Medien
Schweizer TV-Anbieter nehmen Al Jazeera Arabic wegen Propagandavorwürfen aus dem Programm
Swisscom und Sunrise haben den arabischsprachigen Sender von Al Jazeera nach Vorwürfen pro-Hamas-Propaganda aus ihrem Fernsehangebot genommen. Der Schritt steht unter dem Vorbehalt einer Überprüfung der Vorwürfe, während der englischsprachige Sender weiterhin verfügbar ist.

Auf Schweizer Fernsehbildschirmen ist eine der prominentesten Stimmen des Nahen Ostens verstummt. In einem entschlossenen und koordinierten Schritt haben die grossen Anbieter Swisscom und Sunrise das Signal von Al Jazeera Arabic abrupt abgeschaltet und den Sender vollständig aus ihren Programmlisten entfernt. Die Abschaltung gilt seit dem 10. Dezember 2025 und stellt eine deutliche Verschärfung der Kontrolle ausländischer Medien innerhalb der Schweizer Grenzen dar. Es handelt sich nicht um eine technische Störung, sondern um eine bewusste Aussetzung, bis ein Überprüfungsverfahren mit weitreichenden Folgen abgeschlossen ist.
Das Schweigen auf den Fernsehkanälen sagt viel aus. Während Abonnentinnen und Abonnenten durch ihre Programmübersichten scrollen, fehlt der arabischsprachige Sender auffällig. Grund dafür ist der zunehmende Druck wegen der redaktionellen Ausrichtung des Senders. Ein Sprecher bestätigte gegenüber Keystone-SDA, dass der Sender so lange nicht ausgestrahlt werde, bis schwerwiegende Vorwürfe gegen seine Inhalte gründlich untersucht worden seien. Damit geraten die grössten Telekommunikationsanbieter der Schweiz direkt ins Zentrum eines globalen Informationskriegs. Private Unternehmen müssen als Torwächter in einem geopolitischen Konflikt handeln, der nun auch im Schweizer Wohnzimmer angekommen ist.
Der Propagandavorwurf: Anschuldigungen lösen Reaktion aus
Im Zentrum der Aussetzung steht ein brisanter Vorwurf: die Förderung von Terrorismus. Auslöser für die Abschaltung war die proisraelische Gruppe «Focus Israel», die den Schweizer Anbietern wegen der Verbreitung des Senders schwere Vorwürfe gemacht hat. Unterstützung erhält ihre Kampagne durch einen belastenden Bericht des israelischen Meir Amit Intelligence and Terrorism Information Centre. Darin wird behauptet, Al Jazeera Arabic verbreite seit Jahren aktiv Propaganda zugunsten der Hamas.
Den Vorwürfen zufolge sei der Inhalt des Senders in eine «rechtliche Grauzone» geraten und mit den Schweizer Rundfunkstandards unvereinbar. Al Jazeera Arabic hat diese Behauptungen vehement zurückgewiesen. Die rasche Reaktion von Swisscom und Sunrise zeigt jedoch, wie ernst die Vorwürfe genommen werden. Es geht nicht bloss um einen Streit über Voreingenommenheit, sondern um die Frage, was als Aufruf zu Gewalt gilt. Die Anbieter müssen nun aufwendig überprüfen, ob ein grosser internationaler Nachrichtensender die Grenze zwischen Journalismus und verbotener Propaganda überschritten hat.
Zwei Sender, zwei Welten: Die Sprachgrenze
Innerhalb des eigenen Sendeangebots des Netzwerks zeigt sich eine deutliche und rätselhafte Trennung. Während Al Jazeera Arabic aus dem Programm genommen wurde, ist Al Jazeera English für Zuschauerinnen und Zuschauer in der Schweiz weiterhin uneingeschränkt verfügbar. Diese Aufteilung macht einen entscheidenden Unterschied sichtbar, den sowohl Kritikerinnen und Kritiker als auch Regulierungsbehörden sehen: Inhalte für ein westliches Publikum gelten als grundlegend anders als Botschaften an die arabische Welt.
Diese «Jekyll-und-Hyde»-Realität des Sendebetriebs wirft unbequeme Fragen zum Medienkonsum und zur Kontrolle von Erzählungen auf. Der englischsprachige Sender, der häufig für seine Dokumentationen und internationale Berichterstattung gelobt wird, läuft ununterbrochen weiter. Das deutet darauf hin, dass die Anbieter nicht die Marke als solche für problematisch halten, sondern bestimmte Inhalte. Diese selektive Zensur verdeutlicht die Komplexität der Situation: Schweizer Zuschauerinnen und Zuschauer können Al Jazeera weiterhin sehen, sofern es sich um die für westliche Empfindlichkeiten aufbereitete Version handelt. Der unverfälschte arabischsprachige Kanal bleibt hingegen gesperrt.
Auf rechtlichem Glatteis: Neutralität trifft auf eine harte Linie
Diese digitale Zensur findet vor dem Hintergrund einer verschärften Schweizer Gesetzgebung statt. Seit Mai 2025 gilt in der gesamten Eidgenossenschaft ein formelles Verbot der Hamas, das die rechtliche Ausgangslage für die Neutralität grundlegend verändert. Die Massnahme erstreckt sich nicht nur auf terroristische Handlungen, sondern auch auf Vereinigungen und Gruppen, die im Namen der Organisation handeln. Die Vorwürfe gegen Al Jazeera Arabic betreffen deshalb nicht bloss den redaktionellen Geschmack, sondern könnten gegen Bundesrecht verstossen.
Die Schweiz ringt mit der modernen Definition von Neutralität. Indem sie ein Verbot für Inhalte durchsetzt, denen vorgeworfen wird, eine verbotene Organisation zu unterstützen, signalisiert das Land, dass seine Sendekanäle kein rechtsfreier Raum für Ideologien sind, die es gesetzlich verurteilt hat. Während die Überprüfung weitergeht, wird das Ergebnis einen wichtigen Präzedenzfall schaffen: Wie weit werden Schweizer Privatunternehmen und Behörden gehen, um internationale Medienerzählungen zu kontrollieren? Mit der Abschaltung setzen die Anbieter ein deutliches Zeichen: Im Kampf gegen Extremismus ist selbst die Fernbedienung kein neutrales Gebiet mehr.