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Swiss Observer

Schweiz und USA verhandeln über Zölle, Frist im Juli

Wirtschaftsminister Guy Parmelin drängt angesichts des wachsenden Drucks durch die Auswirkungen der US-Zölle auf Schweizer Exporte auf Fortschritte in den Handelsgesprächen

Schweiz und USA verhandeln über Zölle, Frist im Juli
AISWI swissinfo.ch

Für die Schweizer Wirtschaft tickt die Uhr laut. Wirtschaftsminister Guy Parmelin befindet sich derzeit in einem Wettlauf mit hohem Einsatz, um vor dem entscheidenden Stichtag am 9. Juli einen Durchbruch bei den Zollverhandlungen mit den USA zu erzielen. Die Dringlichkeit ist spürbar: Scheitern die Gespräche, könnten Schweizer Exporteure auf Produkte, die auf den US-Markt gelangen, einen happigen Zoll von 31 Prozent zahlen müssen. Diesen Strafzoll hatte Präsident Trump Anfang Jahr angekündigt. Die Regierung hat diese massive Abgabe vorerst ausgesetzt und erhebt stattdessen einen allgemeinen Zollsatz von vorübergehend 10 Prozent, der die Margen Schweizer Unternehmen bereits schmälert.

Am Private Banking Day in Zürich machte Parmelin deutlich, dass sich das Zeitfenster für diplomatische Lösungen verengt. Während der Fokus weiterhin auf der Fertigstellung einer Absichtserklärung liegt, hat die US-Regierung signalisiert, dass die Einreichung dieses Dokuments möglicherweise der einzige Weg ist, die Frist zu verlängern. Die Lage ist unbeständig: Washington verhandelt gleichzeitig mit zahlreichen anderen Ländern, sodass Bern in einer überfüllten diplomatischen Arena um Aufmerksamkeit kämpfen muss. Die nächsten Wochen sind entscheidend. Die Schweiz muss diese technischen und politischen Hürden rasch überwinden, sonst droht ein schwerer Schlag für ihre transatlantischen Handelsbeziehungen.

Exportmotor gerät unter Druck

Die wirtschaftlichen Folgen sind keine blosse Möglichkeit, sie sind bereits Realität. Als besorgniserregendes Zeichen für den Wohlstand des Landes brachen die Schweizer Exporte im April um 9,2 Prozent ein. Dieser starke Rückgang zeigt, wie anfällig die Dynamik des Welthandels ist. Das Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit berichtet, dass der Handel mit den USA, einem wichtigen Partner, einen zweistelligen Rückgang verzeichnete. Dies bestätigt, dass das derzeitige Zollumfeld bereits seinen Tribut fordert.

Dieser Rückgang ist besonders alarmierend, weil die Exporte das Rückgrat der Schweizer Wirtschaft bilden. Die Ausfuhren ins Ausland sind mit insgesamt 25,2 Milliarden Franken zwar weiterhin hoch und lagen damit auf dem zweithöchsten je verzeichneten Stand, doch die Dynamik lässt unbestreitbar nach. Auch die Importe brachen um 15,6 Prozent ein. Dies führte zu einem Rekord-Handelsüberschuss von 6,3 Milliarden Franken, doch diese Zahl verdeckt die zugrunde liegende Schwäche des Handelsvolumens. Die Daten zeichnen das Bild einer Wirtschaft, die mit externen Schocks ringt und in deren Auftragsbüchern die von Washington ausgehende Unsicherheit bereits messbare Schäden anrichtet.

Pharma bricht ein, Uhren legen kräftig zu

Die Handelsdaten vom April erzählen eine Geschichte zweier Branchen, die von extremer Volatilität geprägt ist. Der Pharmasektor, normalerweise eine tragende Säule der Stabilität, erlitt einen dramatischen Einbruch. Die Ausfuhren chemischer und pharmazeutischer Produkte stürzten um massive 43,9 Prozent ab. Gegenüber dem Vormonat fehlten damit 2,9 Milliarden Franken. Dieser drastische Rückgang war der Hauptgrund für den allgemeinen Rückgang der Schweizer Exporte und zeigt die grosse Verwundbarkeit des wertvollsten Sektors der Schweiz.

