Wissenschaft
Von der Schweiz geleitetes Team birgt rekordlangen Sedimentkern in der Antarktis
Ein internationales Forschungsteam unter der Co-Leitung der ETH Zürich und der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) hat unter dem antarktischen Eisschild einen 228 Meter langen Sedimentkern geborgen, den längsten, der je gewonnen wurde. Der Kern wird Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern helfen, die Auswirkungen der globalen Erwärmung auf den künftigen Meeresspiegel vorherzusagen.

Ein von der Schweiz geleitetes Team hat gerade geologische Geschichte geschrieben: Es barg aus dem Inneren der Antarktis einen beeindruckenden 228 Meter langen Sedimentkern. Das ist nicht einfach eine Verbesserung, sondern eine Revolution. Zum Vergleich: Der bisherige Rekord für einen Bohrkern, der unter einem Eisschild gewonnen wurde, lag bei bescheidenen zehn Metern. Diese Expedition hat die bisherige Bestmarke um mehr als 2'000 Prozent übertroffen und eine wissenschaftliche Ausbeute geliefert, die Forschenden jahrzehntelang entgangen war.
Die Operation unter der Co-Leitung der ETH Zürich und der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) war erfolgreich, wo andere gescheitert waren. Die ETH Zürich bestätigt, dass zwei frühere Versuche, einen Kern dieser Länge zu gewinnen, unter den extremen Bedingungen abgebrochen werden mussten. Dieses Mal jedoch war das 29-köpfige internationale Team erfolgreich und holte ein unversehrtes Klimaarchiv vom Meeresboden, das unser Verständnis der globalen Erwärmung grundlegend verändern könnte. Es handelt sich um die längste Tiefenprobe, die je in einer derart lebensfeindlichen Umgebung gewonnen wurde, ein monumentaler Erfolg für die Schweizer Wissenschaft auf der Weltbühne.
Ingenieurtechnischer Erfolg in der eisigen Einöde
700 Kilometer von der nächsten Forschungsstation entfernt musste sich das Team einer der unwirtlichsten Umgebungen der Erde stellen. Um ans Ziel zu gelangen, musste es zunächst einen Schacht durch 523 Meter massives Eis schmelzen, um überhaupt den Meeresboden zu erreichen. Erst danach konnte die anspruchsvolle Arbeit beginnen, weitere 228 Meter in den Meeresboden zu bohren. Die Operation auf dem schwimmenden Ross-Schelfeis, einer Region, die als entscheidender «Türstopper» den gewaltigen westantarktischen Eisschild zurückhält, war ein logistischer Hochseilakt.
Die Mission erforderte zehn Wochen harter Arbeit in einem abgelegenen Lager, unter Bedingungen von Isolation und rauem Wetter. Die technische Präzision, die nötig war, um einen Zugangstunnel von einem halben Kilometer Länge zu schmelzen, ohne die Bohrplattform zu destabilisieren, zeugt von der Ingenieurskunst, die diese Expedition antreibt. Das Schelfeis wirkt zwar unbeweglich, ist aber eine dynamische, sich ständig verändernde Grenze. Die erfolgreiche Bergung dieses Kerns beweist, dass menschlicher Erfindungsgeist selbst in die unzugänglichsten Winkel des Planeten vordringen kann, um Antworten zu finden.
Eine 23 Millionen Jahre alte Warnung entschlüsseln
Es steht viel auf dem Spiel: Wenn der westantarktische Eisschild kollabiert, steigt der globale Meeresspiegel um vier bis fünf Meter. Dieser Kern ist entscheidend, um eine solche Katastrophe vorherzusagen. Erste Analysen deuten darauf hin, dass die Sedimentschichten erstaunliche 23 Millionen Jahre alt sind. Sie dokumentieren Zeiten, in denen die Erde deutlich wärmer war als heute. Anhand dieser uralten Zeitreihe wollen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die genaue Temperaturschwelle ermitteln, bei der ein Eisschild kollabiert.
Das Projekt mit dem Namen SWAIS2C (Sensitivity of the West Antarctic Ice Sheet to 2°C) konzentriert sich auf eine beunruhigende Frage: Reicht ein Anstieg um 2 °C gegenüber den vorindustriellen Temperaturen aus, um den Eisschild zu zerstören? Das Ross-Schelfeis verhindert derzeit, dass die dahinterliegenden Gletscher ins Meer gleiten. Wenn es zerfällt, öffnen sich die Schleusen. Dieser Kern liefert die erforderlichen Daten, um Klimamodelle zu überprüfen, die sich bislang auf Schätzungen stützen. Es geht nicht einfach um Schlamm und Gestein, sondern um eine Prognose für das Überleben der Küstenstädte weltweit.
Schweizer Präzision treibt weltweite Forschung voran
Die Schweiz hat zwar keinen Meeranstoss, ihr Einfluss auf die Polarforschung ist jedoch unbestreitbar. Als Co-Leiter einer Koalition aus zehn Ländern haben die ETH Zürich und die WSL gezeigt, dass die Schweizer Führung im Kampf gegen den Klimawandel unverzichtbar ist. Der geborgene Kern wurde bereits zur Scott Base in Neuseeland geflogen und wird demnächst auf dem Festland eingehend im Labor untersucht.
Diese Mission unterstreicht eine entscheidende Tatsache: Um unsere Zukunft zu verstehen, müssen wir die Vergangenheit erschliessen, und Schweizer Institutionen halten dafür die Schlüssel in der Hand. Während die Welt mit der sich beschleunigenden Klimakrise ringt, werden die vom schweizerisch geleiteten Team gewonnenen Daten als Grundlage für die globale Klimapolitik dienen. Wir müssen nicht länger raten, was geschieht, wenn sich die Welt erwärmt. Dank dieser rekordverdächtigen Bohrung werden wir bald genau herausfinden, was mit der Erde geschieht, wenn die Temperaturen steigen.