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Swiss Observer

Mehrheit der Schweizer Bevölkerung unterstützt Anerkennung Palästinas, Geldgeber sagen dem UNHCR 1,16 Milliarden US-Dollar zu

Eine neue Umfrage zeigt, dass 57 % der Schweizer Stimmberechtigten die Anerkennung Palästinas als souveränen Staat unterstützen. Die Nachricht kommt zu einem Zeitpunkt, an dem internationale Geldgeber, darunter auch die Schweiz mit einer bedeutenden Zusage, dem in Genf ansässigen UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) für 2026 insgesamt 1,16 Milliarden US-Dollar zugesagt haben.

Mehrheit der Schweizer Bevölkerung unterstützt Anerkennung Palästinas, Geldgeber sagen dem UNHCR 1,16 Milliarden US-Dollar zu
AISWI swissinfo.ch

Eine klare Mehrheit von 57 % der Schweizer Stimmberechtigten fordert inzwischen die Anerkennung Palästinas als souveränen Staat. Dies signalisiert einen tiefgreifenden Wandel der öffentlichen Meinung, den Bern nicht länger ignorieren kann. Es handelt sich nicht um eine Randbewegung: Die Unterstützung zieht sich durch alle Altersgruppen, Bildungsniveaus und Sprachregionen und stellt die vorsichtige diplomatische Haltung der Bundesregierung infrage. Zwar führen die Grünen und die Sozialdemokraten diesen Vorstoss an, doch die breite Zustimmung deutet auf ein landesweites Erwachen angesichts des Konflikts im Nahen Osten hin.

Dieser wachsende öffentliche Druck fällt mit der Lancierung einer Volksinitiative durch eine Koalition aus Rechtsexpertinnen und -experten sowie Vertreterinnen und Vertretern der Zivilgesellschaft zusammen. Sie haben 18 Monate Zeit, um 100 000 Unterschriften zu sammeln und eine nationale Abstimmung zu erzwingen, durch die die Regierung rechtlich zum Handeln verpflichtet werden könnte. Die Botschaft aus der Schweizer Bevölkerung ist eindeutig: Der Status quo ist nicht länger akzeptabel. Während die Kluft zwischen dem Willen der Stimmberechtigten und der offiziellen Aussenpolitik grösser wird, gerät der Bundesrat zunehmend unter Druck, seine diplomatische Ausrichtung mit den moralischen Überzeugungen der Bürgerinnen und Bürger in Einklang zu bringen.

Genfs Rettungsanker: Milliarden zugesagt, während gekürzt wird

In einer entscheidenden finanziellen Intervention haben internationale Geldgeber dem in Genf ansässigen UNHCR für 2026 insgesamt 1,16 Milliarden US-Dollar zugesagt. Dieser Betrag übersteigt zwar die Zusagen zum gleichen Zeitpunkt im vergangenen Jahr, kommt jedoch vor dem Hintergrund strenger Sparmassnahmen. Die Organisation kämpft mit einem Budget, das um fast 20 % auf 8,5 Milliarden US-Dollar eingebrochen ist, und muss deshalb rund 5000 Stellen abbauen. Der Wegfall erheblicher Mittel aus den USA hat eine grosse Lücke in den Kapazitäten der Organisation hinterlassen.

Der scheidende Hochkommissar Filippo Grandi, der im Dezember nach zehn Jahren an der Spitze zurücktritt, begrüsste die Zusagen als «starkes Signal», warnte jedoch deutlich: «Die Sorgen bleiben.» Die Organisation bemüht sich, ihre Arbeit für weltweit über 135 Millionen Vertriebene aufrechtzuerhalten. Ohne eine rasche Umsetzung dieser Versprechen ist die Liquidität des UNHCR unsicher, was die Hilfsbemühungen zu Jahresbeginn lähmen könnte. Der Kontrast zwischen Zusagen in Milliardenhöhe und massiven Stellenstreichungen zeichnet ein angespanntes Bild der humanitären Hilfe im Jahr 2026.

