Gesellschaft
Schweizer Taskforce geht gegen zunehmende Femizide vor
In der Schweiz werden neue dringende Massnahmen zur Bekämpfung von Femiziden eingeführt. Die Zahl der Todesopfer erreicht in diesem Jahr 18. Im Zentrum stehen frühzeitiges Eingreifen und der Schutz der Opfer.

Die Schweiz sieht sich mit einer erschütternden Realität konfrontiert: Die Zahl der Todesopfer häuslicher Gewalt erreicht kritische Werte. Seit Jahresbeginn wurden 18 Frauen und Mädchen von ihren Ehemännern, Ex-Partnern oder Familienangehörigen getötet. Das ist nicht bloss eine statistische Auffälligkeit, sondern ein gesellschaftlicher Notstand, der sofortiges und entschlossenes Eingreifen erfordert. Das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann (EBG) hat sich nun deutlich zu Wort gemeldet und mit Nachdruck politische Massnahmen gefordert, die der Schwere der Krise gerecht werden.
Die Häufigkeit dieser Angriffe hat tiefe Risse im Schutzsystem des Landes offengelegt. Während die Schweiz oft als sicherer Ort gilt, zeichnen diese Zahlen ein düstereres Bild von häuslichem Terror, der sich hinter verschlossenen Türen abspielt. Die Taskforce zur Umsetzung der Istanbul-Konvention hat sich nun zu Wort gemeldet und eingeräumt, dass passives Beobachten keine Option mehr ist. Die Regierung geht von der Diskussion zum Handeln über und erkennt an, dass jede Verzögerung möglicherweise ein weiteres Leben kostet, während sich die Gewalt gegen Frauen zuspitzt.
Der Auslöser: Brutalität am Arbeitsplatz
Wie dringend die Taskforce handeln musste, zeigte ein schrecklicher Gewaltakt Anfang Mai, der in der Schweizer Bevölkerung für Entsetzen sorgte. Bei einem dreisten Angriff, der die Vorstellung eines geschützten öffentlichen Raums erschütterte, erschoss ein Mann seine Frau an deren Arbeitsplatz mit einem Jagdgewehr. Dieser brutale Vorfall war ein düsterer Weckruf und zerstörte die Illusion, häusliche Gewalt beschränke sich auf den privaten Bereich. Er zeigte mit tödlicher Klarheit, dass die Bedrohung für Frauen sie auch ins Berufsleben verfolgt.
Diese Tragödie hinterliess einen bleibenden Eindruck im kollektiven Bewusstsein und zwang die Politik zum Handeln. Sie machte deutlich, wie leicht Schusswaffen bei häuslichen Konflikten verfügbar sind und wie katastrophal die bestehenden Präventionsmassnahmen versagen. Die jüngste Stellungnahme des EBG ist eine direkte Reaktion auf diesen und ähnliche Gewaltakte. Sie signalisiert, dass der Staat ein System nicht länger hinnehmen kann, in dem Warnzeichen ignoriert werden, bis es zu spät ist. Der Fokus hat sich von der Trauer auf die Frage der Verantwortlichkeit verlagert.
Drei Säulen des sofortigen Eingreifens
Um dieser zunehmenden Gewalt Einhalt zu gebieten, hat die Taskforce drei unverzichtbare Massnahmen festgelegt, die Lücken in der institutionellen Betreuung schliessen sollen. Erstens geht die Regierung den akuten Mangel an sicheren Zufluchtsorten an. Mit regionalen Lösungen soll die Kapazität von Frauenhäusern und Schutzunterkünften ausgebaut werden, damit keine Frau, die vor Gewalt flieht, mangels eines freien Bettes abgewiesen wird.
Zweitens richtet sich der Fokus auf die gefährlichste Phase eines häuslichen Konflikts: die Trennung. Fachpersonen sollen eine spezialisierte und fundierte Ausbildung erhalten, um die konfliktreiche Trennungsphase zu bewältigen. In dieser Zeit steigt das Risiko tödlicher Gewalt stark an. Schliesslich führt der Staat eine systematische, institutionenübergreifende Analyse jedes Femizids ein. Dabei geht es nicht bloss um das Sammeln von Daten, sondern um eine forensische Prüfung systemischer Versäumnisse. Indem die Behörden jede Tragödie genau untersuchen, wollen sie übersehene Warnzeichen und mangelhafte Abläufe erkennen, durch die Täterinnen und Täter bisher durchs Netz schlüpfen konnten.
Umfassende Gesetzesrevision in Sicht
Diese Sofortmassnahmen sind erst der Anfang einer umfassenderen rechtlichen Neuausrichtung. Die Schweizer Regierung bereitet eine Überarbeitung des gesetzlichen Rahmens für die Unterstützung von Opfern vor. Eine umfassende Revision des Gesetzes soll diesen Herbst vorgestellt werden. Damit bekennt sich die Regierung langfristig dazu, die strukturellen Ursachen geschlechtsspezifischer Gewalt abzubauen.
Mit den bevorstehenden Gesetzesänderungen sollen Schutzmassnahmen gesetzlich verankert werden, die derzeit von Taskforces in dringlichen Fällen zusammengestellt werden. Indem diese Schutzmassnahmen im Bundesrecht festgeschrieben werden, will die Schweiz sicherstellen, dass die Sicherheit von Frauen nicht von regionalen Unterschieden oder schwankenden Finanzierungen abhängt. Mit Blick auf die Herbstsession steigt der Druck auf die Gesetzgeberinnen und Gesetzgeber, einen griffigen rechtlichen Rahmen zu schaffen, der Opfer stärkt und Täterinnen und Täter in die Schranken weist, bevor Gewalt tödlich endet. Die Botschaft ist klar: Die Zeit der Nachsicht und des Wegschauens geht zu Ende.