internationale Beziehungen
Spannungen zwischen der Schweiz und den USA nehmen zu: Bern stoppt Waffenexporte und sieht sich Handelsuntersuchungen gegenüber
Das Verhältnis der Schweiz zu den Vereinigten Staaten steht unter genauer Beobachtung, während die Schweizer Regierung wegen des Nahostkonflikts neue Waffenexporte unter Berufung auf die Neutralität aussetzt. Gleichzeitig berät Bern über seine Reaktion auf zwei separate US-Untersuchungen zu mutmasslich unfairen Handelspraktiken.

Die Schweiz hat neue Waffenexporte in die Vereinigten Staaten abrupt gestoppt und damit einen mutigen Schritt unternommen, der die Neutralität über das Bündnis stellt. Während sich der Konflikt in Iran nach den am 28. Februar begonnenen Luftangriffen der USA und Israels verschärft, wendet der Bundesrat das Kriegsmaterialgesetz mit kompromissloser Strenge an. Am Freitag erklärte die Regierung, dass die Bewilligung von Militärlieferungen an Länder, die an diesem internationalen bewaffneten Konflikt beteiligt sind, nun unmöglich sei.
Bestehende Bewilligungen bleiben vorerst gültig, doch der Stopp neuer Bewilligungen gilt sofort und ohne Ausnahme. Verteidigungsminister Martin Pfister trat ruhig und bestimmt auf und erklärte, der Schritt sollte im Weissen Haus «keine Überraschung» auslösen. Er betonte, «die USA kennen die Maximen der Schweizer Aussenpolitik». Diese Einhaltung der rechtlichen Neutralität bringt Bern jedoch in eine heikle Lage. Eine spezialisierte Expertengruppe aus den Wirtschafts-, Aussen- und Verteidigungsministerien wurde mit einer umfassenden, fortlaufenden Prüfung sämtlicher Exporte beauftragt, einschliesslich Dual-Use-Gütern und Trainingsflugzeugen, um sicherzustellen, dass keine Schweizer Technologie die Kriegsanstrengungen unterstützt. Die Botschaft aus Bern ist klar: Selbst für den mächtigsten Handelspartner stehen Schweizer Gesetze nicht zur Verhandlung.
Washington kontert mit Handelsuntersuchungen
Fast gleichzeitig hat Washington eine breit angelegte regulatorische Offensive gegen den Schweizer Handel gestartet. Das Büro des US-Handelsbeauftragten unter der Leitung von Jamieson Greer hat Bern offiziell über zwei umfassende Untersuchungen nach Section 301 des Trade Act von 1974 informiert. Diese Untersuchungen sind nicht bloss bürokratische Formalitäten, sondern aggressive Instrumente, die oft zur Rechtfertigung strafender wirtschaftlicher Massnahmen eingesetzt werden.
Die erste Untersuchung richtet sich gegen «strukturelle Überkapazitäten». Dabei wird die Schweiz gemeinsam mit 15 weiteren Ländern, darunter China und Indien, daraufhin geprüft, ob innenpolitische Massnahmen die US-Märkte verzerren. Die zweite Untersuchung ist noch umstrittener: Sie nimmt 60 Volkswirtschaften unter die Lupe, denen vorgeworfen wird, Waren aus Zwangsarbeit nicht zu blockieren. Die Schweizer Regierung hat erst mit der Analyse dieser Schreiben begonnen, doch der Zeitpunkt ist unmissverständlich. Während der Bundesrat am Freitag über diese Drohungen beriet, ohne bereits einen Entscheid zu fällen, herrscht in Bern eine angespannte Stimmung. Die USA stellen das Schweizer Wirtschaftsmodell faktisch auf den Prüfstand und verlangen den Nachweis, dass die Handelspraktiken weder «unangemessen noch diskriminierend» sind.
Das Milliarden-Zollrisiko
Die wirtschaftlichen Einsätze waren wohl noch nie so hoch. Schweizer Exporteure kämpfen bereits mit einem zusätzlichen Strafzoll von 10 Prozent, den die USA am 24. Februar eingeführt haben und der mindestens 150 Tage gelten soll. Vorausgegangen war eine turbulente Phase, in der die Zölle unter Präsident Trump auf den enormen Satz von 39 Prozent stiegen, bevor der Oberste Gerichtshof der USA sie teilweise aufhob. Ziel ist es nun, einen verbindlichen Vertrag auszuhandeln, der diese Zölle auf höchstens 15 Prozent begrenzt. Der Weg dorthin ist jedoch voller Hindernisse.
Die Schweiz setzt bei den Verhandlungen eine wertvolle Karte ein: Investitionen. Schweizer Unternehmen sagen bis 2028 Direktinvestitionen von insgesamt 200 Milliarden US-Dollar (158 Milliarden Franken) in die US-Wirtschaft zu. Diese Finanzspritze ist ein entscheidender Hebel für Wirtschaftsminister Guy Parmelin, während er versucht, den Handelskrieg zu entschärfen. Doch angesichts der drohenden neuen Untersuchungen nach Section 301 reichen die zugesagten Milliardeninvestitionen möglicherweise nicht aus, um die Schweizer Industrien vor weiterem amerikanischem Protektionismus zu schützen.
Sicherheitsrisiken und politische Folgen
Der Entscheid, Waffenexporte zu stoppen, hat die politische Einigkeit in Bern erschüttert und alarmierende Fragen zur nationalen Sicherheit aufgeworfen. Während die Sozialdemokraten argumentieren, das Verbot sei zu milde, weil bestehende Bewilligungen nicht widerrufen würden, sieht die rechtsgerichtete Schweizerische Volkspartei (SVP) die Regierung zum Handeln gezwungen. Die eindringlichste Warnung kommt jedoch aus der Mitte. Reto Nause von der Mitte-Partei warnt, diese «verfrühte» Neutralität könnte die Verteidigungsfähigkeit der Schweiz erheblich beeinträchtigen.
Die Logik ist hart: Wenn die Schweiz sich weigert, die USA zu beliefern, könnte Washington Gleiches mit Gleichem vergelten. Die Schweizer Luftwaffe ist derzeit auf die Lieferung von F-35-Kampfjets und Patriot-Luftabwehrsystemen angewiesen, die für den Schutz des Landes entscheidend sind. Sollte sich die USA aus Vergeltung dafür entscheiden, andere Verbündete vorzuziehen oder Lieferungen zu verzögern, könnte sich der Preis der Neutralität in einer Verwundbarkeit des Landes messen lassen. Während die Expertengruppe die Lage beobachtet, bleibt die Frage: Kann die Schweiz ihre moralische Position behaupten, ohne ihre physische Sicherheit aufs Spiel zu setzen?