Schweiz
Schweizer Stimmberechtigte zweifeln an der Fähigkeit der Politik, globale Krisen zu bewältigen
Eine repräsentative Umfrage zeigt, dass weniger als ein Drittel der Schweizer Stimmberechtigten glaubt, Politikerinnen und Politiker könnten wirksam auf globale Krisen reagieren. Die Ergebnisse zeigen eine starke Unterstützung für eine engere Zusammenarbeit mit anderen Demokratien und Sicherheitspartnern, zugleich aber auch Unsicherheit über die Vorbereitungen der Schweiz und ihr künftiges Verhältnis zur EU.

Weniger als ein Drittel der Schweizer Stimmberechtigten glaubt, dass die Politikerinnen und Politiker des Landes in angemessenem Tempo auf globale Krisen reagieren können. Dies geht aus einer repräsentativen Umfrage hervor, die am 10. September 2026 veröffentlicht wurde. Eine relative Mehrheit hält die Schweiz zudem für schlecht auf geopolitische und sicherheitspolitische Herausforderungen vorbereitet.
Die Ergebnisse zeigen, dass das Vertrauen der Bevölkerung in die Schweizer Entscheidungsfindung unter Druck steht, während Regierungen mit Krieg, wirtschaftlichen Schocks, Cyberbedrohungen, Energierisiken und raschem technologischen Wandel konfrontiert sind. Die Umfrage nennt kein einzelnes Ereignis als Auslöser der Besorgnis. Sie hält vielmehr ein breit abgestütztes Urteil über die Fähigkeit des Landes fest, zu handeln, wenn sich die Entwicklungen schneller vollziehen als die politischen und administrativen Prozesse der Schweiz.
Die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft gab die Umfrage über ihren Thinktank Pro Futuris und die Universität Bern in Auftrag. Sie präsentierte die Ergebnisse als Ausgangspunkt für «Mission Suisse», eine parteiunabhängige, sektorübergreifende Initiative zur Stärkung der Handlungsfähigkeit der Demokratie.
Für ein Land, das Konsultation, Föderalismus und politische Zurückhaltung hochhält, verdeutlichen die Ergebnisse eine anspruchsvolle Forderung: Die Stimmberechtigten wollen, dass die Institutionen die demokratische Legitimität wahren und zugleich schneller auf äussere Bedrohungen reagieren.
Stimmberechtigte drängen die Schweiz zu stärkeren Partnerschaften
Rund 75% der Befragten befürworten eine engere Zusammenarbeit mit anderen Demokratien. Damit erhält das internationale Engagement in der Umfrage ein klares Mandat. Die Zahl fliesst in die langjährige Schweizer Debatte über Neutralität, Eigenständigkeit und die Rolle des Landes in einem zunehmend umkämpften Europa ein.
Auch die Unterstützung für praktische Sicherheitspartnerschaften ist gross. Rund 60% ziehen eine Sicherheitszusammenarbeit mit Partnern wie der Europäischen Union oder der NATO weitgehender Eigenständigkeit vor. Das Ergebnis deutet darauf hin, dass viele Stimmberechtigte zwischen politischer Unabhängigkeit und der Möglichkeit unterscheiden, sich mit Staaten abzustimmen, die demokratische Institutionen und Sicherheitsinteressen teilen.
Die Meinungen zu engeren Beziehungen zur EU sind weiterhin geteilt. Die Umfrage zeigt keine einheitliche Mehrheitsposition zum umfassenderen Verhältnis. Dies spiegelt die ungelöste Debatte darüber wider, wie die Schweiz den Zugang zu den europäischen Märkten, institutionelle Verbindungen und die nationale Entscheidungsfindung gestalten soll.
Die Ergebnisse kommen zu einem Zeitpunkt, an dem Schweizer Amtsträgerinnen und Amtsträger weiterhin Neutralität, Sanktionen, Verteidigungszusammenarbeit und grenzüberschreitende Risiken gegeneinander abwägen. Sie weisen zudem auf den Wunsch der Bevölkerung nach stärker strukturierten Partnerschaften hin, insbesondere wenn die Zusammenarbeit die Vorbereitung verbessern kann, ohne dass die Stimmberechtigten dafür die etablierte politische Identität der Schweiz aufgeben müssen.
Die Bevölkerung will den Aufbau inländischer Kapazitäten
Rund 73% der Befragten befürworten höhere staatliche Investitionen in Forschung, Bildung und Infrastruktur. Die Zahl spiegelt die breite Erwartung wider, dass der Staat langfristige Kapazitäten aufbauen soll, selbst wenn die Stimmberechtigten seine Fähigkeit infrage stellen, unmittelbare Krisen zu bewältigen.
Gesundheitskosten, Zuwanderung und Wohnkosten zählen laut Umfrage zu den wichtigsten Herausforderungen im Inland. Diese Belastungen zeigen sich in den Haushaltsbudgets, auf den Mietmärkten und in den politischen Debatten in den Kantonen. Sie beeinflussen auch, wie die Stimmberechtigten die Wirksamkeit des Staates beurteilen. Die Vorbereitung auf internationale Herausforderungen fällt weniger ins Gewicht, wenn Familien mit Krankenkassenprämien, Mieten oder der Wohnungssuche zu kämpfen haben.
