Gesellschaft
Junge Menschen in der Schweiz fühlen sich laut Umfrage zunehmend machtlos
Das Generationen-Barometer 2025 zeigt: 88 % der unter 35-Jährigen in der Schweiz fühlen sich von der gesellschaftlichen Einflussnahme abgekoppelt. Das ist ein deutlicher Anstieg gegenüber 73 % im Jahr 2023.

Erstaunliche 88 % der Erwachsenen unter 35 Jahren in der Schweiz glauben inzwischen, dass sie kaum oder gar keinen Einfluss auf die künftige Entwicklung ihrer Gesellschaft haben. Das ist nicht einfach ein Stimmungstief, sondern ein statistischer Absturz, der auf eine Vertrauenskrise im Herzen Europas hindeutet. Noch vor zwei Jahren, 2023, lag dieser Anteil bei 73 %. Der dramatische Anstieg um 15 Prozentpunkte in so kurzer Zeit zeigt, dass sich jene Bevölkerungsgruppe, die für den Aufbau der Zukunft der Schweiz verantwortlich ist, zunehmend entfremdet fühlt. Das Generationen-Barometer 2025 des Sotomo-Instituts legt eine harte Realität offen: Die jungen Menschen sind nicht bloss frustriert, sie ziehen sich zurück. Sie halten die Machtmittel für unzugänglich und nehmen den Kurs des Landes als etwas wahr, das mit ihnen geschieht, statt als etwas, das sie mitgestalten können. Diese tiefgreifende Resignation deutet darauf hin, dass die traditionellen Schweizer Mechanismen der direkten Demokratie und des zivilgesellschaftlichen Engagements die digitale Generation nicht mehr erreichen.
Eine Nation verliert die Hoffnung
Das Unbehagen beschränkt sich nicht auf die jungen Menschen, sondern erfasst die ganze Nation. Über 71 % der Schweizer Bevölkerung blicken inzwischen pessimistisch in die Zukunft, ein Trend, der seit der letzten Erhebung klar zugenommen hat. Die Schweiz wird weltweit oft für ihre Stabilität und ihren Wohlstand gerühmt, doch diese Zahlen zeichnen das Bild einer Bevölkerung, die mit Erschöpfung und Unsicherheit kämpft. Die Daten zeigen, dass dieser Mangel an Optimismus bei den jüngeren Generationen besonders ausgeprägt ist, seine Auswirkungen aber in allen Teilen der Gesellschaft spürbar sind. Wenn fast drei Viertel der Bevölkerung nicht mehr daran glauben, dass morgen besser wird als heute, beginnt der gesellschaftliche Zusammenhalt zu bröckeln. Diese allgemeine Trübsal steht in starkem Kontrast zum äusseren Bild von Schweizer Effizienz und Erfolg. Sie deutet darauf hin, dass innere Belastungen, seien sie wirtschaftlicher, gesellschaftlicher oder vielleicht existenzieller Art, die Bevölkerung stärker denn je beschäftigen.
Das gebrochene Versprechen des Fortschritts
Jahrzehntelang war der unausgesprochene Gesellschaftsvertrag der Schweiz einfach: Jede Generation sollte es besser haben als die vorherige. Dieser Vertrag scheint nun hinfällig. Die Studie hält fest, dass junge Menschen immer weniger daran glauben, dass es jeder Generation besser gehen wird. Der Zerfall dieses «Fortschrittsmythos» ist ein wichtiger Grund für das Gefühl der Ohnmacht, das im Barometer dokumentiert wird. Wenn der Weg nach vorne weder sozialen Aufstieg noch eine bessere Lebensqualität verspricht, schwindet die Motivation. Die jungen Menschen sehen sich mit einer Realität konfrontiert, in der sie möglicherweise die erste Generation der modernen Geschichte sind, der es strukturell schlechter geht als ihren Eltern. Das ist nicht bloss jugendliche Unzufriedenheit, sondern eine nüchterne Einschätzung einer Welt, die von Klimaangst, wirtschaftlicher Stagnation und geopolitischer Instabilität geprägt ist. Der Optimismus, der einst die Schweizer Innovation antrieb, wird durch einen pragmatischen, aber lähmenden Fatalismus ersetzt.
Die wachsende Kluft
Während die Ohnmacht zunimmt, werden die Gräben zwischen den Altersgruppen tiefer. Die Umfrage zeigt, dass die Generationenkluft als zunehmend gross wahrgenommen wird. So entsteht ein polarisiertes Umfeld, in dem sich die jungen Menschen von den älteren Generationen nicht gehört fühlen. Diese Entfremdung ist gefährlich. Wenn sich 88 % der jungen Erwachsenen machtlos fühlen, werden sie sich wahrscheinlich kaum auf den notwendigen Dialog einlassen, um diese Kluft zu überbrücken. Stattdessen besteht die Gefahr, dass sie sich in digitale Filterblasen zurückziehen oder sich ganz aus dem zivilgesellschaftlichen Engagement verabschieden. Die Folgen für die direkte Demokratie der Schweiz sind weitreichend. Ein System, das auf die aktive Beteiligung seiner Bürgerinnen und Bürger angewiesen ist, kann nicht funktionieren, wenn seine künftigen Führungskräfte glauben, ihre Stimmen verhallten ungehört. Dieser Bericht ist ein unüberhörbares Warnsignal: Die Schweiz muss einen Weg finden, ihre jungen Menschen wieder zu stärken, sonst droht eine Zukunft, die von Apathie und Zersplitterung geprägt ist.