Berns strategischer Schachzug: Finanzierung und Einfluss

Die Schweiz hat eine Zusage von 34 Millionen Franken gemacht und damit ihre Rolle als wichtiger, wenn auch nicht führender Akteur im humanitären Bereich bekräftigt. Davon sind 18 Millionen Franken ungebunden und geben dem UNHCR entscheidenden Handlungsspielraum. Der restliche Betrag ist gezielte Hilfe für Krisen wie jene in der Ukraine. Diese finanzielle Verpflichtung wird jedoch von intensiven politischen Manövern um die künftige Führung der Organisation überschattet.

Während die ehemalige Schweizer Staatssekretärin für Migration Christine Schraner Burgener um den Spitzenposten kandidiert, nutzt Deutschland seinen Status als wichtiger Geldgeber, um den eigenen Kandidaten Niels Annen zu unterstützen. Die Kräfteverhältnisse verschieben sich, und finanzielle Beiträge gelten zunehmend als Druckmittel. Dass die Schweiz mit den massiven Beiträgen grösserer Mächte nicht mithalten kann, könnte ihre diplomatischen Ambitionen im UN-System beeinträchtigen und den Wettstreit um Grandi’s Nachfolge zu einem geopolitischen Kräftemessen mit hohem Einsatz machen.

Mitgefühl in der Praxis: Die menschlichen Folgen

Jenseits der abstrakten Debatten über Staatlichkeit ist das Mitgefühl der Schweizer Bevölkerung konkret und überwältigend: 65 % unterstützen es, verletzte Kinder aus Gaza in Schweizer Spitälern behandeln zu lassen. Dieser humanitäre Impuls überwindet politische Gräben. Eine klare Mehrheit befürwortet die kürzlich getroffene Vereinbarung, 20 verletzte Jugendliche zu betreuen. Das zeigt, dass die Bevölkerung tief von den menschlichen Folgen des Konflikts bewegt ist, unabhängig von dessen geopolitischer Komplexität.

Diese landesweite Solidarität steht jedoch in starkem Kontrast zur Zurückhaltung in einzelnen Regionen. Der Widerstand von Kantonen wie Zürich und zunächst auch Freiburg stösst in der breiten Öffentlichkeit auf Unverständnis: 52 % der Befragten geben an, eine solche Zurückhaltung nicht zu verstehen. Die Kluft zwischen kantonaler Bürokratie und dem Willen der Bevölkerung, Leid zu lindern, macht eine Spannung im Schweizer Föderalismus sichtbar. Während die Menschen bereit sind, den besonders schutzbedürftigen Opfern des Krieges die Türen zu öffnen, kommt der Verwaltungsapparat nur schleppend voran.

Diplomatische Isolation: Die Schweiz gegen den Strom

Die Schweiz steht auf der Weltbühne zunehmend isoliert da, während sich die diplomatische Entwicklung entschieden in Richtung Anerkennung Palästinas bewegt. 158 der 193 UN-Mitgliedstaaten, darunter westliche Verbündete wie Frankreich, Grossbritannien und Kanada, haben diesen Schritt bereits vollzogen. Bern gehört weiterhin zu einer schrumpfenden Minderheit von Staaten, die daran festhalten, gemeinsam mit den USA und Israel. Diese Haltung lässt sich innen- wie aussenpolitisch immer schwerer rechtfertigen.

Der Druck kommt nun von zwei Seiten: durch die diplomatische Dynamik im Ausland und die demokratische Forderung im Inland. Während die Volksinitiative an Fahrt gewinnt und internationale Partner ihre Positionen ändern, wird die traditionelle Neutralität des Bundesrates stärker denn je auf die Probe gestellt. Eine weitere Verzögerung der Anerkennung droht die Schweiz in den Augen ihrer eigenen Stimmberechtigten auf die falsche Seite der Geschichte zu stellen. Die Frage ist nicht mehr, ob die Schweiz Palästina anerkennen wird, sondern wie lange die Regierung dem Unvermeidlichen noch standhalten kann.