Im scharfen Gegensatz dazu trotzt die Luxusuhrenindustrie allen Widrigkeiten. Die Ausfuhren Schweizer Uhren stiegen um 16 Prozent und erreichten mit 2,6 Milliarden Franken einen neuen Monatsrekord. Während Pharmariesen mit schwankender Nachfrage und Veränderungen in den Lieferketten kämpfen, erfreuen sich Schweizer Uhrenhersteller einer beispiellosen Nachfrage. Diese unterschiedliche Entwicklung schafft jedoch ein gefährliches Ungleichgewicht: Die Wirtschaft kann sich nicht allein auf Luxusuhren verlassen, um die Verluste in Milliardenhöhe in der Chemie- und Pharmabranche auszugleichen. Die Diskrepanz unterstreicht, wie wichtig ein breit angelegtes Handelsabkommen ist, das alle Bereiche der Schweizer Industrie schützt und nicht nur jene, die gerade gefragt sind.

Der Trumpf der Berufsbildung

Neben den harten Zahlen und den Zolldrohungen verfügt die Schweiz über einen wirkungsvollen diplomatischen Trumpf: ihr weltweit anerkanntes Lehrlingsmodell. Parmelin betonte, die US-Regierung sei «sehr interessiert» am Schweizer Ansatz der Berufsbildung. Während die USA eine umfassende «Reindustrialisierung» ihrer Wirtschaft vorantreiben, fehlt es ihnen an qualifizierten Fachkräften. Genau diese Lücke ist darauf ausgelegt, das Schweizer duale Bildungssystem zu schliessen.

Dieser Soft-Power-Vorteil ist zu einem zentralen Verhandlungshebel geworden. Gespräche mit dem US-Bildungsminister haben Washingtons Wunsch bekräftigt, das Schweizer Modell zu übernehmen und damit die heimische Produktion anzukurbeln. Für die Schweiz ist dies mehr als ein Bildungsaustausch, es ist ein strategisches Verhandlungsinstrument. Mit Fachwissen, das die US-Wirtschaftsagenda direkt unterstützt, hofft Bern, sich Wohlwollen und Zugeständnisse bei den Zöllen zu sichern. Es ist ein kalkulierter Versuch, die Schweizer Interessen mit den innenpolitischen Zielen der USA in Einklang zu bringen und so möglicherweise die Blockade vor Ablauf der Juli-Frist zu lösen.

Durch das politische Minenfeld navigieren

Selbst wenn es Parmelin gelingt, bis Juli eine Absichtserklärung auszuarbeiten, ist der weitere Weg von politischen Hindernissen gesäumt. Der Bundesrat kann nicht im Alleingang handeln. Ab einem gewissen Zeitpunkt braucht er ein formelles Verhandlungsmandat des Parlaments, um ein verbindliches Abkommen abzuschliessen. Das bringt zusätzliche innenpolitische Komplexität in eine ohnehin heikle internationale Situation.

Der Zeitplan ist eng und der Druck nimmt zu. Die USA haben klargemacht, dass die Einreichung der Absichtserklärung entscheidend ist, um die Frist vom 9. Juli zu verlängern. Wird sie nicht vorgelegt, könnten die Zölle von 31 Prozent sofort wieder in Kraft treten. Das wäre für die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz katastrophal. Während die Regierung ihre technischen Vorschläge mit den politischen Vorgaben in Einklang zu bringen versucht, steht die Schweizer Exportwirtschaft auf dem Spiel. Nun bleibt abzuwarten, ob die Diplomatie über den Protektionismus siegen kann.