung
Die Einstiegshürde für Cyberkriminelle ist gefallen. Dadurch hat sich Hacking von einer Spezialistenfähigkeit zu einer günstigen und leicht zugänglichen Dienstleistung entwickelt. «Cyberkriminalität als Dienstleistung» ist die neue Realität. Sie ermöglicht es Angreifern, ausgeklügelte Attacken zu starten, ohne über fundierte technische Kenntnisse zu verfügen. Aeschlimann warnt, dass sich die Bedrohungslandschaft auf möglichst gefährliche Weise demokratisiert hat.
«Alles, was sichtbar und verwundbar ist, wird angegriffen», sagte Aeschlimann und unterstrich damit den wahllosen Charakter dieser automatisierten Bots. Die Geschwindigkeit dieser Bedrohungen ist erschreckend: Ein ungeschützter PC, der sich heute mit dem Internet verbindet, kann in weniger als fünf Minuten gefunden und kompromittiert werden. Angesichts dieser kurzen Zeit bis zur Kompromittierung ist eine rein passive Verteidigung keine Option mehr. Bei den Angreifern handelt es sich nicht nur um staatlich unterstützte Spione, sondern auch um Erpresser, die weltweit von Heimbüros aus operieren und vorgefertigte Werkzeuge einsetzen, um Daten als Geiseln zu nehmen. Der Gegner ist überall, dezentral organisiert und unermüdlich.
Die nationale Verteidigung mobilisieren
Angesichts dieses beispiellosen Bedrohungsniveaus hat sich Swisscom in eine Festung verwandelt und eine eigene Armee von über 300 Cybersicherheitsexpertinnen und -experten eingesetzt. Diese Fachleute verteidigen an vorderster Front die digitale Souveränität der Schweiz. Rund um die Uhr filtern sie schädlichen Datenverkehr heraus, bevor er die Endnutzer erreicht. Doch sie kämpfen nicht allein.
Die Mehrheitsbeteiligung des Bundes an Swisscom ist angesichts der Erfordernisse der nationalen Sicherheit heute mehr denn je gerechtfertigt. Aeschlimann erklärte, dass der Telekommunikationsanbieter eng mit dem Bund, der Schweizer Armee und den Nachrichtendiensten zusammenarbeitet. Dieser gegenseitige Informationsaustausch ist entscheidend. In einer Zeit, in der hybride Kriegsführung die Grenzen zwischen öffentlicher und privater Infrastruktur verwischt, sorgt diese Zusammenarbeit dafür, dass Informationen über neue Bedrohungen umgehend geteilt werden. So wird die Verteidigung des Landes gegen staatliche Akteure und kriminelle Netzwerke gleichermassen gestärkt.
Das Urteil über die Abwehrbereitschaft der Schweiz
Die Bedrohung ist zwar gross, doch die Abwehrbereitschaft der Schweizer Unternehmen ist vorerst robust. Aeschlimann stellt den Schweizer Unternehmen ein gutes Zeugnis aus und sagt: «Die Schweiz macht das im Allgemeinen sehr gut.» Viele Unternehmen hätten das existenzielle Risiko erkannt und erheblich in ausgezeichnete Schutzmassnahmen investiert. Doch eine Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied.
Trotz der allgemein guten Vorbereitung warnte Aeschlimann deutlich: «Es besteht definitiv Handlungsbedarf.» Hunderte Server im Land seien nach wie vor unzureichend geschützt und könnten Angreifern als potenzielle Hintertüren dienen. Selbstzufriedenheit ist der Feind. In einem digitalen Ökosystem, in dem jeden Monat 200 Millionen Angriffe abgewehrt werden, ist ein ungeschützter Server, als würde man den Tresor einer Bank offen stehen lassen. Während Cyberkriminelle ihre Methoden weiterentwickeln, müssen Schweizer Unternehmen ihre Abwehr konsequent verbessern, sonst riskieren sie, zum nächsten Aufmacher einer nationalen Sicherheitskrise zu werden.