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Swiss Observer

Kein Schnee, kein Start: Der Klimawandel bedroht den Schweizer Wintersport existenziell

Der Schweizer Winter, ein nationales Wahrzeichen, gerät unter Druck: Steigende Temperaturen zwingen traditionelle Veranstaltungen wie das Schlittenhunderennen von Saignelégier auf die Wiese und gefährden die Zukunft des Langlaufs im ganzen Land, besonders im Juragebiet.

Kein Schnee, kein Start: Der Klimawandel bedroht den Schweizer Wintersport existenziell
AIThe Local Switzerland

Die Schweizer Winteridentität schmilzt vor unseren Augen dahin. Zum zweiten Mal in Folge musste das legendäre internationale Schlittenhunderennen in Saignelégier auf den Schnee verzichten. Auf den grasigen Weiden der Franches-Montagnes traten Räder an die Stelle von Kufen. Das ist keine Ausnahme mehr, sondern die neue, erschreckende Realität des Schweizer Wintersports.

Das Bild ist ernüchternd: Huskys ziehen Karts und Mountainbikes, statt über weissen Pulverschnee zu gleiten. Die Organisatoren konnten das Wochenende zwar retten und 7'000 Zuschauerinnen und Zuschauer begrüssen, doch die Auswirkungen auf den Sport waren verheerend. Die Zahl der Teilnehmenden sank von den üblichen 130 Musherinnen und Mushern auf gerade einmal 45. Toinette Wisard, Co-Präsidentin des Organisationskomitees, brachte es unverblümt auf den Punkt: «Ein grünes Jahr lässt sich beim Schnee nicht mit einem weissen Jahr vergleichen.»

Die Sicherheit war gewährleistet, und es wurden keine Unfälle gemeldet. Die Botschaft ist dennoch klar: Die «grüne Variante» ist eine Überlebensstrategie, keine Lösung. Dass die Veranstaltung weiterbesteht, zeugt von der organisatorischen Stärke der Schweiz. Der drastische Rückgang der Teilnehmenden signalisiert jedoch eine Vertrauenskrise bei Wintersportveranstaltungen in tieferen Lagen.

Der grosse Rückzug: Die Schneekrise im Jura

Die Lage im Juragebiet ist kritisch. Ab der Höhenlage von 1'000 Metern ist eine verlässliche Schneedecke kaum mehr gewährleistet, was die Existenz des Langlaufs in der Region bedroht. Laurent Donzé, Präsident von Romandie Ski de Fond, beschreibt die Situation mit ernüchternder Klarheit: «Wir befinden uns in einem Rückzugsprozess.»

Die Daten bestätigen diese düstere Einschätzung. Die Langlaufzentren verzeichnen einen starken Rückgang der Skitage, was einen grundlegenden Wandel in der Einstellung der Schweizer Bevölkerung erzwingt. «Auf 1'000 Metern sind wir früher gestern Ski gefahren, wann immer wir wollten. Heute schnallen wir die Ski nur noch an, wenn Schnee liegt», sagt Donzé. Die Zeit, in der ein Zugang zum Wintersport garantiert war, ist vorbei. Wir sind in einem Zeitalter des spontanen Langlaufs angekommen.

Diese Unbeständigkeit setzt einen Teufelskreis in Gang. Weniger Schnee bedeutet weniger Loipen, was zu weniger Nutzerinnen und Nutzern und anschliessend zu geringerer Medienpräsenz und weniger Sponsoring führt. Die Folgen bedrohen die wirtschaftliche Tragfähigkeit der Zentren. Die Behörden zögern inzwischen, in Spurmaschinen für Schnee zu investieren, der möglicherweise nie fällt.

Anpassung statt Tradition: Ein kultureller Wandel

Angesichts dieser existenziellen Bedrohung stösst die traditionelle Schweizer Antwort, die Innovation, an ihre Grenzen. Kunstschnee, eine Lebensader für den alpinen Skisport in höheren Lagen, wird für die Langlaufloipen im Jura entschieden abgelehnt. Donzé hält ihn für «schwer vorstellbar» und verweist auf die prohibitiv hohen Kosten sowie den direkten Widerspruch zum ökologischen Anspruch des Sports.

Damit bleibt der Öffentlichkeit eine klare Wahl: höher hinaufreisen oder ganz die Sportart wechseln. Die «Vielseitigkeitssportlerinnen und -sportler» stimmen bereits mit den Füssen ab und tauschen im Januar die Ski gegen Laufschuhe und Mountainbikes. Nur die besonders Hartgesottenen sind bereit, dem Schnee in höhere Lagen nachzujagen. Die lokalen Zentren bleiben dadurch leer.

Dieser Wandel verändert die Kulturlandschaft grundlegend. Der Langlauf, einst ein breit zugänglicher, demokratischer Sport, der mit dem Slogan «Langläufer leben länger» gefeiert wurde, wird zunehmend zum Luxusgut. Er entwickelt sich zu einer «selteneren, aber kostbaren Aktivität», die nur noch jenen offensteht, die über die nötigen Mittel und Mobilität verfügen, um Schnee zu finden.

Der Blick in die Zukunft: Hitze, Dürre und Verlust

Der schwindende Schnee im Jura ist bloss ein Symptom eines viel grösseren nationalen Notstands. Eine alarmierende Regierungsstudie bestätigt, dass die Klimakrise die Schweiz stärker trifft als den globalen Durchschnitt. Die Prognosen warnen vor deutlich mehr extremer Hitze und Dürre. Die Verschlechterung ist keine ferne Bedrohung, sie findet bereits jetzt statt.

Mit den steigenden Temperaturen wird der Wintertourismus in tiefer gelegenen Regionen zunehmend unmöglich. Der Einsatz der Organisatoren in Saignelégier ist bewundernswert, doch er kann das Thermometer nicht zurückdrehen. Wir erleben eine dauerhafte Veränderung der Schweizer Jahreszeiten.

Ohne eine wundersame Kehrtwende bei den Klimatrends wird der «weisse Winter» auf 1'000 Metern bald nur noch in Geschichtsbüchern und auf Postkarten existieren. Die Schweiz muss sich auf eine Zukunft einstellen, in der Grün im Januar die vorherrschende Farbe ist und Wintersport nicht mehr selbstverständlich, sondern ein flüchtiges Privileg ist.