Schweiz
Schweizer Stimmberechtigte lehnen Klima-Steuer für Superreiche und obligatorischen Bürgerdienst ab
Bei einer kürzlich abgehaltenen nationalen Volksabstimmung lehnten die Schweizer Stimmberechtigten sowohl Vorschläge für eine neue Erbschaftssteuer auf Nachlässe von über CHF 50 Millionen zur Finanzierung von Klimaschutzmassnahmen als auch einen Plan, die Wehrpflicht nur für Männer durch einen obligatorischen Bürgerdienst für alle Bürgerinnen und Bürger zu ersetzen, deutlich ab.

In einer eindrücklichen Demonstration direkter Demokratie haben die Schweizer Stimmberechtigten eine historische doppelte Niederlage besiegelt, die noch jahrelang durch die Hallen des Bundeshauses hallen wird. Am Sonntag verwarfen die Stimmberechtigten zwei umstrittene Initiativen mit überwältigender Mehrheit und bescherten ihren Befürwortern eine der schwersten Niederlagen seit einem Vierteljahrhundert. Die Botschaft aus der Urne ist unmissverständlich: Die Schweiz ist weder für radikale gesellschaftliche Experimente noch für eine Strafbesteuerung bereit.
Bei einer Stimmbeteiligung von rund 43 Prozent waren die Ergebnisse nicht einfach eine Niederlage, sie glichen einem Debakel. Der Vorschlag, die Wehrpflicht nur für Männer durch einen allgemeinen Bürgerdienst zu ersetzen, wurde von 84 Prozent der Stimmberechtigten verworfen. Gleichzeitig wurde der Plan, zur Finanzierung von Klimaschutzmassnahmen eine massive Steuer für Superreiche einzuführen, mit deutlichen 78 Prozent abgelehnt. Keine der beiden Vorlagen erreichte in einem einzigen der 26 Kantone eine Mehrheit.
Das ist nicht einfach ein «Nein», sondern eine von der Schweizer Bevölkerung errichtete Brandmauer gegen vermeintliche Gefahren für ihr Wirtschaftsmodell und ihre gesellschaftlichen Traditionen. Umfragen hatten zwar auf einen schwierigen Stand der Initiativen hingedeutet, doch das Ausmass der Ablehnung hat Analysten und Politiker gleichermassen überrascht und den konservativen Status quo angesichts der Versuche einer progressiven Neuausrichtung gefestigt.
Bürgerdienst-Vorschlag vernichtend abgelehnt
Der Traum von «echter Gleichstellung» durch einen obligatorischen Dienst für alle Bürgerinnen und Bürger ist hart mit der politischen Realität kollidiert. Die Bürgerdienst-Initiative, die alle Schweizer Bürgerinnen und Bürger unabhängig vom Geschlecht zum Dienst in der Armee oder im zivilen Bereich verpflichten wollte, wurde mit einer beispiellosen Ablehnung von 84 Prozent verworfen. Diese überwältigende Niederlage ist auf eine seltene und wirkungsvolle Zangenbewegung in der Politik zurückzuführen: Sowohl die rechte Schweizerische Volkspartei (SVP) als auch die linke Sozialdemokratische Partei (SP) schlossen sich zusammen, um den Vorschlag zu Fall zu bringen.
Die Gegnerinnen und Gegner machten erfolgreich geltend, dass eine Verdoppelung der Zahl der Dienstleistenden astronomische Kosten verursachen und das heutige Wehrpflichtbudget schätzungsweise verdoppeln würde, während zugleich der Arbeitsmarkt gestört würde. Zudem fand das Argument grossen Anklang, dass Frauen bereits den Grossteil der unbezahlten gesellschaftlichen Arbeit leisten. Damit wurden die Behauptungen des Initiativkomitees, die Initiative fördere die Gleichstellung, entkräftet.
Trotz der deutlichen Niederlage gibt sich Noemie Roten, die Präsidentin des Initiativkomitees, unbeirrt. Mit einem Verweis auf den langen Weg zum Frauenstimmrecht erklärte sie: «Die Idee eines Bürgerdienstes ist nicht tot ... sie wird sich in den kommenden Jahrzehnten durchsetzen.» Vorerst hat die Stimmbevölkerung jedoch klargemacht: Das traditionelle Modell der Wehrpflicht bleibt das Fundament des Schweizer Dienstes.
Vermögenssteuer an der Urne versenkt
Die «Initiative für eine Zukunft» der Jungsozialistinnen und Jungsozialisten ist kategorisch abgelehnt worden: 78 Prozent der Stimmberechtigten wollten eine Steuer von 50 Prozent auf Nachlässe im Wert von über CHF 50 Millionen nicht gutheissen. Unter dem Slogan «die Reichen besteuern, das Klima retten» wollte die Initiative den 2500 wohlhabendsten Haushalten des Landes jährlich CHF 6 Milliarden abnehmen, um einen ökologischen Umbau zu finanzieren.
Die Schweizer Stimmberechtigten sahen darin jedoch keine Lösung für den Klimaschutz, sondern eine direkte Bedrohung für den Wirtschaftsmotor des Landes. Eine massive Gegenkampagne hob die Risiken erfolgreich hervor: Kapitalflucht, den Wegzug wohlhabender Einwohnerinnen und Einwohner sowie eine Schwächung des Rufs der Schweiz als sicherer Hafen für Vermögenswerte.
Die Schweizer Bundespräsidentin und Finanzministerin Karin Keller-Sutter fand nach dem Ergebnis deutliche Worte. Sie sagte, die Steuer wäre ein «schlechtes Signal» an jene gewesen, die sich im Alpenland niederlassen möchten. Diese Ablehnung fällt deutlich härter aus als bei früheren Versuchen einer Erbschaftssteuerreform und signalisiert eine zunehmende Ablehnung von Massnahmen zur Umverteilung von Vermögen. Die Stimmberechtigten haben der fiskalischen Stabilität und der wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit Vorrang vor weitreichenden staatlichen Eingriffen in Privatvermögen eingeräumt.
Wirtschaftliche Stabilität schlägt radikalen Wandel
Die Ergebnisse vom Sonntag sind ein aussagekräftiger Gradmesser für die Stimmung in der Schweiz. In einer Zeit globaler Unsicherheit haben sich die Schweizerinnen und Schweizer auf Vertrautes zurückbesonnen: auf fiskalische Zurückhaltung, begrenzte staatliche Eingriffe und die Bewahrung der bestehenden wirtschaftlichen Ordnung. Die Ablehnung der Erbschaftssteuer war nicht bloss eine Verteidigung der Superreichen, sondern auch eine Verteidigung des Systems, das der Schweiz ermöglicht, als globaler Finanzplatz erfolgreich zu sein.
Die Politologin Corina Schena merkte an, die «deutliche Ablehnung» berge das Risiko, künftige Versuche einer Erbschaftssteuerreform zu untergraben. Das Ausmass der Niederlage der Linken deutet darauf hin, dass die Verknüpfung von Klimaschutz mit Strafsteuern im derzeitigen politischen Klima keine erfolgversprechende Strategie ist.
Letztlich bekräftigt das doppelte «Nein» das Selbstverständnis der Schweiz als Land, das die schrittweise Entwicklung einer Revolution vorzieht. Die Fragen der Klimafinanzierung und der Gleichstellung beim Dienst bleiben zwar dringlich, doch die Stimmberechtigten haben unmissverständlich erklärt, dass diese konkreten Lösungen, die als zu teuer, zu radikal und zu störend gelten, heute keinen Platz in der Schweizer Verfassung haben.