Gesundheit
Psychische Krise bei Jugendlichen in der Schweiz: Notrufe steigen um 13 %
Die Stiftung Pro Juventute meldet einen alarmierenden Anstieg der Beratungsanfragen von Jugendlichen. Suizidgedanken sind dabei zum häufigsten Anliegen geworden.

Die Jugendlichen in der Schweiz schreien so dringend wie noch nie um Hilfe. In einer erschütternden Mitteilung an diesem Freitag bestätigte die Stiftung Pro Juventute, dass die Anfragen an die Notfallberatung 2024 um 13 % gestiegen sind und sich auf insgesamt knapp 47 700 Kontakte beliefen. Das ist keine statistische Ausreissersituation, sondern ein grelles Warnsignal für die Schweizer Gesellschaft. Die Zahl der über Telefon und WhatsApp eingegangenen Hilferufe hat alle bisherigen Rekorde übertroffen. Seit 2019 hat sich die Zahl der Beratungsstunden verdoppelt.
Pro-Juventute-Direktorin Nicole Platel vermutet, dass die bessere Erreichbarkeit über WhatsApp zu diesen Zahlen beitragen könnte. Der Trend ist jedoch unbestreitbar. Wir erleben eine Generation unter enormem Druck, die über alle verfügbaren digitalen Kanäle Hilfe sucht. Die Beratungsstelle ist nicht mehr nur ein Unterstützungsangebot, sondern zu einer wichtigen Notfallinfrastruktur für eine Altersgruppe geworden, deren psychische Gesundheit sich zunehmend verschlechtert.
Leben oder Tod: Anfragen zu Suizidgedanken schiessen in die Höhe
Die erschütterndste Zahl im Bericht für 2024 betrifft die Häufigkeit von Suizidgedanken. Jeden Tag wandten sich durchschnittlich 13 junge Menschen gezielt wegen Suizidgedanken an das Beratungsteam, ein deutlicher und alarmierender Anstieg gegenüber den neun Anfragen pro Tag im Vorjahr. Dabei geht es um mehr als nur Angstzustände: Es besteht unmittelbare Lebensgefahr.
Die Dringlichkeit dieser Anrufe zwang die Beratenden zu drastischen Massnahmen. Allein 2024 leiteten sie 207-mal einen Notfalleinsatz ein, indem sie die Polizei oder andere Blaulichtorganisationen aufboten, um eine ernste Gefahr abzuwenden oder ein Leben zu retten. 2023 waren es noch 166 Einsätze gewesen. Diese Zahlen legen eine düstere Realität offen: Bei Hunderten Jugendlichen in der Schweiz hat sich die psychische Krise so weit zugespitzt, dass nur ein sofortiges Eingreifen vor Ort sie vor einer Tragödie bewahren kann.
Kein sicherer Zufluchtsort: Häusliche Gewalt und Mobbing nehmen zu
Für zu viele Kinder in der Schweiz lauert die Gefahr ausgerechnet in den eigenen vier Wänden, die sie eigentlich schützen sollten. Der Bericht weist auf eine besorgniserregende Zunahme von Anfragen zu häuslicher Gewalt, Mobbing und sexueller Gewalt hin. 2024 gingen bei der Notrufnummer «147» jede Woche 14 Anfragen zu Gewalt in der Familie ein. Im Vorjahr waren es noch neun pro Woche gewesen.
Auch Mobbing und sexuelle Gewalt sind weiterhin weit verbreitet und führen jede Woche zu neun verzweifelten Hilferufen. Diese Entwicklung zeigt sich auch in den Anfragen von Eltern: Die Elternberatung «24/7» von Pro Juventute verzeichnete ebenfalls wöchentlich 14 Anfragen zu Gewalt. Diese Zahlen zeichnen ein erschütterndes Bild des häuslichen Umfelds eines beträchtlichen Teils der Bevölkerung. Dort ist die psychische und körperliche Sicherheit gefährdet, sodass Minderjährige ausserhalb der Familie Hilfe suchen müssen.
Digitale Rettungsleinen: Neue Wege für Hilferufe
Während sich die Krise verschärft, verändert sich auch der Weg, auf dem Betroffene Hilfe suchen, rasch. Durch die Einbindung von WhatsApp in die Beratungsangebote von Pro Juventute ist ein wichtiger Kommunikationskanal entstanden. Das senkt die Hemmschwelle für Jugendliche, denen ein Telefonanruf vielleicht zu viel Überwindung kostet. Direktorin Nicole Platel hält fest, dass die Erreichbarkeit zwar besser wird, der entscheidende Punkt aber der grundlegende Anstieg der Nachfrage ist, dem sich die Schweiz stellen muss.
Die Infrastruktur ist vorhanden, wird aber auf eine noch nie dagewesene Probe gestellt. Kinder und Jugendliche können sich rund um die Uhr kostenlos und vertraulich an professionelle Beratende wenden, telefonisch unter 147, per WhatsApp über 147.ch oder per E-Mail. Im Verlauf des Jahres 2025 bleibt die Frage: Reicht die bessere Erreichbarkeit aus, um den Anstieg aufzuhalten, oder braucht die Schweiz eine grundlegende Neuausrichtung ihrer Strategie für die psychische Gesundheit junger Menschen?