Die Wirtschaftspolitik zeichnet ein stärker gespaltenes Bild. Eine relative Mehrheit von 40% wünscht sich weniger wirtschaftliche Regulierungen. Gleichzeitig sind knapp 80% der Ansicht, dass Unternehmen mehr Verantwortung für die wirtschaftliche Stellung der Schweiz übernehmen sollten. Diese Kombination deutet auf den Wunsch nach einer klareren Aufgabenteilung hin, nicht auf eine einfache Forderung nach mehr oder weniger Staat.
Eine Mehrheit erwartet zudem, dass der Staat im Bereich der künstlichen Intelligenz tätig wird. Die Befragten wollen daher, dass die Behörden in neuen Bereichen die Richtung vorgeben und zugleich den Druck sowie unnötige Einschränkungen in Teilen der Wirtschaft abbauen.
Unternehmen stehen stärker in der Verantwortung für die nationale Widerstandsfähigkeit
Knapp 80% der Befragten sagen, Unternehmen sollten mehr Verantwortung für die wirtschaftliche Stellung der Schweiz übernehmen. Diese Erwartung steht neben Forderungen nach öffentlichen Investitionen und einer stärkeren staatlichen Auseinandersetzung mit künstlicher Intelligenz. Damit zeichnet sich ein Modell geteilter Verantwortung ab, nicht ein rein staatlich geführtes Modell.
Die Umfrage legt nahe, dass die Stimmberechtigten die Widerstandsfähigkeit als nationales Vorhaben betrachten, an dem Regierung, Unternehmen, Hochschulen und Zivilgesellschaft beteiligt sind. Von den Unternehmen wird ein grösserer Beitrag zur wirtschaftlichen Stabilität erwartet. Der Staat bleibt unterdessen für Forschung, Bildung, Infrastruktur und Regeln für sich rasch entwickelnde Technologien zuständig.
Diese Aufgabenteilung wird etablierte politische Gepflogenheiten auf die Probe stellen. Die föderale Struktur der Schweiz verteilt Zuständigkeiten auf den Bund, die Kantone und die Gemeinden. Auch die Wirtschaftspolitik stützt sich stark auf private Arbeitgeber und Branchenorganisationen. Die Massnahmen über diese Ebenen hinweg zu koordinieren, kann langsam gehen, insbesondere wenn eine Krise Grenzen überschreitet oder Sicherheits-, Technologie- und Wirtschaftsrisiken miteinander verbindet.
«Mission Suisse», lanciert von der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft, soll die Handlungsfähigkeit der Schweizer Demokratie stärken. Die Umfrage bietet der Initiative einen detaillierten Ausgangspunkt: Die Stimmberechtigten wollen mehr Krisenreaktionsfähigkeit, eine engere Zusammenarbeit zwischen Demokratien und Investitionen in öffentliche Grundlagen. Gleichzeitig haben sie Vorbehalte gegenüber Regulierungen und engeren Beziehungen zur EU.
Mission Suisse muss Besorgnis in Handlungsfähigkeit umwandeln
Mission Suisse setzt bei einer Vertrauenslücke an: Die Stimmberechtigten befürworten Zusammenarbeit und Investitionen, doch weniger als ein Drittel vertraut darauf, dass Politikerinnen und Politiker in der nötigen Geschwindigkeit auf globale Krisen reagieren. Die Herausforderung für die Initiative wird darin bestehen, diese breit abgestützten Präferenzen in Entscheidungen umzusetzen, die für die Bevölkerung sichtbar und überprüfbar sind.
Dazu könnten klarere Krisenverfahren, engere Verbindungen zu demokratischen Partnern und eine nachhaltige Finanzierung von Forschung, Bildung und Infrastruktur gehören. Zudem müssen Politikerinnen und Politiker erklären, wo die Schweiz allein handeln kann und wo eine Zusammenarbeit mit der EU, NATO-Mitgliedern oder anderen Demokratien die Sicherheit und wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit verbessert.
Die Umfrage liefert keinen Beleg für einen gefestigten öffentlichen Konsens zu Europa. Die Meinungen zu engeren Beziehungen zur EU bleiben geteilt. Auch die innenpolitischen Meinungsverschiedenheiten über Regulierungen, Zuwanderung, Wohnraum und die Rolle der Unternehmen bleiben bestehen. Diese Auseinandersetzungen werden die Politik im Parlament und in den Kantonen weiterhin prägen.
Die Ergebnisse machen jedoch bestimmte Erwartungen der Bevölkerung deutlich. Die Schweizer Stimmberechtigten wollen Institutionen, die schneller handeln können, Partnerschaften zum Schutz der nationalen Interessen und Investitionen, die das Land stärken, bevor die nächste Krise eintritt. Politisch wird sich daran messen lassen, ob diese Erwartungen zu dauerhaften Reformen führen oder lediglich eine weitere Debattenrunde auslösen.